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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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» Wirtschaftliche Beziehungen

Wirtschaftliche Beziehungen



Die wichtigsten Fäden des europäischen Handels liefen im
12. Jahrhundert in Frankreich zusammen. Die großen Messen in der Champagne, die in den vier Städten Troyes, Provins, Lagny und Bar-sur-Aube fast das ganze Jahr hindurch in Betrieb waren, entwickelten sich zum blühenden Mittelpunkt des internationalen Handels, vor allem mit Wolle und Tuchen. Dort trafen die Kaufleute aus Italien mit ihren Geschäftspartnern aus Frankreich, England und Flandern zusammen. Der Anteil der Deutschen scheint anfangs nicht sehr groß gewesen zu sein. Aber schon bald nach 1200 ist in Provins eine »deutsche Gasse« bezeugt, die ihren Namen offenbar von den dort absteigenden Kaufleuten erhalten hatte, was vermuten läßt, daß die Anwesenheit von Deutschen zu diesem Zeitpunkt bereits Tradition besaß. In Troyes gab es im 13. Jahrhundert ein »deutsches Haus«2; und gegen Ende des Jahrhunderts haben verschiedene deutsche Handelsstädte in den Messestädten ihre eigenen Häuser unterhalten: die Basler und die Freiburger in Bar-sur-Aube, die Konstanzer in allen vier Städten. Daß die deutschen Kaufleute in Frankreich mit Leinwand und anderen Stoffen handelten, bestätigt ein Bericht, wonach im Jahr 1250 Händler aus Deutschland, die offenbar auf dem Weg in die Champagne waren, in Lothringen ihrer Waren beraubt wurden: vor allem Felle, außerdem Leinwand, deutsches Grautuch und Silber . Die Messen der Champagne wurden auch zu internationalen Geldgeschäften genutzt. Schon zu Anfang des



13. Jahrhunderts haben verschiedene deutsche Bischöfe und Klöster finanzielle Transaktionen an die Kurie über Vertreter von italienischen Bankhäusern in der Champagne abgewickelt.
      Der Erzbischof von Köln hat von diesen Verbindungen besonders lebhaften Gebrauch gemacht. - Aus den Pariser Steuerlisten, die gegen Ende des 13. Jahrhunderts einsetzten, ist zu ersehen, daß es dort nicht nur mehrere deutsche Hotels und Weinstuben gab, sondern daß damals auch mehr als hundert Deutsche dort ihren festen Wohnsitz hatten, hauptsächlich Handwerker, die als Schwertfeger, Goldschmiede und in der Leder- und Pelzverarbeitung tätig waren . Nach einem Zunftverzeichnis aus dem Jahr 1290 sind nicht weniger als 10 Prozent der Pariser Schwertfeger Deutsche gewesen: Die Erzeugnisse der deutschen Waffenschmieden haben bereits im 12. Jahrhundert hohes Ansehen genossen. In der französischen Dichtung dieser Zeit, vor allem in der Heldenepik, wurden öfter Helme und Schilde aus Bayern, Panzer aus Mainz, Schwerter und andere Waffen aus Köln erwähnt.
      Noch besser bezeugt ist der deutsche England-Handel, der auch in unserem Zusammenhang wichtig ist, weil das normannische England einen bedeutenden Anteil an der Ausbildung der modernen höfischen Literatur in französischer Sprache hatte. Der Handel nach England lag hauptsächlich in der Hand von Kölner Kaufleuten, denen König Heinrich

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im Jahr 1157 gestattete, den von ihnen eingeführten Wein in London unter günstigen Bedingungen zu verkaufen . In einem anderen Privileg Heinrichs

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aus derselben Zeit wurde »von ihrem Londoner Haus« gesprochen: das war der berühmte Kölner Kauffahrerhof, die Gildenhalle, deren Name zuerst in einem Privileg König Richards I. von 1194 begegnet, in welchem den Kölnern freier Zugang zu allen englischen Märkten verbrieft wurde . Im 13. Jahrhundert sind diese Rechte wiederholt bestätigt worden. Einen Eindruck von der Intensität der Wirtschaftsverbindungen nach England vermittelt die Gestalt des Kölner Wollkaufmanns Terricus , der in Stamford, einer der bedeutendsten Tuchstädte Englands, lebte und dort Grundeigentum besaß, mit Tuchen und Gewürzen handelte und auf eigenen Schiffen, die in den ostenglischen Häfen lagen, Wolle exportierte .
      Der größere Teil des Warenaustauschs mit Frankreich und England wurde offenbar nicht von Deutschen getätigt, sondern von Kaufleuten aus Flandern und Brabant, die auch auf den

