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Gabriele Wohmann Die Klavierstunde



Die Interpretation folgt dem sogenannten didaktischen Dreischritt: 1. soll eine umfangmäßig begrenzte Interpretation erfolgen, 2. eine kurze didaktische Ãœberlegung, 3. kann ein sich aus 1. und 2. ergebender methodischer Vorschlag zum Unterrichtsverlauf die Arbeit abschließen. Für 'Die Klavierstunde" ergibt dies folgende Analyse:



1. Ãœber Gabriele Wohmanns Arbeitsweise äußert sich Ulrich Klein in seinem Buch 'Entdeckendes Lesen", Hannover 1971, S. 95: 'Konzeptionspunkte für das Erzählen sind nicht etwa reine Phantasiegebilde, schweifende Hirngespinste, absurde Sprachspielereien oder utopische Möglichkeitsvisionen; Ausgangspunkt ist überwiegend Faktenmaterial: ... in der Kurzgeschichte ,Die Klavierstunde' biographische Einzelheiten." Er beruft sich dabei auf einen Brief G. Wohmanns an ihn selbst vom 2.11.1968, in dem die Autorin schreibt: ,'Die Klavierstunde', Juli 1957; ich ging als Kind jede Woche einmal in die Klavierstunde, ich hatte beinah immer zu wenig geübt. .. Die Gegenhandlung, in der die Klavierlehrerin auch zur Stunde gar keine Lust hatte, fiel mir wohl ein, weil ich später selber eine Zeitlang Lehrerin war" . Die frühen Erzählungen der Wohmann, zu denen auch 'Die Klavierstunde" zählen kann, variieren nach Klein immer ein Fluchtmotiv: '. . . Kinder verlassen die heile Welt ihrer Gruppe. Betroffen sind immer die sensitiv Verletzbaren, die feinnervig Strukturierten, . . . Ein bekanntes Thomas-Mann-Motiv wird also wieder aufgenommen, hier aber ohne alle Ironie gestaltet. Sensible Lehrerinnen möchten der Sterilität des banalen Schulalltags oder dem täglichen Einerlei des Klavierunterrichts entfliehen; Lcbcnsckcl und -Ãœberdruß sind das Ergebnis" .
     
