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Verbindlichkeit des Humanen



Alle diese Möglichkeiten, die hier zur Diskussion gestellt werden und in ihrer Dialektik scharf hervortreten, — Welt der Kranken und Welt der Gesunden, Liberalismus und Gewissensdiktatur, persönliches und kollektives Abenteuer — zeichnen sich bei Thomas Mann vorm Hintergrund der Konvention ab. Wie fragwürdig diese Konvention auch geworden sein mag, wie schillernd in ihrer Werthaltigkeit und wie wenig geschaffen, inneren und äußeren Gefahren zu trotzen: so ist sie doch als Rahmen und Blickfang eines der beständigsten Elemente im Werk des Dichters. Denn sie allein ist Trägerin jener ironischen Spannung, die er im Angesicht des schlechthin Gesetzlosen und Ordnungswidrigen zeitlebens durchzuhalten vermochte. Hans Castorp, der Sohn des Senators, und Serenus Zeitblom, der bürgerliehe Zeitgenosse, die 'Königliche Hoheit" und der Hoch= Stapler Felix Krull fühlen zwar den Strand ihres Lebens be= nagt von gesetzlosen elementaren Mächten, doch bleibt auf diesem ständig bedrohten Streifen ihr Wandel ein Strand* Spaziergang, wie ihn Thomas Mann mit seinem Hund in den Isarauen oder an der nördlichen See als kaum angefochtener Betrachter zu unternehmen liebte. Als Spaziergänger, die Pflicht und Freiheit, Ordnung und Abenteuer, Leidenschaft und Rücksicht in ein bekömmliches Verhältnis gebracht ha= ben, stellen sie letzte Vertreter einer Lebensverbindlichkeit dar, die sich nur noch zuschauend, kritisch, humorvoll ver» halten kann, da sie dem persönlichen Abenteuer keinerlei Autorität mehr zuspricht.



      Diese Haltung ist schon bei dem späten Fontane zu finden. Wenn der alte Stechlin den Bildungsgrad eines Menschen danach bemißt, ob er den Namen des Künstlers weiß, der die Bronzetüren des Baptisteriums in Florenz geschaffen hat, so mag das schrullig oder dünkelhaft anmuten. Und doch trifft beides nicht zu, da es in der Tat ziemlich gleichgültig ist, wodurch einer seine Zugehörigkeit beweist, sofern er wirklich dazugehört.
      Schon bei Fontane ist die Bildung kein ausgesprochenes Bildungsideal mehr. Sie ist Abzeichen einer Gesellschafts= käste, die über ihren Rahmen hinaus keine verpflichtenden Ansprüche geltend macht. Sie ist Ausdruck einer geistigen Ãœberlegenheit, die auch den eigenen Untergang gelassen ins Auge zu fassen vermag. Aber in dieser vergeistigten Form, in diesem resignierten Gewährenlassen, von dem das Gefühl für den eigenen Wert unbeschadet bleibt, stellt sich Bildung als 'zweite Natur" in ihrem Wesen vielleicht am reinsten dar. Indem Bildung wieder natürlich wird, indem außer der Bildungsnotwendigkeit auch ihre zufälligen und unverbindlichen Momente ironisch erfaßt werden, tritt die Bindung an die Gesellschaft zurück und die allgemeine menschliche Freiheit hervor. Im Werk von Thomas Mann ist der 'Junge Joseph" das schönste Beispiel natürlich ge= glückter Menschenbildung.
     

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Verbindlichkeit  Humanen    





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