Messen der Champagne eine große Rolle spielten. In Flandern und im Maasgebiet lag damals das Zentrum der europäischen Tuchindustrie. Ein wichtiger Handelsweg führte von Gent über Lüttich oder Maastricht an den Rhein und von dort einerseits über Land weiter nach Osten, zu den reichen Erzgruben am Harz, andererseits zu Schiff rheinaufwärts nach Süddeutschland bis zur mittleren Donau. Wie groß der Anteil der flandrischen und brabantischen Kaufleute am Warenverkehr auf dem Rhein schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts war, beleuchtet der Koblenzer Zolltarif, den Kaiser Heinrich

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im Jahr 1104 bestätigte. Die in Koblenz passierenden Händler kamen zum Teil auf der Mosel aus Trier, Toul und Metz, zum Teil aus den niederrheinischen Handelsstädten Deventer, Utrecht und Thiel, vor allem aber aus Huy, Dinant, Namür, Antwerpen und »aus dem Land Balduins«4, das heißt aus Flandern. Bereits ein Jahr vorher, 1103, hatte der Erzbischof Friedrich I. von Köln den Kaufleuten aus Lüttich und Huy ihre alten Handelsrechte in Köln bestätigt. Dabei erfährt man, daß sie dort »leinene und wollene Tuche« verkauften, außerdem Zinn, Wolle, Speck und Fett; diese Güter stammten sicherlich zum Teil aus England. Einige der maasländischen Kaufleutc zogen von Köln weiter »nach Sachsen« und kamen von dort mit Kupfer zurück. Die Kontinuität dieser Handelsverbindung bezeugt ein Jahrhundert später das Privileg des Erzbischofs Adolf I. von Köln für die Kaufleute aus Dinant vom Jahr 1203, in welchem erwähnt wird, daß die Maasländer mit ihrem Kupfer »aus Goslar« zurückkamen. Den Anschluß Goslars an den internationalen Fernhandel bestätigt die Nachricht, daß im Jahr 1206, als die Stadt von den Truppen Ottos

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erobert und geplündert wurde, sich dort »so viel Pfeffer und Spezereien befanden, daß man diese kostbaren Waren in Scheffel und sehr große Haufen teilte«8. 1165 versicherte Kaiser Friedrich I. »den Flamen bei ihrem Kommen und Gehen im Land des Kaisers vollen Frieden«9. Acht Jahre später hat Friedrich I. noch genauer bestimmt, daß die flandrischen

Kaufleute »freien Zugang stromauf und stromab auf dem Rhein und auf den anderen Wasser- und Landwegen in unserem Reich haben sollen«10. In derselben Urkunde wurde die Errichtung von »vier Märkten für flandrische Kaufleute« in Aachen und Duisburg verfügt: offenbar eine Reaktion auf den Streit um die Rechte der Genter in Köln, der damals ausgebrochen war.
      Die Handelsreisen der Kaufleute aus Flandern und dem Maasgebiet rheinaufwärts nach Süddeutschland und Österreich bezeugt die Marktordnung der Stadt Enns an der Donau, die im Jahr 1191 von Herzog Otakar

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von der Steiermark erneuert wurde. Dort begegnen unter anderem Händler »aus Maastricht und aus ferneren Gegenden«12, worunter sicherlich in erster Linie Kaufleute aus Flandern zu verstehen sind, die dort auf der Fahrt donauabwärts als Marktgebühr »ein Achtel Mark Silber, ein Pfund Pfeffer, zwei Schuhe und Handschuhe« bezahlten. Kaufleute aus Maastricht, Aachen und Metz kamen auch in der Wiener Burg-Maut vor . Im Jahr 1208 verlieh Herzog Leopold

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von Österreich den in Wien ansässigen Flamen, die dort offenbar als Tuchfärber tätig waren, dieselben wirtschaftlichen Rechte wie den übrigen Bürgern der Stadt .
      Von den deutschen Handelsstädten hat Köln im internationalen Wirtschaftsverkehr die größte Rolle gespielt. Dort blühten vor allem die tuch- und metallverarbeitenden Gewerbe, und deren Erzeugnisse besaßen auch für den Kölner Fernhandel die größte Bedeutung. Dazu kam der Handel mit Wein, vor allem nach England, und der Pelzhandel, der die Kölner Kaufleute weit nach Osten führte. Besonders intensiv waren die Wirtschaftsbeziehungen rheinaufwärts nach Süddeutschland und Österreich. Kölner und Aachener Kaufleute erschienen 1191 auf dem Markt von Enns, und ein Jahr später sprach eine Urkunde Herzog Leopolds

