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Post für Mademoiselle Rosalba - Ãober E. T. A. Hoffmann



Theodor saß am Klavier und improvisierte. Es ging hervorragend. Kr hielt sich bewusst in K-Dur, denn dies war die Tonart, in welcher er seine peinliche Niederlage erlebt hatte. Zugetragen hatte sich dies: Seine Kitern waren geschieden, und die Wohnung in Königsberg, in die die Mutter und er umgezogen waren, teilten sie mit der Großmutter, zwei Tanten und einem unverheirateten Onkel. Dieser Onkel Otto war ein pedantischer Mensch, ewig unzufrieden - und keiner wusste weshalb -, zu dick, weil er sich ständig voller Süßigkeiten stopfte, eitel bis zum Krbrechcn und darauf aus, durch seine Kleidung Kindruck zu schinden, und, Gott sei's geklagt, Theodors Zimmergenosse.



      Vielleicht war es die allzu große Nähe bei Nacht - Theodor malte sich einen Schwerterkampf von 'Traumgestalten aus -, die eine arge Gereiztheit zwischen ihnen herbeigeführt hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass der Onkel es als seine Pflicht ansah, dem Jungen den Vater zu ersetzen. Wie dem auch sei, Onkel Otto hatte sich unter anderem bemüßigt gefühlt, Theodor Klavierunterricht zu geben. In den ersten zwei Monaten der Kcktionen am Piano waren vonseiten des Onkels, der sonst in Theodors Augen eher ein Leisetreter und Duckmäuser war, harte Worte wider ihn ge-fallen. Einen antimusikalischen Hund hatte Onkel Otto den Neffen genannt, einen 'Traumtänzer, einen Schlurimuri, aus dem nie ein ordentlicher Klavierspieler werden würde. Von da an bedachte Theodor den Verwandten in Gedanken, oder wenn er zu seinem besten Freund Hippel von ihm sprach, mit dem Spitznamen »Sir Ott«.
      Doch dann hatte 'Theodor bei der Bearbeitung der Pianotasten auf einmal lobenswerte Kortschritte gemacht. So erstaunliche Fortschritte, dass der Onkel beschlossen hatte, ihn diese bei dem nächsten Hauskonzert den Freunden und Bekannten vorführen zu lassen.
      Ãober dem Stück, das der Onkel dazu ausgewählt hatte, hatte mit großen Buchstaben »Scherzando, Presto« gestanden, und als der Onkel es Theodor vorgespielt hatte, hörte dieser etwas Hüpfendes, Springendes heraus, das ihm missfiel. Vieler 'Tränen und ermunternder Püffe hatte es bedurft, bis das verdammte Presto endlich saß. Und dann war der Tag gekommen, an dem Theodor sich vor dem Onkel, den vier Frauen und musikalischen Bekannten hatte produzieren sollen.
      Er konnte alles flüssig und sicher, bis auf dieses abscheuliche E-Dur-Presto. Also hatte er sich am Abend zuvor in eigensinnigem Aufbegehren ans Klavier gesetzt und sich vorgenommen, das Stück - koste es, was es wolle - so lange zu üben, bis er es fehlerfrei spielen konnte. Dabei geschah es, dass er, ohne recht zu wissen, warum, in eine andere Tonart geriet. Und siehe da, jetzt war das Spielen viel leichter geworden und er verfehlte keine Note, ja, es kam ihm sogar vor, als klinge das Stück besser, jedenfalls so, wie es der Onkel ihm zur Nachahmung vorgespielt hatte. Es wurde ihm froh und leicht zumute.
      Am anderen Tage vor der Versammlung von Freunden und Bekannten, die an Teetassen und Likörgläsern nippten, hatte er sich keck an den Flügel gesetzt und hämmerte sein Stücklein frisch darauf los und der Onkel rief einmal über das andere Mal ganz begeistert dazwischen: »Potz Blitz! Das hätte ich nicht gedacht! Der Junge hat wirklich Talent.« Als das Presto zu Hnde war, sagte einer der Zuhörer: »So geläufig. Bravo! Und das in der schweren Tonart E-Dur.« »Wahrlich doch!«, erwiderte der Onkel und warf sich in die Brust, als habe er es selber gespielt. »Da zeigt sich ein Talent.«
