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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Höfische Lyrik



Die höfische Lvrik ist in Südfrankreich entstanden. Wilhelm IX., Herzog von Aquitanien und Graf von Poitou , war der erste Trobador, dessen Lieder erhalten sind. Bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts erlebte die provenzalische Dichtung an den südfranzösischen Höfen eine hohe Blüte. Seit etwa 1150 wurde die Kunst der Trobadors von den nordfranzösischen Trouveres übernommen. Nicht viel später gelangte die provenzalische Lyrik nach Italien, wo die südfranzösischen Trobadors in ihrer eigenen Sprache sangen.



      In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts begann auch der Einfluß der romanischen Lyrik in Deutschland. Es ist nicht sicher, ob schon die ersten deutschen Minnesänger, Der von Kürenberg und die Dichter des sogenannten Donauländischen Minnesangs, die noch in altertümlichen Langzeilenstrophen dichteten, westliche Anregungen verarbeitet haben. Deutlich greifbar wird die Rezeption romanischer Lyrik um 1170 bis 1180 in den Liedern Heinrichs von Veldeke und Friedrichs von Hausen. Hausen hat einer ganzen Generation von Minnesängern den Weg gewiesen: die Mehrzahl der deutschen Lyriker dieser Zeit wird zur Hausen-Schule gezählt. Kennzeichnend für diese Gruppe ist der enge Anschluß an romanische Vorbilder in Thematik und Form. Das neue Thema war die hohe Minne. Die
Liebesdarstellung und der reflektierende Stil sowie eine Reihe von Metaphern, Bildern und Vergleichen sind von den deutschen Sängern übernommen worden. Noch auffälliger ist die formale Bereicherung der Lyrik durch die Nachahmung des französischen Vers- und Strophenbaus. Auftakt und Kadenzfolge wurden festen Regeln unterworfen; Assonanzen wurden zugunsten des reinen Reims aufgegeben; man erprobte komplizierte Reimschemata oder versuchte, mit möglichst wenigen Reimklängen auszukommen. Charakteristisch für diese Phase der direkten Imitation romanischer Formkunst sind die sogenannten mittelhochdeutschen Daktylen {Mich mac der tot von ir minnen wol scheideN), die französische Zehn- oder Zwölfsilblerverse wiederzugeben versuchten. Von allen romanischen Strophentypen, die in der Hausen-Schule durchgespielt wurden, hatte die dreiteilige Kanzonenstrophe, aus zwei gleichgebauten Stollen und einem andersgebauten Abgesang, in Deutschland den größten Erfolg: die meisten deutschen Minnelieder sind nach diesem Schema gebaut.
      Manchmal sind nicht nur einzelne Formelemente übernommen worden, sondern das komplette Strophenschema. Man spricht dann von Kontrafakturen, in denen sich die Abhängigkeit der deutschen Dichter von den Trobadors und Trouveres am unmittelbarsten bezeugt. Etwa zwanzig Kontrafakturen werden heute als gesichert angesehen; sie gehören ohne Ausnahme der frühen romanisierenden Phase des Minnesangs an. Am engsten hat sich Graf Rudolf von Fenis-Neuenburg den romanischen Vorbildern angeschlossen; mehr als die Hälfte seiner Lieder sind Kontrafakturen. Friedrich von Hausen ist mit sieben Kontrafakturen reich vertreten. Die Kontrafakturen lassen auch erkennen, welche Dichter man sich in Deutschland zum Muster nahm. Pro-venzalische Trobadors und nordfranzösische Trouveres sind in etwa gleicher Zahl vertreten. Unter den Trobadors begegnen die berühmten Namen Peire Vidal und Bernart de Ventadorn, noch häufiger aber zwei Dichter der eigenen Gegenwart: Fol-quet de Marseille und Gaucelm Faidit. Die Trouveres, deren Strophenformen in Deutschland nachgebaut wurden, waren alle Zeitgenossen der deutschen Minnesänger: Gace Brule, Blondel de Nesle, Guiot de Provins, Chretien de Troyes und Conon de Bethune.
      Man rechnet damit, daß die deutschen Minnesänger zusammen mit dem Strophenschema auch die Melodien der romani-sehen Lieder übernommen haben. Während in Frankreich Hunderte von Melodien zu Minneliedern erhalten sind, ist die höfische Lyrik in Deutschland fast durchweg ohne Noten überliefert. Für den Minnesang vor Walther von der Vogelweide gibt es keine einzige Melodie. Bei dieser Ãoberlieferungslage stellen die Melodien der frühen Kontrafakturen eine große Bereicherung dar. Man muß jedoch im Auge behalten, daß die Ãobernahme der romanischen Melodien auf einer Hypothese beruht, für die es keinen strikten Beweis gibt. Vor allem ist nicht erwiesen, daß die deutschen Lieder, wie man es für die romanischen annimmt, nach der mittelalterlichen Theorie der sechs Modi rhythmisiert wurden.
