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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Bearbeitungstendenzen



Wenn man erfahren will, was die französische Literatur für die fürstlichen Auftraggeber und für das höfische Publikum in Deutschland so attraktiv gemacht hat, muß man vor allem die Tatsache würdigen, daß die literarische Rezeption aus der sehr reich entwickelten französischen Literatur eine charakteristische Auswahl getroffen hat, indem sie sich fast ausschließlich auf zwei Gattungen, die Minnekanzone und den »roman cour-tois«, beschränkte. Das waren gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Frankreich die modernsten Formen der Literatur. Was es daneben noch gab: die »chansons de geste«, die Kleinepik der »Lais« und »Fabliaux«, die Prosaromane, die Reimchronistik, die Pastourellen, die Tanzlieder, die Streitgedichte, die geistlichen und weltlichen Spiele in der Volkssprache, all dies hat nur in wenigen Ausnahmefällen oder gar nicht beziehungsweise erst viel später nach Deutschland gewirkt. Warum man an den deutschen Höfen gerade an den Minneliedern und den höfischen Romanen interessiert war, muß aus den Besonderheiten dieser Gattung erschlossen werden.



      Die Minnekanzone und der »roman courtois« stellten hohe Ansprüche an die Formbeherrschung und die künstlerische Gestaltungskraft der Bearbeiter. In der Nachbildung französischer Formmuster gelang es im Verlauf von nur einer Generation, in Deutschland ein literarisches Publikum zu bilden, das die raffinierten Kunststücke der Halbdaktylen und der Binnenreime nachvollziehen konnte und das in der Lage war, die komplizier-te Tektonik der Kanzonenstrophen zu erfassen, die rhetorischen Schmuckmitte] zu würdigen und den anspruchsvollen Darstellungs- und Bauformen der Epiker zu folgen. Die Selbstbeobachtungen der Minnesänger und die psychologische Motivierung der Abenteuer- und Liebeshandlung in den Romanen eröffneten neue Dimensionen der Menschengestaltung, die diesen Gattungen ein ganz modernes Gepräge geben. Vor allem aber waren es sicherlich die Einzelheiten der Gesellschaftsdarstellung, die den Minneliedern und den Romanen in den Augen des deutschen Publikums den besonderen Rang verliehen. Kein anderes Medium vermittelte ein so genaues Bild von der materiellen Kultur, den zeremoniellen Formen des höfischen Benehmens und den neuen Wertbegriffen der französischen Adelsgesellschaft; und daran war die Hofgesellschaft in Deutschland offenbar besonders interessiert.
      Früher hat man das Verhältnis der deutschen Bearbeitungen zu ihren französischen Vorlagen hauptsächlich als ein Problem der individuellen künstlerischen Leistung gesehen; und die Wertmaßstäbe, die dabei zur Verwendung kamen, waren fast immer von nationalen Vorurteilen getrübt. Während man in Deutschland bemüht war, die künstlerische Originalität der deutschen Werke herauszustellen, hat man in Frankreich versucht, die deutsche Dichtung zu einer reinen Ubersetzungslite-ratur abzuwerten. Wo die Frage nach gemeinsamen Bearbeitungstendenzen in den Blick trat, hat man sie häufig mit einer primitiven Völkerpsychologie beantwortet, derzufolge die deutschen Dichter die Formkunst und Eleganz ihrer französischen Vorlagen durch eine tiefere Sinngebung übertroffen haben sollen. Daß es selbst heute noch schwerfällt, die literarischen Abhängigkeitsverhältnisse ohne Vorbehalte zu betrachten, zeigt die neue Diskussion über die »adaptation courtoise«. Dieser Begriff steht für die These von Jean Fourquet und seiner Schule, daß die deutschen Bearbeiter - abgesehen von Wolfram von Eschenbach, dem eine Sonderstellung zugebilligt wird -nur andere Ausdrucks- und Darstellungsmittel