»Mit Verlaub, mein Verehrtester«, mischte sich der Kantor ein, der auch zu dem Freundeskreis der Familie gehörte, »das war nicht E-Dur, das war F-Dur.«
»Wie denn, was denn!«, sagte der Onkel etwas zu laut. »Sic als Berufsmusiker sollten doch in der Lage sein, zwischen E-Dur und F-Dur zu unterscheiden.«
Dazu sei er, weiß Gott, in der Lage, hatte der Kantor ebenfalls laut erwidert.
      »Dann wollen wir das doch jetzt ein für alle Mal klären«, rief darauf Onkel Otto, zerrte den Kantor mit dem Ã"rmel an den Flügel und deutete triumphierend auf die vier Kreuze auf dem Notenblatt.
      »Und doch hat der Kleine F-Dur gespielt«, hatte der Kantor beharrt.
      Worauf Theodor das Stück hatte noch einmal spielen müssen.
      Er hatte ganz, unbefangen begonnen, frisch und locker, weil ihm nicht klar gewesen war, worüber der Onkel und der Kantor stritten.
      Der Onkel aber starrte auf die Tasten, als habe er Stecknadeln im Blick und könne die Töne damit aufspießen. Und schon nach einigen Takten hatte er nach Theodors Ohrläppchen gegriffen, es lang gezogen und ausgerufen: »Verdammter Bengel! Der Herr Kantor hat ja ganz Recht, du hast das Stück in F-Dur gespielt!«
Leichtsinnigerweise hatte sich Theodor dann auch noch dazu hinreißen lassen zu behaupten, so klinge es ja auch besser, worauf es sogleich noch eine Ohrfeige gesetzt hatte. Bei Hieben, fand Theodor, sei nicht der Schmerz das Schlimme, sondern die Schande. Jedes Mal, wenn er sich später an die Szene erinnerte, wurde er puterrot im Gesicht. Einige Tage nach dem Zwischenfall hatte er wieder am Klavier gesessen. Er hatte die Töne rollen, rinnen, tirilieren und seufzen lassen. Ganz leicht war das gegangen, ohne Rücksicht, in welcher Tonart er sich gerade befand, es war vielmehr wie eine Art von Beschwörung.
      F,r hatte in letzter Zeit häufig Feengeschichten gelesen. Seine Phantasie hatte das Aussehen dieser Wesen stark beschäftigt. Er war zu ganz eigenen Vorstellungen gelangt. So war er denn auch gar nicht weiter erstaunt, als er von den Tasten aufsah und in den Spiegel schaute, der über dem Instrument an der Wand hing, und darin das Abbild eines dieser Geschöpfe aus dem Reich der Phantasie wahrnahm. Es war eine schöne junge brau in einem weißen, fließenden Gewand. Sie hatte langes blondes I laar und schmale Hände, von denen Theodor es angenehm gefunden hätte, liebkost zu werden.
      Er konnte, angesichts dieser Erscheinung, die ihm ganz deutlich sogar zulächelte, sich nicht so einfach wieder dem Spiel zuwenden.
      Und dann redete sie sogar zu ihm: »Was dir der Onkel angetan hat, war unartig und verdient eine Strafe.« »So«, sagte Theodor, immer noch halb erstaunt, halb ungläubig, »Ihr seid also auch dieser Meinung?« »Allerdings«
»Darf ich mich nach Eurem Namen erkundigen?« »Ich bin die Fee Rosalba. Ich zeige mich jenen, die mit besonderer Phantasie begabt sind. Und das bist du, mein Kleiner! Ich kann dir vorhersagen, dass du später einmal ein viel gelesener Schriftsteller werden wirst. Vor allem wirst du sehr phantasievolle Märchen schreiben.«
»Keine Oper, keine Symphonie?«, fragte Theodor enttäuscht, denn eigentlich sah er sich, was die Zukunft anging, als berühmter Kapellmeister und Komponist. »Musik wirst du auch schreiben«, sagte Rosalba, »aber deine spezielle Begabung liegt im Erfinden phantastischer Ge-schichten. Doch wir sprachen ja von jener bösen, Selbstvertrauen verzehrenden Niederlage, die dir neulich dein Oheim bereitet hat. Sich zu rächen ist keine rühmliche und empfehlenswerte Tätigkeit ... aber in diesem ball scheint mir dennoch eine Rache nötig.« »Und wie soll ich mich rächen?« »Phantasievoll.«
»Beschreibt mir genauer, wie ich da vorgehen soll, Madame Rosalba!«