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von Österreich von »der Menge an Tuchen, die gebündelt aus Köln kommen«14.
      Der Donauhandel brachte die Kölner in Verbindung und in


Konkurrenz zu den Kaufleuten aus Regensburg. Welche dominierende Stellung der Regensburger Handel auf der Donau einnahm, wird durch die Tatsache beleuchtet, daß der Herzog von Steiermark 1191 die Erneuerung der Ennser Marktordnung »auf Drängen der Regensburger« erließ und diesen auch die Aufsicht und Leitung des Marktes übertrug. 1192 wurden den Regensburgern ihre Rechte in Österreich von Herzog Leopold

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bestätigt. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die wichtigsten Handelsgüter auf der Donau genannt. Außer Tuchen waren es Felle, Kupfer, Zinn, »Glockenerz« und Heringe. Noch genauere Einblicke in den Warenverkehr auf der Donau erlaubt die um 1200 von Herzog Leopold

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von Österreich erlassene Mautordnung von Stein. Von den Kaufleuten aus Regensburg, Passau, Schwaben und den »Bürgern von Aachen«17, die dort mit ihren Waren passierten, wurden Abgaben erhoben für Metalle , Schwerter und Waffen, Getreide, Hülsenfrüchte, Haustiere und tierische Erzeugnisse , Öl, Honig, Getränke , Gewürze, Felle und Stoffe verschiedener Art , verschiedene Kleidungsstücke, darunter »Schuhe, Kapuzenmäntel und andere Kostbarkeiten«18. Die Regensburger zogen über Wien hinaus nach Ungarn, Böhmen und Rußland, bis das Wiener Stadtrecht von 1221 den Weiterzug der Waren verbot. Der Regensburger Fernhandel lief aber auch nach Westen und Norden. Wie der Koblenzer Zolltarif von 1104 bezeugt, in welchem Regensburg als einzige oberdeutsche Handelsstadt genannt ist, befuhren die Regensburger Kaufleute bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts den Rhein. Regensburger Stoffe hatten im 12. Jahrhundert selbst in Frankreich und England einen guten Namen. Aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammt die Nachricht, daß lothringische Kaufleute in London »Seidenstoffe aus Konstantinopel und Regensburg« anboten . Um dieselbe Zeit bestimmte der Abt Petrus Venerabilis von Cluny in seiner Neubearbeitung der Ordensregel der Cluniazenser,

»daß niemand Scharlachtuch oder barracanus oder kostbare Wollstoffe, die in Ratisbona, das ist Regensburg, gemacht werden, oder schmuckvolle Decken haben soll«20. Über Art und Umfang der Regensburger Tuchindustrie im 12. und 13. Jahrhundert und insbesondere über die Frage, ob damals in Regensburg Seidenstoffe hergestellt worden sind, gibt es unter den Wirtschaftshistorikern unterschiedliche Ansichten. Unbestritten ist jedoch, daß sich mit dem Namen Regensburg im 12. Jahrhundert bis nach Burgund die Vorstellung kostbarer Tuche verband.
      Von Süddeutschland liefen die Handelsstraßen nach Italien, und auch diese Wirtschaftsverbindungen nach Süden müssen berücksichtigt werden; denn es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Vermittlung der modernen französischen Gesellschaftskultur auch über Italien lief. 1162 wurde den Kauf lernen von Pisa, 1173 denen von Venedig von Kaiser Friedrich I. Abgabenfreiheit für ihren Handel im Reich gewährt . 1173 sind deutsche Kaufleute in Verona bezeugt , 1190 in Genua . Im 13. Jahrhundert nimmt dann die Zahl der Zeugnisse rasch zu. Bereits um 1225 ist in Venedig die Handelsniederlassung der deutschen Kaufleute, der »Fondaco dei Tede-schi«, gegründet worden. Besonders interessant ist die Gestalt des deutschstämmigen Kaufmanns Bernhard , der um 1200 in Venedig zu den reichsten Männern der Stadt gehörte und dessen Testament aus dem Jahr 1213 wichtige Einblicke in die deutsch-venezianischen Wirtschaftsbeziehungen erlaubt. Dieser Bernhard war allem Anschein nach identisch mit dem venezianischen Kaufmann Bernhard, in dessen Händen die Sammlung der Gelder lag, mit denen Kaiser Friedrich I. im Jahr 1189 den Angriff auf Konstantinopel und die Weiterführung des Kreuzzugs finanzieren wollte. Auch verschiedene süddeutsche Fürsten haben bei Bernardus Teotonicus Kredite aufgenommen: Herzog Otto I. von Andechs-Meran im Jahr 1209, Flerzog Leopold

