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Die generation der 80er jahre

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Je vais me cacher dans mon niglou: Das Kind als der Fremde in Yann Queffölecs Noces barbares



Der Roman Les noces barbares von Yann Queffelec erschien 1985 und wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Wenn es zutrifft, daß jedes Jahr etwa 200 neue und neu aufgelegte Romane auf dem französischen Buchmarkt erscheinen , hätte Les noces barbares sich von 1985 bis 1993 gegen ungefähr 1.600 Titel mit großem Erfolg behauptet. Laut dem Quid, einer Encyclopedie annuelle, d.h. einer jährlich herausgegebenen Sammlung von wichtigen Zahlen und Fakten, wurden bis Ende 1992 mehr als 1.332.000 Exemplare des Textes gedruckt. Mit diesen Auflagenzahlen steht Les noces barbares in einer "ewigen" Rangliste des seit 1903 vergebenen Prix Goncourt auf Platz 3, hinter Malraux' Condition humaine und Pascal Laines La dentelliere . Nach ihm kommt Romain Gary mit La vie devant soi und danach Proust mit A l'ombre des jeunes filles enfleur . Queffelecs auf dem Buchmarkt so überaus erfolgreicher Roman wurde verfilmt und unter dem Titel Barbarische Hochzeit ins Deutsche übersetzt. Die Filmfassung ist in Deutschland mehrmals im Fernsehen gezeigt worden.



      Im Vergleich zu diesem großen kommerziellen Erfolg ist das Echo der Literaturwissenschaft schwach geblieben. Einigen positiven Rezensionen in Tageszeitungen oder literarischen Zeitschriften stehen strenge Urteile von deutschen Romanisten gegenüber. So ist an Les noces barbares u.a. eine unkritische Rückkehr zur "Lesbarkeit" bemängelt worden, bzw. der Textwurde als melodramatischer Erfolgsroman eingestuft. Natürlich ist einzuräumen, daß in Ãoberblicksdarstellungen und Literaturgeschichten die einzelnen Texte notwendigerweise etwas rasch erledigt werden. Trotzdem beeindruckt die ungleichmäßige Rezeption des Textes, d.h. das Mißverhältnis zwischen der massiven Zustimmung durch das Lesepublikum und der Vernachlässigung bzw. Geringschätzung durch die Literaturwissenschaft.
      1.
      Hinter dem Titel Les noces barbares verbirgt sich die Geschichte einer schwierigen Kindheit sowie die Schilderung von drei barbarischen Hochzeiten. Der Roman beginnt damit, daß das 13jährige Mädchen Nicole Blanchard, Tochter eines Bäckers in einem kleinen Hafenort am Atlantik, im Sommer 1946 von drei amerikanischen Soldaten vergewaltigt wird. Das ist die erste barbarische Hochzeit. Das Mädchen bekommt ein uneheliches Kind, einen Knaben, der den Namen Ludo erhält. Eigentlich heißt er Ludovic. Damit ist ein etwas verrückter deutscher König mit dem Namen Ludwig gemeint: Un roi d'Allemagne un peu dingo 7. Das ist König Ludwig n. von Bayern, aus dem Hause Witteisbach, 1845-1886, der seelisch und geistig krank war, in den Alpen Märchenschlösser baut und am Ende mit seinem Arzt im Starnberger See ertrinkt.
      Nomen est omen, und LudolLudovicILudwig ist ein Erzählprogramm. Ludo wird ebenfalls im Wasser sterben und einen ihm sehr nahe stehenden Menschen mit in den Tod nehmen. Er ist seelisch und geistig leicht gestört, besitzt aber eine schwärmerische Phantasie und ist empfänglich für das, was man die "verborgene Poesie" der Dinge nennen könnte.
      Die zweite Hochzeit des Romans findet einige Jahre später statt, als Ludos Mutter einen um 20 Jahre älteren Mann heiratet. Die ohne Liebe und ohne Vergnügen durchgeführte Vermählung kann als barbarisch angesehen werden.
      Am Ende der Geschichte ereignet sich die dritte barbarische Hochzeit: Ludo, der aus einem Heim für geistig behinderte Kinder geflohen ist, trifft mit der Mutter am Strand, neben einem Schiffswrack, auf dem er haust, zusammen. In einem Taumel von Glück und Besitzenwollen schließt .er seine Mutter in die Arme und nennt sie zum ersten Mal maman. Aber die Umarmung wird zum Würgegriff. Ludo tötet die Mutter und schleppt sie ins Meer, wo er mit ihr versinkt: [...] la tete envahie d'une euphoriedechirante il se mit ä lancer: "Maman, maman" de plus en plus fort [...] Et comme eile se debattait encore il descendit sa main vers le cou [...] et rempli d'allegresse il se mit ä serrer, serrer de toutes ses forces. [...] Ils allaient s'endormir dans le lit du soleil, la vie ne les desunirait plus. [...] "J'ai peur", murmura-t-ü en passant les deux bras autour de sa mire; puis il se laissa couler dans les remous qui menaient droit sur la deferlante.
      , schreit ihn die Mutter einmal an, oder sie fordert ihn auf: "Disparais [...]" . Die Handlung von Les noces barbares ist eine Umsetzung solcher Aufforderungen. Mit seinem Selbstmord vollzieht Ludo selbst - getreu der Logik der vorausgehenden Ereignisse - seine eigene Hinausbeförderung aus der Welt, in der ihn keiner will.
      3.
      Queffelecs Noces barbares - das geht aus den bisherigen Ausführungen hervor - ist ein konventioneller, auf den realistischen bzw. naturalistischen Roman Balzacs und Zolas zurückgehender und herkömmliche narra-tive Konzepte bestätigender Text. Der Roman präsentiert eine nach außen abgeschlossene, im Inneren planvoll geordnete fiktive Welt und eine kohärente Geschichte, deren narrative Systematik nicht neueren Konzepten des Erzählens entspricht bzw. nicht für neuere Entwicklungen der literarischen Produktion in Frankreich steht. Keine gemeinsamen Merkmale mit dem nouveau roman. Kein experimentelles Erzählen , keine mythecriture , nouvelle autobiographie oder Vergleichbares. Ebenfalls nichts von der Postmodeme im Sinne von radikaler und expliziter Intertextualität, hybrider Mischung aus Fiktion und Metafiktion bzw. aus elitären und populären