Klein fährt fort: 'Man könnte die Flucht-Erzählungen der frühen Arbeitsperiode als Veranschaulichungen existentieller Grenzsituationen auffassen" . G. Wohmann schreibt dazu in einem Brief: '. . . Die vorher ,ordentliche' Welt des Kindes — beschützt und so weiter — geht im Augenblick, den meine Geschichte aufspießt, verloren. Solche Augenblicke habe ich nicht nur dieses eine Mal schreibend fixiert, sie interessieren mich immer wieder. Es gibt sie auch im Leben von erwachsenen Leuten. Eine Fassade bricht ein, etwas — wie Hoffnung, wie Sicherheit — kommt abhanden" . Aus 15 Abschnitten besteht 'Die Klavierstunde". Je sieben Abschnitten aus der Perspektive des Klavierschülers folgen jeweils in der abwechselnden Reihenfolge sieben aus der Gegenperspektive der Klavierlehrerin. Der 15. Abschnitt fügt beide Perspektivsichten der vorhergehenden Abschnitte zusammen. Im Schlußbild wird das Ganze pointierend verdichtet: 'Das Metronom tickte laut und humorlos."
Der erste Satz des 1. Abschnitts aus der Perspektive des Klavierschülers ist ein Hauptsatz, der mit einem Doppelpunkt abschließt. Der Doppelpunkt kündet eine Aufzählung dreier Bilder an, die eine Situation schildern, zu der der Schüler keine, höchstens eine feindselige Beziehung aufweist: 'die flackernden Sonnenkleckse auf dem Kiesweg, das Zittern des Birkenlaubs; die schläfrige Hitze zwischen den Hauswänden im breiten Schacht der Straße". Dann folgt eine Handlungserzählung von zwei Sätzen, die in die Ãœberlegung des Schülers mündet, nicht zur Klavierstunde zu gehen. Die Situation, in die ihn diese Ãœberlegung führt, wird dann geschildert. Sie führt in ein inneres Ringen, das als Ergebnis den wichtigen Satz bringt: 'Die eine Stunde möglicher Freiheit wog schwerer als die mögliche Unfreiheit eines ganzen Nachmittags." Dieser Satz wird als 'erstrebenswert" gekennzeichnet. Das Erstrebenswerte selbst wird durch einen Doppelpunkt angezeigt und verdeutlicht. Es ist ein 'ungleicher Tauschhandel". Aber die Reflexion über das 'Erstrebenswerte" wird letztlich vom Schüler geflohen und negiert. Er geht weiter. So endet der erste Abschnitt in der Form der Handlungserzählung.
      Der zweite Abschnitt, aus der Perspektive der Klavierlehrerin als Gegenhandlung von G. Wohmann konzipiert, beginnt handlungserzählend ; führt zu einer Art verkappten inneren Monologs: 'Owehowehoweh", wird handlungserzählend weitergeführt, führt wieder zum inneren Monolog, wird wieder handlungserzählend und schildert dann eine imaginäre Situation: 'Auf einem imaginären Bildschirm . . ." Es folgt wieder Handlungserzählung, dann die Form inneren Monologs, dann Handlungserzählung, dann innerer Monolog, konzentriert in der Infinitivform des Verbs . Zum Schluß des Abschnitts haben wir wieder Handlungserzählung.
      Der dritte Abschnitt stellt wieder die Perspektive des Klavierschülers dar, zunächst monologisch gefaßt in Infinitivformen der Verben , dann wird er situationsschildernd, dann handlungserzählend, dann situationsschildernd, dann monologisch in Infinitivformen konzentriert. Im vierten Abschnitt, aus der Perspektive der Klavierlehrerin gesehen, ergibt sich eine Folge von Handlung, imaginärer Situation, innerer Monolog — reduziert auf die Infinitivform —, Handlung.
      Dieses Wechselspiel von Handlung, Situation und verkapptem Monolog setzt sich in den weiteren Abschnitten der 'Klavierstunde" mit jeweils wechselnder Dominanz fort, wobei in Einzelabschnitten auch einmal eine der drei Erzählformen wegfallen kann. Die Abschnitte werden dabei immer kürzer auf den 15. Abschnitt hin enggeführt, wodurch ein Spannungsmoment intendiert underreicht wird. Der 15. Abschnitt findet dann seine Pointierung in dem trübsinnig stimmenden Schlußbild: 'Das Metronom tickte laut und humorlos", ein Bild, das die Stimmung der ganzen Kurzgeschichte genau wiedergibt. In der 'Klavierstunde" variiert damit G. Wohmann schon die Arten ihrer Erzählformen, wie Rainer Hagen diese als Entwicklungsfolge ihres gesamten Arbeitens kennzeichnet: Zu Anfang ihres schriftstellerischen Arbeitens wählt die Wohmann die spannende Handlung als Erzählerin, dann wird die wissende Erzählerin eliminiert in der Form des inneren Monologs, die Handlung schrumpft dabei zur Pointe, schließlich gibt die Erzählerin nur noch reine Situationsberichte1.
2. 'Die Klavierstunde" wird für Schüler ab 15. Lebensjahr zur Lektüre empfohlen. Ihre Problematik dürfte die vieler Schüler sein. Sie ist geeignet, ein Problembewußtsein gegenüber dem Erwerb sogenannter 'Kulturtechniken" zu wecken.
      Sprachlich und zugleich psychologisch interessant ist der durchgeführte Einfall der Gegenhandlung. Ihn zu reflektieren, ist eine besondere Aufgabe.
      3. Aus der Interpretation ergibt sich folgender möglicher Unterrichtsverlauf:
A) Eingangsgespräch nach häuslicher Lektüre: 'Die Problematik der aufgenötigten Klavierstunde."
B) Klassenlektüre: Klavierschüler Klavierlehrerin
15. Abschnitt Durch das Rollenlesen wird die Struktur der Geschichte aufgedeckt.
      C) Exploration über das Gelesene, verbunden mit den Lernzielen: Erkennen von Handlung und Gegenhandlung;wenn möglich, Erkennen der Erzählperspektiven von Handlungserzählung — Situationsschilderung und verkapptem inneren Monolog in den Einzelabschnitten durch grammatische Analysen, um aufzudecken, daß G. Wohmann in der 'Klavierstunde" die Arten der Erzählformen variiert, die eine Entwicklungsfolge ihres Arbeitens ergeben. Reflexion über das Schlußbild als Schlußpointe.

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Gabriele  Wohmann        Die  Klavierstunde    





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