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von Österreich im Jahr 1214 , während der Markgraf Heinrich von Istrien in Aquileja einen Geldgeber fand . Wie lebhaft die Wirtschaftsbeziehungen der süddeut-sehen Fürsten zu den italienischen Handelsstädten im Verlauf des 13. Jahrhunderts geworden sind, lassen die Tiroler Raitbü-cher erkennen, die seit 1288 geführt wurden. Die Grafen von Tirol standen damals in engen Geschäftsverbindungen mit dem Florentiner Bank- und Handelshaus der Frescobaldi, das von ihnen Gold erhielt und ihnen dafür Kredite für ihre Einkäufe in verschiedenen oberitalienischen Städten zur Verfügung stellte. Von den Amtsleuten des Grafen wurde in Venedig, Padua und Verona eingekauft, vor allem Luxusgüter und Waren aus dem Orienthandel: Pfeffer, Mandeln, Ingwer und andere Gewürze, Reis, Feigen, Zucker, Wein, ferner Pferde und Pferdegeschirre, Sättel, Schwerter, Panzer, Gold- und Silbergefäße, Schmuck, Pelze und vor allem kostbare Stoffe aus gefärbter Wolle oder aus Seide. Das Ausmaß dieser Importe kann man ermessen, wenn man erfährt, daß im Jahr 1296 in einer einzigen Sendung 42 Tücher aus Baldekinseide, 10 vergoldete und mit Edelsteinen besetzte Halsbänder, 10 kostbar geschmückte Gürtel, 10 Kriegspferde, 141 mehrfarbige Stoffe, verschiedene Pelze, 143 Stück Seidenstoffe, 6 Pferdehalfter und Pferdegeschirre, 123 Paar vergoldete Sporen, 120 Schwerter und 120 vergoldete Zügel nach Tirol geschickt wurden .
      Die hier skizzierten Wirtschaftsverbindungen und Handelswege sind für das historische Verständnis der Rezeption der französischen Adelskultur in Deutschland von großer Bedeutung, weil sich zeigen läßt, daß die kulturellen Beziehungen auf denselben Straßen gelaufen sind wie der Wirtschaftsverkehr. Das ist vielleicht auf den ersten Blick überraschend, weil der Handel von Stadt zu Stadt ging, während die Adelskultur an den Fürstenhöfen rezipiert wurde. Die Fürsten haben jedoch aktiven Einfluß auf den Handel in ihren Ländern genommen und haben im Interesse des Fernhandels auch Verbindungen mit anderen Herrschern gesucht oder genutzt. Der Bischof von Lüttich hat im Jahr 1103 persönlich die Interessen der Kaufleu-te aus seiner Stadt und aus Huy in Köln vertreten. König Heinrich

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von England hat 1157 in einem Schreiben an Kaiser Friedrich I. den deutschen Kaufleuten »sicheren Handelsverkehr« in England zugesichert. Der Graf von Flandern reiste zu Weihnachten 1165 zum Hoftag Kaiser Friedrichs I. nach Aachen, wo er Handelsfreiheiten für die flandrischen Kaufleute erwirkte; und 1173 hat Friedrich I. »auf Bitten unseres Getreu-en, des Grafen Philipp von Flandern«22, die neuen Märkte für die flandrischen Händler verfügt. Graf Philipp war selber zu diesem Anlaß in Fulda und hat die Urkunde des Kaisers auch mit seinem Siegel gesiegelt. 1266 erteilte König Heinrich I

