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Erzählungen der gegenwart

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Gabriele Wohmann Denk immer an heut nachmittag



Analyse
Eine das Ganze überschauende Erzählerin berichtet hier über eine Situation, in der ein Vater und sein Kind sich befinden. Die Handlung und die Geschehnisse, die zu dieser Situation geführt haben, werden kaum berührt. Es kommt der Erzählerin darauf an, die Situation mit sprachlichen Mitteln zu erschließen. Diese sind:



1. Drei verschiedene Stilebenen

2. Leitmotive und Wiederholungen
3. Ungewöhnliche Bilder


Das zugrunde liegende Geschehen
Die Mutter des Kindes ist gestorben. Der Vater entschließt sich, den Sohn in eine Internatsschule zu geben. An einem Vorfrühlingstag bringt er ihn selbst nach Lau-rich und versucht, ihm den Abschied mit unzulänglichen Mitteln und unter Verkennung der Qualen des Jungen zu erleichtern. Sein froher Ton, das Hervorheben der positiven Seiten und drei Mahnungen sind seine Methode. Sport soll er treiben und nie' lockerlassen, die Liebe der Mutter nicht vergessen und immer an diesen schönen Nachmittag denken. Das Kind antwortet einsilbig, ist traurig, so daß ihm mehrmals die Tränen kommen und Scheu dem Vater gegenüber, bis es zum Schluß plötzlich entdeckt, daß es seinen Vater bedauert.
      Die sprachlichen Gestaltungsmittel
Die Situation wird in einer scheinbar faktischen Sprache dargestellt. Bei näherem Zusehen aber zeigen sich die Züge einer eigengesetzlichen fiktiven Welt. Die Ortsnamen Gratte und Laurich sind erfunden, aber sie entsprechen der deutschen Ortsnamenbildung. Das gilt auch für die Einzelzüge der Landschaft und des Stadtbildes: kahle Bäume, Kiefern, sandige Kahlschläge, Ulmenwäldchen; die Stadtbahn, Gassen, Schaufenster, Wicklers Mannequins. Indessen ergeben sie nicht eine wirkliche Stadt mit ihren Gegensätzen, sondern eine einseitig kritisch gesehene, ja fremdartige Landschaft und Stadt. Trostlosigkeit, kleinbürgerliche Enge, Konsumeifer der Hausfrauen und Motorversessenheit der Männer bestimmen einseitig das Bild. Die Zuspitzung wird durch übertriebene Feststellungen , durch kaum vollziehbare Bilder noch deutlicher. Ebenso werden das Wettfahren des fetten Jungen und das Rugby-Fußballspiel der Schüler von Laurich einseitig als Zerrformen des Sports sprachlich charakterisiert, man kann sagen karikiert. 'Sein, schwitzendes bläuliches Gesicht war vom Ehrgeiz verunstaltet, die farblose dicke Zunge lag schlaff auf der Unterlippe" . Nicht zwei Mannschaften, sondern 'eine Horde von Kindern . . . rannte und stieß und schrie planlos durcheinander" . Die neue Umgebung wird also unfreundlich, planlos, chaotisch, ja lebensfeindlich dargestellt.
      Der Vater sieht das alles nicht. Seine Sprache ist wie sein Denken und Empfinden im Edlen, Vornehmen, Pädagogischen angesiedelt. Das Kind ist im vollen Gegensatz zu dem gesprächigen Vater sprachlos. Seine einzigen Ã"ußerungen sind zweimal 'Ja" und 'Ich weiß nicht" . Alles, was wir über das Kind erfahren, sagt uns die Erzählerin in einer durch ihre Sachlichkeit und Ruhe deutlich von dem Stil der Situationsschilderung und des Vaters abgehobenen Sprache.