Elementen, Zweifel an der Referenzfähigkeit der Sprache und Insistieren auf deren Autoreferentialität.
      Angesichts solcher Unauffälligkeiten wäre die Frage nach der Erheblichkeit von Yann Queffelecs Noces barbares als literaturwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand zu stellen. Es könnte in der Tat befremden, daß in einem Sammelband über die französische Literatur der 80er Jahre ein Text wie Les noces barbares auftaucht. Die Auszeichnung mit dem Prix Goncourt und der riesenhafte Verkaufserfolg sind keine Gewähr für die Qualität und Bedeutsamkeit eines Textes, umso weniger als Les noces barbares einer der umstrittensten Prix Goncourt der letzten Jahre war. Aber die hohen Auflagenzahlen, die ja auch die ungefähren Verkaufszahlen darstellen, zeigen, daß der Roman offenbar ein erhebliches Lesevergnügen verschaffen kann. Daß er als ernsthafter Text, der aufklärt und belehrt, der ehrwürdigen Forderung nach dem prodesse Genüge tut und zu den wichtigen Romanen der 80er Jahre gehört, versuche ich mit den folgenden Ausführungen zu zeigen.

      4.
      Die Erzählung über die schwierige Kindheit des Knaben Ludo ist Exemplum für wesentliche allgemeine Gegebenheiten des menschlichen Lebens und Zusammenlebens, insbesondere eine Geschichte über gesellschaftliche Defekte und individuelles Versagen. Sie zeigt, wie eine Gruppe von Menschen außerstande ist, eine unvorhergesehene Katastrophe zu bewältigen. Ludo ist der Fremde, der radikal Andere, der das Vorhandene negiert und das Vertraute bedroht. Das System von kleinbürgerlichen, auf das Zusammenleben in der Provinz zugeschnittenen und mit christlichen Elementen durchsetzten Normen und Verhaltensmaximen, mit deren Hilfe eine biedere Bäckersfamilie und die Bewohner eines kleinen Küstendorfes am Atlantik bisher ihr Dasein geregelt haben, erweist sich als untauglich, die mit dem Kind Ludo aufgetretenen Probleme zu bewältigen.
      Der Vater und die Mutter werden mit der Notlage der Tochter nicht fertig und noch weniger mit dem seltsamen Enkelsohn. In der Schule wird dieser vom Lehrer geschlagen und lächerlich gemacht und bekommt die Eselsmütze, den berüchtigten bonnet d'äne aufgesetzt. Die Ã"rzte reden hochtrabend, stellen unverständliche Diagnosen wie dysfonctionnalite paranoide oder obliteration des processus cognitifs und dozieren gelehrt vor medizinischen Laien. Die staatlichen Organe - der ßürger-meister, die Polizei - beschleunigen durch ihre Maßnahmen die Katastrophe.
      Das alles heißt: hier wird Kritik geübt. Diese Kritik richtet sich u.a. gegen das Christentum. Dessen Schwächen werden satirisch bloßgelegt, insbesondere im 2. Teil des Romans, der den Aufenthalt Ludos im christlichen Heim für verhaltensgestörte Kinder zum Gegenstand hat. Alle dort im Namen des Christentums handelnden und sprechenden Figuren demonstrieren die Untauglichkeit der christlichen Lehre zur Bewältigung der Probleme eines seelisch schwer beschädigten Kindes. Der hohe christliche Anspruch und die Unfähig- bzw. Unmöglichkeit, ihn einzulösen, die daraus resultierende Heuchelei und die Verlogenheit christlicher Parolen werden demonstriert.
      Dabei ist Ludos Auftreten und seine Gegenwart im Centre Saint-Paul ein Test auf dessen Funktionieren. Diese Rolle, d.h. eine Art Prüfstein zu sein für die Welt, mit der er in Berührung kommt, hat Ludo überhaupt in Queffelecs Roman. Mit Hilfe Ludos als der Zentralfigur der Erzählung wird getestet, was an guten Eigenschaften, moralischen und sozialen Kompetenzen in der Welt vorhanden ist, in die er gerät. Die Familie, die Schule, der Arzt, die Polizei usw. haben sich an Ludo zu bewähren. Und mit ihnen die sozialen oder kulturellen Institutionen, Normen, Wertvorstellungen, Denkformen usw., die sie repräsentieren.