      Friedrich von Hausen und die Dichter seines Kreises müssen in direktem Kontakt mit ihren zeitgenössischen provenzali-schen und französischen Sängerkollegen gestanden haben. Auch in der nächsten Generation wird es solche Verbindungen gegeben haben, wenngleich sie nicht mehr durch Kontrafakturen belegt werden können. Heinrich von Morungen war ein ausgezeichneter Kenner der Trobadorkunst, und für Walther von der Vogelweide gilt dasselbe. Um 1200 hatte sich jedoch der Schwerpunkt bereits von der unmittelbaren Rezeption romanischer Vorbilder auf die selbständige Weiterverarbeitung der künstlerischen Anregungen aus Frankreich verlagert. Die Ausgestaltung der Kanzonenform zu sehr komplizierten Gebilden und die Auseinandersetzung mit dem Dienstgedanken und der Idee der hohen Minne erforderten keinen direkten Rückgriff auf die romanische Lyrik mehr. Im Einzelfall muß meistens unentschieden bleiben, ob die deutschen Sänger noch Zugang zur Liedkunst der Trobadors und Trouveres hatten. Daß die Beziehungen im Verlauf des 13. Jahrhunderts locker wurden, zeigt sich auch daran, daß die Entwicklung des mehrstimmigen weltlichen Liedes in Deutschland ohne Resonanz blieb.
      Neben dem eigentlichen Minnelied sind auch einige Sonderformen der romanischen Lyrik rezipiert worden. Bereits bei Friedrich von Hausen begegnet das höfische Kreuzzugslied in der Gestalt, die es in Frankreich durch Conon de Bethune und Guiot de Dijon erhalten hatte. Kennzeichnend dafür ist die Verbindung von Minne- und Kreuzzugsthematik, häufig in der Form, daß der Sänger sich im Dilemma zwischen der religiösen Motivation zur Kreuzfahrt und dem Dienstanspruch der Dame sah.
      Das höfische Tagelied nach dem Muster der provenzalischen
»Alba« erscheint zum ersten Mal bei Heinrich von Morungen. Das formale Kennzeichen dieser Gattung, der Refrain mit dem Wort alba , ist von den deutschen Dichtern nur in Ausnahmefällen übernommen worden. Dafür trat in Deutschland eine thematische Eigenheit der »Alba« in den Vordergrund: die Figur des Wächters, der als Freund und Beschützer der Liebenden auftrat. Das deutsche Wächtertagelied hat durch Wolfram von Eschenbach seine typische Form erhalten; unter seinem Einfluß hat sich das Tagelied im 13. Jahrhundert reich entfaltet.
      Das provenzalische Streitgedicht, die »Tenzone«, hat kaum nach Deutschland gewirkt. Es gibt jedoch bei Albrecht von Johansdorf, Reinmar dem Alten und Walther von der Vogelweide eine Reihe von Dialogliedern, in denen der Ritter und die Dame in witzig-pointierter Form über Fragen der Minne disputierten, und diese Lieder wären ohne das Vorbild der »Tenzo-nen« nicht denkbar.
      Von den strophischen Liedern unterscheidet man die durchkomponierten provenzalischen »Descorts«, denen die französischen »Lais« und die deutschen Leiche verwandt sind. Kennzeichnend ist der sequenzartige Aufbau. Schon die Tatsache, daß die ersten deutschen Leiche in der Hausen-Schule, bei Ulrich von Gutenberg und Heinrich von Rugge, begegnen, macht romanischen Einfluß wahrscheinlich. Direkte Vorbilder lassen sich jedoch nicht namhaft machen. Die deutschen Stücke unterscheiden sich von den romanischen häufig durch ihren größeren Umfang und durch den komplizierten Bau.
      Für die kulturelle und gesellschaftliche Situation in Deutschland ist nicht nur bezeichnend, was die deutschen Dichter von den Trobadors und Trouveres übernommen haben, sondern ebenso, was von der lyrischen Kunst der Romania in Deutschland unbeachtet blieb. Die Pastourelle, die in Frankreich sehr beliebt war, ist als Gattung von den deutschen Lyrikern gemieden worden. Pastourellenhafte Motive bei Morungen und Johansdorf lassen jedoch erkennen, daß die besondere Thematik dieser Gattung den Minnesängern bekannt war. Auch andere Formen des sogenannten »genre objectif« , die in Frankreich vor allem als Tanzlieder Verwendung fanden, sind von den deutschen Dichtern übergangen worden. Ferner fehlt in Deutschland das politische Lied und das Klagelied . Für politische Themenund Totenklagen wurde in Deutschland eine andere künstlerische Form benutzt, die nicht aus der Romania herzuleiten ist: der Spruch. Zwar stand auch die höfische Spruchdichtung insofern unter romanischem Einfluß, als die künstlerische Struktur der Strophenformen, die die Spruchdichter seit Walther von der Vogelweide verwendet haben, nicht ohne das Vorbild der romanischen Liedstrophik verstanden werden kann; aber seinem Wesen nach war der Spruch keine romanische Form; und die Ã"hnlichkeit mit den provenzalischen »Sirventesen« ist eher oberflächlich. Ohne Resonanz in Deutschland sind auch die hochentwickelten dialogischen Liedgattungen der Trobadors geblieben: die verschiedenen Formen der »Tenzone«, das »Par-timen« und die »Cobla«.
     

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