      Mit dem rhythmisierten Leitmotiv der Ãoberschrift gestaltet die Erzählerin in unterschiedlicher Weise das Thema der Geschichte. Der Vater ist völlig überzeugt von der positiven Denkwürdigkeit dieses Nachmittags, das Kind keineswegs im gleichen Sinn. Seine Ja unterstreichen den Gegensatz noch. Denkwürdig werden für das Kind seine Trauer und sein Erwachen zum selbständigen Urteil sein. Die Erzählerin durchdringt das Ganze ironisch, indem sie in den drei Stilebenen berichtet und dem Leser mit Hilfe des Leitmotivs den Vorgang als eher vergessens- denn erinnernswert erscheinen läßt. Dieser Eindruck wird durch Wiederholungen und ungewöhnliche Bilder verstärkt. Wiederholungen sind neben dem Leitmotiv die Plättform, die Mannequins, der Junge auf dem Fahrrad und die Liebe der Mutter. Am schwierigsten sind die un-gewöhnlichen Bilder zu verstehen. Sie sind so zahlreich, daß sie den fiktiven Charakter besonders stark bestimmen. Der aufmerksame Leser wird vielfach kritisch fragen. Er muß berücksichtigen, daß die Wirklichkeit fremd sein soll, um zu ihrer Wahrheit durchzudringen. Ob dieser Gestaltungswille immer erfüllt wird, ist zweifelhaft. Fragezeichen sind z. B. bei folgenden Bildern und Sachverhalten zu setzen:
'wie im Gebet die Lippen bewegten" 'das Delta der Gassen"
'Gratte sah nur noch wie ein dicker dunkler Pickel aus" 'ein eiförmiger Ball, einem kranken Vogel ähnlich" 'als wollten die Augen selbst aus der Spange der Lider platzen" 'wie eine gegorene, von Würmern geschwollene Pflaume" . Daß alle Frauen zweimal am Tag einkaufen, klebrige Portemonnaies haben und die Münzen zählen müssen, trifft nur in der Geschichte zu. Diese Vorstellung paßt zu der miesen Welt, in der die Kinder hinter schartigen Hausmauern verschwinden. Ebenso trist ist der Ball im Schülerspiel, der schwarz und träge aufsteigt, torkelt und 'wie eine gegorene, von Würmern geschwollene Pflaume zurückklatschte". Diesen elenden Ball aber schraubt das Kind 'so hoch, bis es sich nicht mehr vorstellen konnte, daß er wieder auf die Erde zurück müßte" . Die fiktive Wirklichkeit des Trostlosen entspricht der Seelenlage des Kindes. Der forcierte Optimismus des Vaters läßt das Trostlose noch trostlosen erscheinen. Ob die beiden selbständigen Gedanken des Kindes, das Hochschrauben des Balles und daß es den Vater bedauert, einen Ausbruch aus der trostlosen Welt bedeuten, ist fraglich angesichts der Passivität des Kindes.

      Zum Unterricht
Sicher ist, daß dieser Text so gut wie allen Schülern Schwierigkeiten bereiten wird. Er hat keine Handlung; der 'Held" der Geschichte ist passiv; das Problem der seelischen Verletzlichkeit bei einem etwa zehnjährigen Kind ist von Jugendlichen in der Behandlung, die es hier gefunden hat, nur schwer zu erfassen. Das Mittel der mehrschichtigen Ironie ist dem Alter ebenfalls fremd. Der Lehrer kann diese Schwierigkeiten vielleicht bewältigen, wenn er vor der Lektüre die Schüler darüber sprechen läßt, wie wohl ein Junge, der seine Mutter verloren hat und nun in ein Internat gehen soll, empfindet und denkt. Danach kann man die Situation darstellen, in der ein Vater und sein Sohn sich auf der Reise zum Internat befinden. Die Geschichte, die in einem solchen Unterrichtsgespräch herauskommt, ist sicher anders. Von diesem Gegenbild aus ist vielleicht die Erzählung Gabriele Wohmanns zu erschließen.

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Gabriele  Wohmann      Denk  immer  heut  nachmittag    





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