»Mademoiselle, bitte ...!«
»Also, Mademoiselle ... sagt mir, wie soll ich es anstellen?« »Ich wüsste so manchen schlauen Streich, den man ihm spielen könnte, aber es geht um dich. Später, wenn du über deinen Romanen und Geschichten sitzt, von denen ich dir nur so viel prophezeie, dass der eine von einem weitläufig gebildeten und höchst possierlichen Kater handeln wird, der auf den Namen Murr hört, wirst du auch dein schönes Köpfchen anstrengen müssen, um dir auszudenken, wie es weitergehen soll. Also tust du gut daran, dich schon jetzt darin zu üben. Ich habe zu dir her nur einen Abstecher auf meiner Reise von Schottland nach Bagdad gemacht, wo ich in einer dringlichen Angelegenheit gebraucht werde, bei der das Schicksal zweier Herzen auf dem Spiel steht. Doch will ich dennoch hören, was du dir ausgedacht hast. Und wenn du also tätig geworden bist, so lass es mich in einem Brief wissen. Klebe ihn hinter diesen Spiegel. Ich werde ihn dann mit Boten abholen lassen.«

»Wie könnt Ihr das bewerkstelligen?«, fragte der Junge neugierig.
      »Das kann ieh dir nicht verraten. Benutze deine Phantasie, um es zu ergründen ... eine gute Ãobung«, sagte das Bild im Spiegel und wurde blass und blasser, bis es endlich ganz verschwunden war.
      Jetzt, vor wenigen Minuten, hatte Theodor einen Brief an die Rückseite des Spiegels geheftet und sich dann ans Klavier gesetzt, um zu phantasieren. Der Brief lautete wie folgt:
I loch geschätzte Mademoiselle Rosalba! Hier gebe ich Euch Bericht über jene Intrige, die ich mir für Sir Ott, den dicken Sir, von Euch angeregt, ausgedacht und ausgeführt habe. So hört denn:
Wie Andacht und Frömmigkeit, die immer mit goldenem Zepter in unserer Familie geherrscht haben, es heischten, dass wir unsere Sünden bereuen und zur Kommunion gehen mussten, wollte der dicke Sir in der Kirche in seiner Kleidung recht anständig erscheinen und wusch daher freitags vorher aus seinen schwarzen Hosen sehr sorgfältig die Reste des Durchfalls einer unverschämten Schwalbe und die fetten Teile der Sauce eines wohlschmeckenden Ragouts. Er hängtedas Kleidungsstück bei sehr schönem Wetter unter sein Fenster und watschelte darauf zu seinem ewig kränkelnden Freund. - Unter der Zeit entstand ein heftiger Platzregen. Kaum sah ich die durchnässten Hosen, als ich den unwiderstehlichen Trieb fühlte, dem Platzregen ein wenig zu Hilfe zu kommen. Ich leerte alsdann 5 Gießkannen und 3 volle pots de cbambre dem Spiegelrahmen zustreben.
     

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