      Die Funktion der Probe, konstitutives Element zahlreicher Erzähltexte, etwa des antiken Mythos, des höfischen Romans, des Märchens, ist in Queffelecs Noces barbares allerdings in umgekehrter Form vorhanden. Nicht der Held wird einer Serie von Tests unterzogen, sondern die Wirklichkeit, in die hinein er gerät. Ludo ist das geschädigte Kind, das mit seinem elementaren Anspruch auf Menschlichkeit die Unmenschlichkeit der bestehenden Verhältnisse entlarvt. Dank dieses Ereignismusters der Probe ist Queffelecs Noces barbares ein bißchen auch roman experimental. In jedem Fall wird ein Individuum in ein Milieu gestellt, dort gewissermaßen losgelassen, und die Wirkungen, die es hervorruft, werden beobachtet. Zola hat das am Beispiel des Baron de Hulot aus Balzacs Cousine Bette demonstriert. Es geht dabei um die ravages - die "Verheerungen" -, die das Individuum in der Welt bewirkt. Queffelecs Roman zeigt umgekehrt die

Beschädigungen und Zerstörungen, die eine grausame Welt in einem außergewöhnlichen Individuum verursacht.

      5.
      In die kleinbürgerlich-bornierte Welt der französischen Provinz, an der Ludo zugrunde geht, ragen einige fremde, ausländische Gegebenheiten hinein. Amerikanische Truppen geben im Sommer 1946 ihre Standorte auf und verlassen Frankreich. An der Atlantikküste stehen noch die Ruinen von deutschen Bunkern. Ludo hat seinen Namen nach einem bayerischen König, allerdings umgeformt und vertraut gemacht für Franzosen. Die boches und auch die juifs werden humorvoll verunglimpft . Das ist ein bißchen Deutschfeindlichkeit und etwas Antisemitismus, nicht sehr liebenswürdig, aber auch nicht besonders bösartig und überdies vom Erzähler abgemildert und implizit mit Kritik versehen.
      Eine radikalere Variante des Themas Fremdheit ist die Polemik gegen Amerikaner und die USA. Amerikanische Soldaten übernehmen in der Anfangsepisode die Funktion der bösen Tat. Zur barbarischen Hochzeit der Vergewaltigung erklingt als Hintergrundmusik eine Platte mit Frank Sinatra, Whisky und Cola werden konsumiert. Exactly likefootball , so kommentiert einer der drei Soldaten die bestialische Handlung. Die Botschaft der Sequenz, an deren Ende ein junges Mädchen sich mit zerrissenen Kleidern, zitternd und mit blutverschmierten Beinen nach Hause schleppt, kann kaum mißverstanden werden. Hier wird nicht nur ein 13jähriges Mädchen von drei jungen Männern vergewaltigt, sondern einer kleinen Französin wird von drei Amerikanern schlimmste Gewalt angetan. Das belegt auch die Erdrosselung eines Hahns, der vor der Türe kräht, als die Soldaten ihr grausames Geschäft verrichten. Ihm wird der Hals umgedreht, wobei er ein letztes Cocorico herausbringt. Das ist ein grobes Detail, an der Grenze des Kitsches, aber es unterstreicht, daß es hier um Frankreich geht, das von den USA irgendwie beschädigt wird.
      Die Anfangsszene von Les noces barbares stellt einen interessanten Bruch mit einem ansonsten in Frankreich dominierenden Stereotyp dar. Als ausländischer Soldat, der Franzosen Böses antut, hat in Queffelecs Roman der Amerikaner den Deutschen abgelöst. Der SS-Scherge oder Folterknecht der Gestapo, der französische Widerstandskämpfer quälen oder erschießen läßt, bzw. der dicke deutsche Trottel - le bourreau SS oder le gros Allemand - , der aus der Literatur, dem Kino oder aus Comic-Streifen bekannt ist, wird durch den häßlichen und rohen Amerikaner substituiert. Diese antiamerikanische Polemik wird durch keinen Erzählerkommentar abgemildert. Aber einer der drei amerikanischen Soldaten, der eigentliche Freund Nicoles, heißt Schneider. Das heißt, es gibt in Les noces barbareseinen schwärmenschen deutschen, genauer: bayerischen König, aber auch noch - wenngleich nur auf der konnotativen Ebene und sehr vermittelt - den barbarischen Deutschen in Uniform.

