Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

Index
» Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland
» Dynastische Verbindungen

Dynastische Verbindungen



Das ganze Mittelalter hindurch hat es zwischen dem deutschen und dem französischen Hochadel enge politische und persönliche Kontakte gegeben. Von der Nordsee bis zum Mittelmeer umschloß die Reichsgrenze weite Gebiete französischer Spra-che und Kultur, die für die Vermittlung zwischen West und Ost eine wichtige Rolle gespielt haben. Das gilt besonders für die nordwestlichen Territorien: die Grafschaft Flandern, die zum größeren Teil französisches Kronlehen, zum kleineren Teil Reichslehen war, sowie die östlich und südöstlich angrenzenden Grafschaften Namur und Hennegau und das Herzogtum Brabant. Die ganz nach Frankreich hin orientierte Kultur dieser Länder besaß im 12. und 13. Jahrhundert eine große Ausstrahlungskraft, die bis nach Süddeutschland nachweisbar ist. Der junge Gregorius träumte in Schwaben davon, noch schöner auf dem Pferd zu sitzen »als der beste Ritter in Hennegau, in Brabant und im Haspengau«70. Und der Schweizer Konrad von Landeck dichtete zum höchsten Lob seiner Dame, daß »Hennegau, Brabant, Flandern, Frankreich und die Picardie nichts so Schönes besitzen«71.



      Im Südwesten gehörte das ganze Königreich Burgund, bis an die Rhonemündung, zum Römischen Reich. Friedrich I. hat dort die Oberhoheit des Kaisers wieder stärker zur Geltung gebracht und ließ sich 1178 in Arles zum König von Burgund krönen. In der Grafschaft Burgund, dem nördlichen, an das Herzogtum Schwaben angrenzenden Teil des Königreichs Burgund, hatte der Kaiser schon vorher, durch seine Ehe mit Beatrix, der Erbtochter des Grafen Rainald I

II.

von Hochburgund , persönliche Herrschaftsrechte erworben.
      Heiratsverbindungen nach Frankreich waren im 12. Jahrhundert häufig. Daß diesen dynastischen Beziehungen auch eine Bedeutung für die Rezeption der französischen Adelskultur zukam, ist in vielen Fällen zu vermuten; in einigen Fällen ist es sicher. Die Kaiserin Beatrix , die von dem italienischen Historiker Acerbus Morena als »sehr schön von Angesicht«, sittsam »in ihren holden und lieblichen Reden«, »von anmutiger Gestalt« und »gebildet« beschrieben worden ist, hat sich auch nach ihrer Eheschließung mit Friedrich I. im Jahr 1156 als Gönnerin französischer Hofdichtung betätigt. Im Prolog zu seinem Epos >Ille et Galeron< hat der französische Dichter Gautier d'Arras der Kaiserin ein überschwengliches Herrscherlob ge-widmet. »Ihr zu Ehren« hat er sein Werk unternommen. Aus dem Epilog dieser Dichtung geht hervor, daß auch Graf Thibaut

V.

von Blois den Dichter gefördert hat. Ob es direkte literarische Kontakte zwischen der Kaiserin und dem Hof von Blois gegeben hat, wissen wir nicht. Aber eine dynastische Verbindung wurde wenig später hergestellt. Der aus der Ehe Friedrichs I. mit Beatrix hervorgegangene Kaisersohn, Pfalzgraf Otto von Burgund , heiratete im Jahr 1192 Marguerite von Blois, die Tochter des Grafen Thibaut

V.

Marguerite von Blois war vorher mit dem hochadligen französischen Dichter Huon d'Oisy verheiratet gewesen, der ihr in seinem politisch-satirischen >Turnier der Damen< ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Daß sich auch ihr zweiter Mann, der staufische Pfalzgraf Otto, für französische Literatur interessiert hat, darf man vielleicht der Tatsache entnehmen, daß er in dem großen Gönnerkatalog genannt wurde , den der französische Dichter Guiot de Provins in seiner >Bibel< zusammengestellt hat. Pfalzgraf Otto ist wahrscheinlich auch mit dem Grafen von Burgund identisch gewesen, dem der Trouvere Gontier de Soig-nies eines seiner Lieder übersandt hat .
      Ebenso eng wie die Staufer waren die Weifen der französischnormannischen Gesellschaft und Literatur verbunden. Heinrich der Löwe heiratete 1168 Mathilde von England, die Tochter König Heinrichs IL von England und seiner Frau Eleonore von Aquitanien . Mathildes Bedeutung für die Rezeption der französischen Dichtung in Deutschland erhellt der Epilog zum deutschen >RolandsliedWallersteiner Margarete< feierte »die vornehme Herzogin dementia von Zähringen« als seine Gönnerin und Auftraggeberin.
      Auch die Heiratsverbindungen mit deutschsprachigen Fürstenhäusern der nordwestlichen Reichsgebiete dürften für die Rezeption und Verbreitung der höfischen Kultur in Deutschland von Bedeutung gewesen sein. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die dynastischen Verbindungen zwischen Bayern und dem Niederrhein. Graf Otto von Scheyern , der erste Herzog von Bayern aus dem Haus Witteisbach, 'war mit Agnes, der Tochter des Grafen Ludwig I. von Loon verheiratet. Die Grafen von Loon trugen ihre Grafschaft im Haspengau von den Herzögen von Brabant zu Lehen. Agnes von Loon ist in ihrer Heimat die Gönnerin Heinrichs von Veldeke gewesen und hat ihr Interesse für die Dichtung vermutlich mit nach Bayern genommen.
      Es ist auch vorgekommen, daß deutsche Fürsten ihre Söhne zur Erziehung nach Frankreich geschickt haben. Als das wichtigste Zeugnis dafür aus dem 12. Jahrhundert wird ein Brief angesehen, den der Landgraf Ludwig von Thüringen, wahrscheinlich Ludwig IL , an den französischen König Ludwig V

