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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Sprachkenntnisse



Bei seiner Ankunft am englischen Hof erregte der junge Tristan sogleich die Aufmerksamkeit des Königs Marke. »Marke sah Tristan an: >Freundheißt du Tristan?< >Ja, Herr, Tristan. Dieu vous garde!< >Dieu vous garde, beau vassal!< >Mer-ci, gentil roiedler König de Kurnewal, Ihr und Euer Hofstaat mögt immer von Christus gebenedeit sein.< Da wurde von der Hofgesellschaft viel mit >merci< gedankt. Sie wiederholten immer wieder: >Tristan, Tristan de Parmenie, comme il est beau, comme il est courtois!Bertha mit den großen Füßen< vondem flandrischen Dichter Adenet le Roi aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts heißt es: »Zu jener Zeit, von der ich euch hier erzähle, war es Brauch in Deutschland, daß die großen Herren, die Grafen und die Barone, ständig Leute aus Frankreich in ihrer Umgebung hatten, die ihre Töchter und Söhne im Französischen unterrichteten.« Der Wirklichkeitsgehalt dieser Aussage läßt sich nicht überprüfen. Wenn man den höfischen Dichtern in Deutschland Glauben schenken darf, gehörte das Vorlesen aus französischen Büchern zu den besonderen Attraktionen großer Hoffeste . Nach dem Zeugnis der Dichter waren gute Französischkenntnisse vor allem bei den weiblichen Mitgliedern der deutschen Adelsgesellschaft anzutreffen. Man wird annehmen dürfen, daß adlige Damen bei der Verbreitung des französischen Geschmacks in Deutschland eine große Rolle gespielt haben.



      In vielen Fällen wird man sich damit begnügt haben, die deutschen Sätze mit fremdsprachigen Wörtern zu strifeln . Nach dem Zeugnis von Thomasin von Zirklaere galt es als vornehm, »wenn einer sein Deutsch mit Französisch stri-felt, wie es sich gehört. Denn dabei lernt ein Deutscher, der nicht Französisch kann, viele feine Wörter«8. Tannhäuser hat diese höfische Mode parodiert: »Ich hörte da schön tschantieren , die Nachtigall toubieren . Dort mußte ich parlieren , wie mir zu Mute war; ich fühlte mich ganz frei. Da sah ich ein riviere , durch den fores ging ein Bach zu Tal über eine planiure . Ich ging ihr nach, bis ich sie fand, die schöne creatiure : die Schöne saß bei der fontane , lieblich von faitiure .«
Es ist übrigens auch vorgekommen, daß französischsprachige Fürsten Deutsch gelernt haben. Graf Balduin

V.

von Hennegau schickte seinen Sohn an den Hof Kaiser Heinrichs

VI.

,


»damit er die deutsche Sprache und die Sitten des Hofes erlernte«10. Der Graf von Hennegau hatte gute Gründe, den Kontakt zum Kaiserhof zu pflegen. Daß dies aber kein einmaliger Vorgang war, zeigt der schon erwähnte Brief Heinrichs des Löwen an König Ludwig V

II.

von Frankreich, worin der Herzog dem König vorschlug, »falls ihr Edelknappen habt, die ihr unser Land und unsere Sprache kennenlernen lassen wollt, daß ihr sie uns herschickt«11.
      Ein besonderes Problem sind die Sprachkenntnisse der höfischen Dichter, die nach französischen Vorlagen gearbeitet haben. Darüber gibt es widersprüchliche Ansichten. Die Freiheiten, die sich einige deutsche Bearbeiter bei der Ãobertragung gestattet haben, sind manchmal als Mißverständnisse des französischen Textes aufgefaßt und als Folge mangelnder sprachlicher Bildung interpretiert worden, besonders bei Wolfram von Eschenbach, der den Wortlaut der französischen Quellen mitunter bis zur Unsinnigkeit verändert oder mutwillig und witzig verdreht hat. Im >Willehalm< hat er sich einmal über seine Französischkenntnisse geäußert: »>herbergen< heißt auf Französisch >loschiernRolandslieds< bezeugt, daß er den französischen Text der >Chanson de Roland< zunächst ins Lateinische übersetzt und dann ins Deutsche übertra-gen habe . Ob man öfter so verfahren ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Es gab auch höfische Dichter, die nicht Französisch konnten und die sich ihre französischen Vorlagen übersetzen ließen. Die Arbeit mit Dolmetschern ist allerdings erst für das spätere 13. Jahrhundert bezeugt, als die Kontakte zur französischen Literatur bereits lockerer geworden waren. Konrad von Würzburg erklärte im >Partonopier und MeliurPartonopeus de Blois< haben ihm zwei Basler Herren, Heinrich Merschant und Arnold der Fuchs, die auch historisch bezeugt sind, ihre Unterstützung geliehen. Auch die beiden Straßburger Gold- und Reimschmiede Claus Wisse und Philipp Colin, die im 14. Jahrhundert im Auftrag Ulrichs von Rappoltstein den >Nüwen Parzifah gedichtet haben, ließen sich die französischen Texte von dem sprachkundigen Straßburger Samson Pine übersetzen .
      Wie die deutschen Dichter ihre Sprachkenntnisse erworben haben, ist nicht bekannt. Heinrich von Veldeke war in Brabant zu Hause, nicht weit von der französischen Sprachgrenze. Die meisten Minnesänger und Epiker, die im 12. Jahrhundert an der Rezeption der französischen Dichtung beteiligt waren, können entlang des Rheins lokalisiert werden. Aber wo hat Wolfram von Eschenbach, der in der Nähe von Nürnberg geboren war und der sein Publikum in Bayern und Thüringen fand, Französisch gelernt? Die frühen Minnesänger sind nicht nur bei den nordfranzösischen Trouveres in die Schule gegangen, sondern auch bei den provenzalischen Trobadors. Darf man annehmen, daß auch die Kenntnis des Provenzalischen über die Sprachgrenze vermittelt worden ist? Einer der besten Kenner der provenzalischen Lyrik, Graf Rudolf von Fenis-Neuenburg, saß in der Westschweiz, nahe der Grenze zu Burgund. Besonders günstige Bedingungen für die Erlernung der provenzalischen Dichtersprache bestanden in Norditalien, wo. die Trobadorlyrik in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts in hoher Blüte stand. Friedrich von Hausen und mehrere deutsche Lyriker seines Kreises sind urkundlich in Italien bezeugt.
     

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