     
   Mit der Vergewaltigungsszene liefert Queffelec einen bösen Beitrag zu dem in Frankreich existierenden antiamerikanischen Diskurs. Schon im Sommer 1945, also bereits ein Jahr nach der Liberation, schien bei französischen Intellektuellen die zunächst große Begeisterung für die USA und die Amerikaner - die Befreier, um deren Kino und Jazzmusik sich in Frankreich euphorische Legenden gebildet hatten - in Kritik umzuschlagen. Sartre und Camus kehrten 1945 und 1946 von USA-Reisen ernüchtert und mit verringerter Sympathie für das Land und seine gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse nach Frankreich zurück. Sartre griff bereits 1946 in seinem Theaterstück La putain respectueuse den Rassismus der USA an. Rene Etiemble veröffentlicht 1964 sein Buch Parlez-vous franglais? , eine polemische Schrift, die insbesondere die Verteidigung der französischen Sprache und Kultur gegen amerikanische Einflüsse zum Inhalt hat.

     
   Queffelecs 1985 veröffentlichter Roman faßt eine Menge von dem zusammen, was seit der Liberation an Antiamerikanismus in Frankreich entstanden ist. Ernüchterung über die Befreier von 1944, Kritik an mangelnder Unterstützung durch die USA im Indochina- und Algerienkrieg, Bildung einer eigenen Atommacht, der Force defrappe, und Austritt aus der Nato, Proteste und Massendemonstrationen gegen den Vietnamkrieg usw. - das sind Beispiele für den politischen Antiamerikanismus in Frankreich, den insbesondere de Gaulle und die Kommunistische Partei verkörperte. De Gaulle hatte auch abfällig von der civilisation coca-alcoolique der USA gesprochen und damit jenen - zumindest aus der Sicht kultivierter Franzosen - barbarischen American Way ofLife gemeint, der zu seiner Zeit und nach ihm mit Fast food, sich ausbreitender amerikanischer Trivialmusik und besonders mit Amerikanismen, die in die französische