benutzt haben, während der eigentliche Gehalt der französischen Texte unverändert geblieben sei. Diese Ansicht wird gelegentlich so provozierend überspitzt vorgetragen, daß sie geeignet ist, Zündstoff für neue Unsachlichkeiten zu liefern. Daß die deutschen Nachdichter ihre französischen Vorlagen nur stilistisch verändert hätten, ist sachlich nicht zu halten. Aber richtig ist, daß es den Bearbeitern nicht in erster Linie darum gegangen sein kann,eigene Positionen zur Geltung zu bringen, sondern daß sie -mindestens in der ersten Phase der Rezeption - bemüht waren, die französischen Formmuster so genau wie möglich nachzubilden, und daß ihnen grundsätzlich daran gelegen war, dem deutschen Publikum das neue Gesellschaftsbild der französischen Texte möglichst authentisch zu vermitteln. Das wichtigste Ergebnis der Diskussion über die »adaptation courtoise« ist aber, daß der Prozeß der literarischen Rezeption, über die individuellen künstlerischen Unterschiede hinaus, von den abweichenden Gesellschaftsstrukturen in Deutschland und Frankreich mitgeprägt worden ist. Welche konkreten historischen Fakten dabei die wichtigste Rolle gespielt haben, ist allerdings noch nicht hinreichend geklärt. Wahrscheinlich haben die unterschiedlichen Bildungsverhältnisse das Erscheinungsbild der Literatur sehr stark mitbestimmt. In Frankreich konnte die höfische Literatur von dem Aufschwung der Wissenschaften ebenso profitieren wie von der Tatsache, daß die Mitglieder der Adelsgesellschaft zum großen Teil selber schriftkundig waren. Die Ãobertragung dieser französischen Literatur in eine weitgehend analphabetische Laiengesellschaft in Deutschland hatte zur Folge, daß die höfische Literatur hier eine ganz andere Funktion erhielt. Die intellektuellen Momente, die etwa in der spielerischen Behandlung des Liebesmotivs zu Tage traten oder in der erzählerischen Ironie, die für Chretien de Troyes und die besten französischen Epiker kennzeichnend ist, traten in Deutschland gegenüber den ideologischen zurück. Unbeschadet des hohen Unterhaltungswerts der Texte war es den deutschen Bearbeitern offenbar in erster Linie um das höfische Gesellschaftsideal zu tun. Von daher läßt sich das meiste begreifen, was an durchgehenden Bearbeitungstendenzen beim Vergleich der deutschen Dichtungen mit ihren französischen Vorbildern auffällt:
- Die Tendenz zur Abstraktion, besonders in der Minnelyrik, wo die Gestalt der höfischen Dame bei den deutschen Sängern immer mehr zum Inbegriff vollkommener Schönheit und Tugendhaftigkeit verblaßte und wo sie fast nur noch als Repräsentantin höfischer Werte für den werbenden Ritter von Bedeutung war.
      - In der Epik ein entsprechender Verlust an Spannung und erzählerischer Individualität zugunsten einer gesteigerten höfischen Vorbildlichkeit, die sich ebenso in der Häufung von Musterbeschreibungen höfischer Gegenstände und Vorgänge niederschlug wie in der Idealisierung und Typisierung derritterlichen Helden, deren Weg zu höfischer Vollkommenheit durch die Motive von Schuld und Läuterung ein größeres ethisches Gewicht gewannen.
      - Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit dem neuen Minneideal, wie sie schon in den ersten Kreuzliedern zum Ausdruck kam, später in der Kritik Hartmanns von Aue und Walthers von der Vogelweide am höfischen Dienstgedanken und in den großen Minneexkursen bei Wolfram und Gottfried.
      - Das Bemühen der deutschen Dichter, die verschiedenen Aspekte höfischer Vorbildlichkeit in einem einheitlichen Programm zusammenzufassen, das um den Gedanken kreiste, daß der vollkommene Ritter zugleich Gott und der Welt gefallen müßte.
     

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