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Utopie und Mythos



'Berge, Meere und Giganten" — ein Werk, das 'Berlin Alexanderplatz" vorausging, ist eine kosmische Utopie. Mythisch ist sein umfassender Charakter, denn was hier geschieht, ist nur mit den Ursagen der Menschheit von Sintflut und Weltenbrand zu vergleichen. Rational hin= gegen ist die Richtung, die dem dynamischen Vorgang ge= wiesen wird. Döblin schildert eine Weltveränderung größ= ten Ausmaßes, die den 'antiquierten" Menschen zur Ent= faltung ganz neuer Fähigkeiten zwingt. Kosmische Gefahr und technische Abwehr treten in einen Wettlauf ein, bei dem sich der Mensch seiner ursprünglichen Natur weit* gehend entfremdet. Es ist dies ein Lieblingsthema der Zeit, das uns auch in der populären Literatur begegnet. So fabu= lierte Kurd Laßwitz, den ich in meiner Jugend las, in sei= nem Roman 'Zwischen den Planeten" von den Bewoh= nern eines anderen Sterns, die, anstatt zu rauchen, bunte Stäbchen zum Munde führen, deren Farben ständig wech= sein.



      Die populäre Literatur zeigt oft am deutlichsten, was in der oberen vorgeht. Robert Musil träumte von dem 'Planeten Ed" oder dem 'Land unterm Südpol", wo die Menschen völlig anderen Bedingungen unterworfen sein sollten, und somit in der Lage, ganz neue physische und psychische Fähigkeiten zu entfalten. Der utopische Roman 'Stern der Ungeborenen" von Franz Werfel stellt einen letzten Aus= läufer dieser Gattung dar.

     
Auch die Verwandlungsgeschichten Franz Kafkas stehen mit dieser Tendenz in Zusammenhang. Nur gilt es, mit jenem Gesetz literarischer Trägheit zu brechen, demzufolge Kafka als Aushängeschild der gesamten Literatur der Vor= kriegszeit in Anspruch genommen wird. Anstatt immer tiefere Stollen in sein diamantschwarzes Bergwerk vorzu= treiben, sollte man auf die Querflöze achten, die von ande= ren Schriftstellern abgebaut worden sind. Daß Franz Kafka in der Nachkriegsliteratur die Führung übernommen hat, während von Döblins früheren Romanen — dem 'Wallenstein" und 'Die drei Sprünge des Wang=Lun" kaum mehr die Rede ist, hat eine Reihe von Ursachen, unter denen die Stilfrage die ent= scheidendste ist. Kafkas notierender Kanzleistil, der seine Effekte verbirgt oder metaphorisch introvertiert, kommt dem Lebensgefühl der jüngeren Generation weit mehr ent= gegen als der vehemente, geballte und strotzende Stil Döblins. Bei Kafka spielt sich das Drama unter der Decke ab, ja, es hat sich bereits abgespielt, wenn der Chronist zur Feder greift. Er setzt nur sein Sigillum darauf. Döblin übernimmt in seinem Stil die Dynamik des Vor= gangs; er wühlt Meere auf, läßt Berge und Giganten wider= einander anrennen. Seine Romane trachten immer nach dem größten Format: dem fernsten Osten, der hektischsten Weltstadt, der ungemessenen Wildnis vor dem Abenteuer» zug der Conquistadoren. Er schlägt die weitesten Bogen: von einer indischen Göttin zur Jungfrau Maria, von der korrupten Machtgier des Wallenstein zur brennenden My= stik des Kaisers Ferdinand. Zwischen Pol und Gegenpol entlädt sich berstend der Strom. Vom rauchenden Hekla geht es hinüber zur süßen Provence. 'Die Ermordung einer Butterblume" ist mit der antithetischen Spannung zwi= sehen Gewalt und Idylle einer der kennzeichnendsten Titel von Döblin.
      Wenn es auch tief zu beklagen ist, daß Döblin in der Nach= kriegsliteratur auf den ihm gebührenden Platz bis heute warten mußte, daß seine Trilogie 'Verratenes Volk", 'Heimkehr der Fronttruppen", 'Karl und Rosa", die ähnlich wie 'Die Schuldlosen" von Hermann Broch in den Kern der deutschen Tragödie nach 1918 hineinführt, nicht wirklich bekannt geworden ist, so trägt daran doch nicht allein die Leseunlust Schuld. Die Ursachen liegen tiefer.

     
Es ist jene Mischung von Utopie und totalem Mythos, die dem Lebensgefühl heute nicht mehr eingehen will. Wir sehen, wie die utopische Vision sich bei Döblin zunehmend verinnerlicht. Die Gigantomachie seiner frühen Romane wird zur intimen Fehde zwischen Dämonie und Mystik.
     

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Utopie  Mythos    





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