Sprache eindrangen, französische Lebensformen und die kulturelle Identität der Franzosen bedrohten.
      6.
      In Queffelecs Noces barbares geht es jedoch nur zum Teil um Antiamerikanismus bzw. um Kritik am Christentum oder um die Denunzierung kleinbürgerlich-provinzieller Lebensformen und Denkweisen. Die zentrale Behauptung des Romans ist eine Negativität der Welt, die als universaler Zustand erscheint, in dem das Glück unmöglich ist und am Ende Tod und Zerstörung triumphieren.
      Die Botschaft von dieser durchgängigen Negativität und der zentrale Gedanke des Pessimismus kann u.a. an der Konfiguration der Personen, insbesondere an den Paaren Mann-Frau abgelesen werden, die alle schlecht funktionieren bzw. auseinanderbrechen. Ferner geschehen besondere Scheußlichkeiten unter Figuren, die sich nahestehen und die aufgrund ihrer biologischen, sozialen und kulturellen Rolle dafür vorgesehen sind, einander Gutes zu tun. Der Freund vergewaltigt die Freundin, der Sohn tötet die Mutter. Die Mutter, die Großeltern, der Lehrer, der Arzt, die Leiterin des Heims, in dem Ludo gut aufgehoben sein soll, und auch der leibliche Vater, der das Kind zeugt und die Mutter körperlich und seelisch zerstört - sie alle schaden und beschädigen Ludo. Das sind Verhältnisse, die bereits Aristoteles in seiner Poetik als besonders leidschaffend beschreibt. Dieses Motiv der leidverursachenden Tat unter Personen, die einander nahestehen, erscheint im Alten Testament, in den antiken Mythen, in der klassischen Tragödie, aber auch im realistischen Roman der Franzosen und in einigen Geschichten über barbarische Hochzeiten, etwa in Bertolt Brechts Kleinbürgerhochzeit, Garcia Lorcas Bodas de sangre oder in dem Film Les noces rouges von Claude Chabrol.
      Zum Pessimismus gehört ferner die Besetzung der Aktantenposition des Helfers mit durchweg schwachen, marginalen und ephemeren Figuren. Die lungenkranke Tante Nanette, das geistig behinderte und seelisch gestörte Mädchen Lise, der schrullige Matrose Couelan, der Stiefvater Micho - keine dieser Gestalten ist mit der erforderlichen seelischen Kraft oder der sozialen Macht ausgestattet, die notwendig wäre, um Ludo bei der Bewältigung seiner Probleme zu unterstützen. Ihre moralische oder affektive Solidarität ist letztlich folgenlos.
      In die negative Wirklichkeit von Les noces barbares und das propagierte pessimistische Weltbild fügt sich die Darstellung problematischer, zumeist destruktiver Sexualität. Sexualität erscheint in Les noces barbaresals diejenige Macht, die funktionierende Ordnungen zerstört und das größte Unheil über die Figuren bringt. Die unbefriedigten sexuellen Bedürfnisse der drei amerikanischen Soldaten sind Auslöser für die Vergewaltigung Nicoles. Ludo kann sein sexuelles Verlangen nicht befriedigen und erlebt lästige und schmerzhafte Erektionen. Er belauert aus seinem Versteck auf dem Speicher die nackte Mutter und darf gegen ein Entgelt von drei Kugelschreibern heimlich den nackten Busen der Schwester eines Schulkameraden betrachten. Micho sucht nach dem Tod seiner ersten Frau Prostituierte in Bordeaux auf. Er wird sexuell von Nicole erpreßt, die die Zustimmung ihres Mannes zur Verbringung Ludos in ein Heim auf diese Weise erzwingt. Die Heimleiterin Mlle Rakoff hat Sexualität nur als eine Serie hastiger, sie erniedrigender Paarungen mit einem verheirateten, deutlich älteren Mann erlebt - im Keller, der als Photolabor hergerichtet ist, mit einem Klappbett unter dem Arbeitstisch: Elle avait ete la maitresse du colonel de Moissac autrefois. [...] le dessert hygienique d'un monsieur qui prenait son plaisir en vieillard -pour mieux dormir. Die Köchin und Haushälterin Fine, die ihr Bett heimlich mit dem farbigen Gehilfen Doudou oder dem Heiminsassen Gratien teilt und von Ludo belauert wird, demonstriert ebenfalls den Gedanken einer zumindest problematischen Sexualität."
In diesen Zusammenhang von negativer Wirklichkeit und pessimistischer Weltsicht ordnet sich das Ende der Erzählung ein. Das Ziel der gesamten Handlung, die Vereinigung von Mutter und Sohn, wird angesteuert. Der Held der Geschichte, Ludo, schickt sich an, sein Wunschobjekt endlich zu erlangen, d.h. die Gegenwart der Mutter zu erleben. Aber die Schlußereignisse sind lediglich eine letzte Ãoberbietung all der leidvollen Vorgänge der bisher abgelaufenen Geschichte. Am Anfang wird eine sehr junge Frau von ihrem Freund vergewaltigt: am Ende wird sie von dessen Sohn getötet. Am Anfang wird ein Kind abgelehnt und soll gar nicht erst zur Welt kommen: am Ende beseitigt es sich selbst. Die Handlungen sind identisch im Hinblick auf Gewaltanwendung und Zerstörung.
      Ludo tötet seine Mutter, indem er sie erwürgt. Damit entsteht eine weitere Korrespondenz zwischen der Erdrosselung des Hahnes am Anfang und der von Nicole am Ende von Les noces barbares. Die Schlußszene zitiert die Vergewaltigung und die Tötung des Hahnes in der Anfangsszene. Zu Beginn drückt ein amerikanischer Soldat einem Hahn, Wappentier der