II.

schrieb. Darin teilte er diesem mit, daß er sich das Ziel gesetzt habe, »daß alle meine Söhne Lesen und Schreiben lernen, auf daß derjenige von ihnen, der sich als begabter und klüger erweise, mit dem Studium fortfahre«76. Der Landgraf schrieb dem König von seinem Entschluß, »zwei von diesen« - gemeint waren jetzt offenbar nur diejenigen seiner Söhne, die für ein weiteres Studium in Frage kamen - »derzeit Euer Ehrwürden zu schicken, damit sie mit Eurer Hilfe unter Eurem Schutz sicherer in Paris untergebracht werden können«77. Aus einer Anspielung auf die politischen Verhältnisse der Zeit schließt man, daß der Brief im Jahr 1162 geschrieben wurde. Der Wortlaut zeigt, daß es sich um einen geplanten Studienaufenthalt von zwei Söhnen des Landgrafen in Paris handelte. Vermutlich waren die beiden für eine geistliche Laufbahn bestimmt. Der französische König ist verschiedentlich von Fürsten aus anderen Ländern angeschrieben worden, wenn diese ihre Söhne auf die Schulen in Paris schicken wollten. Dabei hat es sich sicherlich auch ergeben, daß die so Empfohlenen zum französischen Hof ineinen näheren Kontakt traten. Ergänzt wird der Brief Ludwigs IL von Thüringen durch ein Schreiben Heinrichs des Löwen, ebenfalls an Ludwig V

II.

von Frankreich, in welchem der Herzog dem König dafür dankte, daß dieser den Sohn eines Lehnsmannes, den der Herzog an den französischen Hof geschickt hatte, »gnädig aufgenommen und gnädigst bis jetzt bei sich behalten hat«78. Daß die vornehmen Familien in dieser Zeit ihre Söhne nicht nur zum theologischen Studium, sondern »auch zur Ausbildung in weltlichen Angelegenheiten nach Paris schicken«79, wird von Arnold von Lübeck bestätigt, der das zwar direkt nur vom dänischen Adel sagte, dabei aber betonte, daß die Dänen »die Gepflogenheiten der Deutschen nachahmen«80.
      Bei ihrem Aufenthalt am französischen Hof oder auf diplomatischen Reisen nach Frankreich und England konnten die deutschen Adligen den modernen französischen Gesellschaftsstil kennenlernen. Umgekehrt dürften auch westliche Diplomaten ihre Kultur mit nach Deutschland gebracht haben. Eine wichtige Rolle haben sicherlich die mehr als sechzig Geiseln gespielt, die 1194, bei der Entlassung des englischen Königs Richard Löwenherz aus der Gefangenschaft, nach Deutschland kamen und die sich mehrere Jahre lang am Kaiserhof - einige auch am Hof Herzog Leopolds

V.

von Ã-sterreich -aufgehalten haben. Es waren durchweg Mitglieder von hochangesehenen Familien. Von einem von ihnen, Hugo von Morville, wissen -wir, daß er eine moderne französische Dichtung, einen >LancelotLanzelet< benutzt wurde.
      Ein Ort der Begegnung mit französischer Kultur waren auch die großen Hoftage und Fürstenversammlungen, zu denen nicht selten Delegationen aus verschiedenen Ländern erschienen. 1157 hielt Friedrich I. einen glänzenden Reichstag in Be-sangon ab, wo der ganze burgundische Adel versammelt war. Auch das Mainzer Hoffest von 1184 wurde von mehreren Fürsten besucht, deren Muttersprache Französisch war. Im Gefolge der Fürsten kamen die Dichter. Es ist ziemlich sicher, daß nicht nur Heinrich von Veldeke 1184 in Mainz war, sondern auch der französische Dichter Guiot de Provins.
     

 Tags:
Dynastische  Verbindungen    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com