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von England »auf Drängen des edlen Herrn, des Herzogs Albrecht von Braunschweig«23, den Hamburger Kaufleuten Handelsrechte in England.
      Das persönliche Interesse der Fürsten an dem Wirtschaftsverkehr richtete sich in besonderer Weise auf die ausländischen Luxusgüter, die für die materielle Seite der höfischen Kultur eine so große Rolle gespielt haben. Aus der Mitte des 12. Jahrhunderts stammt die Nachricht, daß lothringische Kaufleute mit Luxuswaren nach London kamen. Sie hatten Gold- und Silberzeug und Edelsteine an Bord, ferner »Seidenstoffe aus Konstantinopel oder aus Regensburg oder Leinenstoffe oder Harnische aus Mainz«24. Für diese Ladung interessierte sich in London vor allem der königliche Hof: Der Sheriff und der Kämmerer des Königs hatten ein Vorkaufsrecht während der ersten drei Gezeiten nach dem Anlegen des Schiffs. An Kunden aus dem Hochadel ist auch bei den im Koblenzer Zolltarif von 1104 genannten Handelsgütern zu denken: Sklaven, Schwerter und »Jagdfalken«2'. Ebenso dürften die Schuhe und Handschuhe, die von den Kaufleuten aus Flandern als Marktgebühr in Enns verlangt wurden, für adlige Abnehmer bestimmt gewesen sein.
      Auch die Dichter, die im Auftrag der Fürsten tätig waren, haben wiederholt auf die Wirtschaftsverbindungen nach Frankreich und England und besonders auf die begehrten Erzeugnisse der flandrischen Tuchindustrie Bezug genommen. Die Handelswege, auf denen die Luxusgüter an die großen Höfe gelangten, wurden sogar in das poetische Idealbild der höfischen Gesellschaft eingefügt, wenn zum Beispiel in der >Krone< von Heinrich von dem Türlin erzählt wurde, daß König Artus zur Vorbereitung eines großen Hoffestes Prunkwaffen aus Frank-reich , gefärbte Wolltuche aus Gent , Seidenstoffe aus Griechenland und goldenes Tafelgeschirr aus London kommen ließ. Um sein prächtiges Turnierschiff angemessen auszustatten, schickte Herr Mo-riz von Craün »einen Wagen nach Flandern, um roten Scharlach zu holen«26. Ruprecht von Würzburg erzählte von einem Kaufmann, der mit »Zindal, Seide, Scharlach und kostbaren Kleidern verschiedener Art« »auf den Jahrmarkt in Provins« zog, das heißt auf die Messen der Champagne. Von den Reisen und Handelsverbindungen eines reichen Kölner Kaufmanns gab der >Gute Gerhard< von Rudolf von Ems ein lebendiges Bild. Im >Servatius< von Heinrich von Veldeke wurde die handelsgeographische Lage von Maastricht genau beschrieben: die Stadt lag »an einer öffentlichen Straße, die von England nach Ungarn führt, nach Köln und nach Tongern, und ebenso von Sachsen nach Frankreich und per Schiff - für die, die damit fahren - nach Dänemark und Norwegen: alle diese Wege kreuzen sich dort.« Hier ist zwar die Bedeutung von Maastricht aus einer lokalen Perspektive überbetont; aber ohne Frage lief ein bedeutender Teil des deutschen Warenverkehrs nach Frankreich und England über diese Stadt. Maastricht war im 12. Jahrhundert auch Mittelpunkt einer blühenden Kunstindustrie. Wappenmaler aus Maastricht und Köln wurden im >Parzival< genannt .
      Der Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftsverkehr und der Verbreitung der höfischen Kultur wird besonders deutlich, wenn man die Wege des sprachlichen Einflusses verfolgt. Die französischen Wörter, die im 12. und 13. Jahrhundert ins Deutsche gelangt sind, haben offenbar dieselben Straßen benutzt wie der Fernhandel, wobei die Mittlerrolle Flanderns und des Maasgebiets besonders hervortritt. Aber auch für die Kunst- und Literaturgeographie der höfischen Zeit geben die Handelswege das Grundmuster ab. Die Anregungen aus dem Westen scheinen hauptsächlich über Brabant, über Maastricht und Lüttichoder südlich davon auf der Moselstraße an den Rhein gelangt zu sein. Von dort aus lief der Hauptstrom weiter nach Süden, rheinaufwärts, und dann nach Osten in das Gebiet der mittleren Donau, während der ganze Norden zunächst fast gar nicht oder nur punktuell davon berührt wurde. Im Licht der Wirtschaftsbeziehungen wird vor allem die Bedeutung der kulturellen Verbindungen zwischen dem Rhein-Maasgebiet und Bayern-Österreich, zwischen Köln und Regensburg, sichtbar. Auf denselben Straßen, die von den flandrischen Kaufleuten auf ihrem Weg nach Wien benutzt wurden, muß einer der berühmtesten Künstler des Maaslandes, Nikolaus von Verdun, gereist sein, beziehungsweise das von ihm geschaffene Werk: die Ambo-Verkleidung aus Kupferplatten mit wunderbar leuchtenden Grubenschmelzen , die 1181 im Augustinerchorherrenstift Klosterneuburg bei Wien geweiht wurde, wie die Stifterinschrift bezeugt: »Im Jahr 1181 hat Wernher, der sechste Propst, frohen Herzens dir, Jungfrau Maria, das Werk geweiht, das Nikolaus von Verdun geschaffen hat.« Auf denselben Wegen sind vermutlich die Werke Ruperts von Deutz und das deutsche >Annolied< vom Rhein nach Bavern gereist. Die Intensität und die literarische Fruchtbarkeit der Verbindungen zwischen dem Rheinland und Bayern-Österreich wird auch von den ersten weltlichen Epen in deutscher Sprache bezeugt .
     

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