Franzosen, den Hals zu. Am Schluß der Geschichte erwürgt der Sohn dieses amerikanischen Soldaten seine Mutter, eine Französin. Die Frau als Opfer männlicher Gewalt, aggressive und destruktive Amerikaner, Liebe als Ausgangspunkt zerstörerischer Handlungen - das wären die Informationen, die durch eine derartige intratextuelle Relation eine besondere Eindringlichkeit erlangen.
      Bis zum Ende der Geschichte, d.h. bis zur Umarmung der Mutter und seinem Versinken im Meer, hat Ludo eine Reihe von Räumen durchquert, zu denen auch sein niglou gehört, eine mit Ã"sten abgedeckte Sandgrube im Garten, in der er sich versteckt und die ihm Schutz bietet. Die meisten dieser Räume - außer dem niglou u.a. der Dachboden, die dort angelegte Hütte, die Kombüse und die Kajüte auf dem Schiffswrack - sind Orte der Geborgenheit. Andere - die Mole über dem Abflußrohr , der Keller im Centre Saint-Paul - bedeuten Bedrohung und Gefahr. Ein niglou ist auch der Bauch der Mutter: son ventre ä eile [...] le froid qu'il doit faire lä-dedans [...] j'aurais pas pu m'y cacher dans son niglou . Das Meer wird ebenfalls mit dem niglou gleichgesetzt, über den Toten am Strand heißt es: La mer etait son niglou, sa cachette. Die Homophonie zwischen mere und mer ist somit semantisch relevant. Das heißt, Ludos Begegnung mit der Mutter ist auch eine Rückkehr zu ihr. Das Eintauchen ins Meer erscheint als eine Rückkehr in den Mutterleib, die Wiederherstellung der vorgeburtlichen Symbiose, die in der Welt von Les noces barbares freilich nur als Utopie und Wunschbild gedacht werden kann. Seit der Vergewaltigung besteht finstere Feindschaft zwischen der werdenden Mutter und der heranwachsenden Leibesfrucht: C'etait affolant, ce corps dans son sorps, ces deux coeurs emmures, ce duel aveugle au plus noir de son sang. Elle injuriait l'intrus f...]
Das gemeinsame Sterben Ludos und seiner Mutter wiederholt das in zahlreichen kanonisierten Texten erscheinende Motiv des Liebestodes, ein eigentümliches Handlungselement, in dem die Verherrlichung der Liebe steckt und die Verurteilung der Umstände, die sie unmöglich machen. Das Schlußereignis von Les noces barbares zitiert die babylonische Sage von Pyramus und Thisbe, die in Ovids Metamorphosen vorkommt, Tristan und Isolde, Romeo und Julia - bei Shakespeare, Gottfried Keller und in Spurennoch in der Westside Story von Leonhard Bernstein - Ferdinand von Walter und Luise Miller in Schillers Kabale und Liebe, Victor Hugos Notre-Dame de Paris, wo am Ende im Massengrab vor den Toren des mittelalterlichen Paris die Skelette des buckligen Glöckners Quasimodo und des Zigeunermädchens Esmeralda sich umarmen. Diese hier sehr beliebig erwähnten intertextuellen Relationen - neben zahlreichen anderen, die der Leser aufdecken oder herstellen mag - tragen wiederum zur Sinnkonstitution der Schlußsequenz bei. Dank der Prätexte werden die ödipalen Konnotationen des gemeinsamen Sterbens von Ludo und Nicole verstärkt, das Verhältnis von Mutter und Sohn wird erotisiert.
      Der Liebestod als Tötung der geliebten Mutter und nachfolgender eigener Tod heißt auch: die noce zwischen Mutter und Sohn wird barbare. Das als Titel gebrauchte Oxymoron kann auch im Falle von Queffelecs Roman - ähnlich den erwähnten Bodas de sangre oder den Noces rouges -als Minimaltext angesehen werden. Das heißt, der Titel des Romans enthält bereits die Behauptung, daß in den Handlungen der Liebe diejenigen des Hasses und der Vernichtung stecken. Dieses Ereignismuster des Umschlags eines Aktes der Liebe in eine Handlung der gewalttätigen Zerstörung wiederholt sich mehrmals, ist redundant.
      Es hängt mit unseren Lesegewohnheiten zusammen, daß wir derartige Wiederholungen nicht als zufällig betrachten. Die Wiederkehr des Gleichen, die zunächst ein bloßes Nacheinander der erzählten Vorgänge, also ein zeitliches Verhältnis darstellt, pflegen wir als ein Verhältnis von Ursache und Wirkung aufzufassen. Roland Barthes hat diese Gleichsetzung von chronologischer und konsequentieller bzw. kausaler Verknüpfung, die er für ein wesentliches Element der Erzähldichtung hält, beschrieben. Es wäre die systematische Anwendung eines schon von der mittelalterlichen Scholastik getadelten logischen Irrtums, nämlich die Verwechslung des post hoc mit dem propter hoc: Le rech serait [...] une application systema-tique de l'erreur logique denoncee par la scolastique sous la formule post hoc, ergo propter hoc, «7«/ pourrait bien etre la devise du Destin dont le recit n' [...] est que la langue.lg Das Nacheinander des Gleichen in literarischen Texten wäre somit als Ausdruck der Vorherbestimmtheit, als Gedanke vom Zwang des Schicksals zu lesen. Weil Gewalt geschehen ist, wird sie wieder geschehen: eine Zwangsläufigkeit, die das Individuum nicht durchbrechen kann. Der Gedanke des Pessimismus in Les noces barbares erhält insofern zusätzliches Gewicht, als die Negativität von Anfang an und für immer besteht.

     
7.
      Queffelecs Noces barbares - das wurde bereits ausgeführt - ist ein traditioneller Roman. Sein Autor hat dem von zeitgenössischen narrativen Konzepten ausgehenden Innovationsdruck widerstanden und durch seine literarische Praxis jeglicher experimenteller Ã"sthetik implizit eine Absage erteilt. Les noces barbares ist kein nouveau roman, in dem die Dinge herrschen, die Figuren kein Innenleben haben und der Erzähler vorgibt, die Welt nicht richtig zu kennen, über die er doch spricht. Auch kein Pastiche der Postmoderne, in dem Zitate montiert und Elitäres und Populäres mit heiterer Unbekümmertheit als gleichwertig dargeboten werden.
      Freilich sind die zahlreichen intertextuellen Verweise in Queffelecs Roman nicht zu übersehen. Zu ihnen gehören all jene narrativen Elemente, Motive, Figurenkonstellationen, Handlungsbestandteile, welche auch in anerkannten Texten der Weltliteratur bzw. in anderen Diskursformationen anzutreffen sind, diese nachgerade zitieren und von denen Les noces barbares gewissermaßen "zehrt". Auch der Name Ludo/Ludovic und die damit verbundenen Erläuterungen als Zitat des historischen, biographischen, auch volkstümlich-legendenhaften Diskurses über den bayerischen König Ludwig

II.

wären dazu zu rechnen. Aber dieses Netz von vielfältigen intertextuellen Bezügen - vom Autor bewußt absorbierte und als solche identifizierbare oder vom Leser erkannte Hypotexte, welche an der Sinnkonstitution von Les noces barbares als Hypertext erheblich beteiligt sind, - machen Les noces barbares nicht zu einem im engeren und strengen Sinne zeitgenössischen Roman. Sie schaffen nicht jene Form radikaler Intertextualität - etwa in Gestalt von Textcollage, explizitem und kommentiertem Zitat - wie sie für postmoderne Texte beansprucht wird. Das heißt, Les Noces barbares bleibt ein herkömmlicher Roman, ist altehrwürdiges, manchmal etwas reißerisches, aber doch altmodisches Geschichtenerzählen. Auf der histoire-Ebene wird eine nach kausalen und finalen Prinzipien organisierte Geschichte mit einer abgeschlossenen Handlung und mit konsistenten, d.h. mit sich selbst identischen Figuren dargeboten. Diese Merkmale schaffen eine intensive ästhetische Illusion im Sinne von Wahrscheinlichkeit und Wirklichkeitstreue der erzählten Welt. Die discours-Ebene wird nicht problematisiert, indem die Geschichte gleichsam als reine, sich selbst erzeugende Erzählung erscheint und Fragen der Vermittlung, des narrativen Verfahrens nicht auftauchen. Das heißt, es fehlt völligdas illusionsstörende Element der Metafiktionalität. Es gibt allerdings in Les noces barbares eine Reihe innerer Monologe, in denen der Held in der Ich-Form spricht, seine innere Befindlichkeit artikuliert und damit ein zweiter, in der Tat illusionsstörender Erzähler auftritt.
      Gegen Les noces barbares und Queffelecs konventionelles Erzählver-fahren könnte kritisch eingewandt werden, der Text besäße die falsa innocenza, von der Umberto Eco spricht und die den Gedanken ihres eigenen Epigonentums verdrängt hat. Aber die Aktualität - das hieße auch: die Qualität - des Romans, um die man sich sorgen könnte, ist trotzdem unübersehbar. Sie wäre vor allem auf der Inhaltsebene zu suchen und in der Thematisierung von Sachverhalten, Problemen, Konflikten zu sehen, deren Aktualität insofern noch nicht erschöpft ist, als es sich um bisher nicht beseitigte Defekte des menschlichen Zusammenlebens handelt. Also: schwierige Kindheit und schwierige Geschlechterbeziehungen und die Verfassung einer Welt, die Glück verhindert; der ganze Problemkomplex der Fremdheit einschließlich der zumindest drohenden Zerstörung von kultureller Identität in Frankreich durch US-amerikanische Hegemonie. Dazu kommen die konnotierten, vom Leser phantasierten Alternativen, d.h. die Utopie der gelösten Widersprüche und der besseren Zustände, die gewissermaßen zwischen den Zeilen erzählt wird.
      Familienkonflikte, problematische Geschlechterbeziehungen, schwierige Kindheit, Fremdheit usw. sind uralte Themen der abendländischen Literatur. Es könnte immer noch das Argument der mangelnden Originalität aufkommen, d.h. der Vorwurf, in Queffelecs Noces barbares werde das Bekannte, allzu oft Genannte lediglich von neuem erzählt. Zum kulturellen System, innerhalb dessen ein literarischer Text wie Les noces barbares funktioniert, gehört allerdings, daß dessen Mitglieder an die Spielregeln ihres Zusammenlebens und an die Wertbegriffe, an denen sie ihre Praxis orientieren, ständig erinnert werden. Die immer wieder erneuerten Beschwörungen von Freiheit, Frieden, gesunder Umwelt, Toleranz, Solidarität oder von anderen Wertvorstellungen im Rahmen meinungsbildender öffentlicher Diskurse, dem politischen, theologischen, pädagogischen usw., gelten als legitim. Insofern wäre die Thematisierung der freilich alten, aber noch nicht abschließend beantworteten Fragen durch den literarischen Diskurs Queffelecs, d.h. der epische Bericht über bestehende Ãobel, in demzugleich der Entwurf der besseren Verhältnisse steckt, kein Merkmal minderer Qualität.
      Ich habe Queffelecs Noces barbares mit dem roman experimental verglichen. Das ist er in einem zweifachen Sinne. Einmal das Experiment mit dem geistig behinderten und seelisch gestörten Knaben Ludo, der die Menschlichkeit der Welt testet, in der er lebt und deren Unmenschlichkeit er entlarvt. Daneben aber auch ein Experiment im Sinne eines theoretischen Durchspielens von möglichen Lebenssituationen, in die die Leserin oder der Leser geraten könnte und in welchen deren Weltbild, ihre Auffassungen vom wirklichen Leben auf die Probe gestellt werden. Die Leser identifizieren sich - u.U. leidenschaftlich - mit den Figuren des Romans und durchleben in ihrer Phantasie die erzählten Katastrophen. Damit wird der literarische Text für sie ein Experiment, das ihnen erlaubt, Fehler und Mängel der getesteten Welt, d.h. des wirklichen Lebens, auf das sich die fiktive Geschichte bezieht, zu erkennen.
      Diese Art von theoretischer Problemlösung22, zu der auch das Ertragen der nicht wenigen Gräßlichkeiten des Textes und die gedankliche Auseinandersetzung mit ihnen gehört, bietet auch Les noces barbares. Ein Ergebnis dieser gedanklichen Verarbeitung des Romans könnte sein, daß die Illusionen des Lesers, die fragwürdigen Vorstellungen und die nicht haltbaren Hypothesen über eine wirkliche Welt, in der Geschichten wie die von Ludo und Nicole vorkommen, nicht leichtfertig bestätigt, sondern möglicherweise korrigiert werden. Damit ist gleichzeitig gesagt, daß in der Erzählung über Ludo und Nicole problematische und komplizierte Sachverhalte nicht ausgespart werden. Es wird keine Problemvermeidung betrieben. Queffelecs Roman ist zumindest in diesem Sinne keine Trivialliteratur, sondern ein seriöser Text der französischen Literatur der 80er Jahre. Die Auszeichnung mit dem Prix Goncourt und der riesige kommerzielle Erfolg, den Les noces barbares danach auf dem französischen Buchmarkt erzielte, gehen deshalb wohl in Ordnung.
     

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