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Schicksalscharakter des Abenteuers



Der 'Donnerschlag von 1914" hallte in der bürgerlichen Welt als schicksäliges Echo wider. Aber das Schicksal trug die Maske des Abenteuers. Die Zitadelle leidlicher Sicher= heit, in der sich die europäische Menschheit vor dem Ersten Weltkrieg befunden hatte, stand dem Einbruch des Elemen= taren offen. Die Vorkriegswelt tauchte unter — für immer. Wer an ihrer Wertordnung festhielt, tat es von nun an auf eigene Gefahr und Verantwortung. Die Ordnung war nicht mehr durch sich selbst geschützt, sondern dem Schicksal ausgesetzt. Aber das Schicksal bediente sich täuschender Masken, hinter denen die Leere gähnte. Mynheer Peeperkorn im 'Zauberberg" ist ein Gaukler des Schicksals, der sich in die Pose des dionysischen Propheten wirft. In Musils 'Mann ohne Eigenschaften" spielt der Scharlatan Meingast eine ähnliche Rolle. Kennzeichen dieser Figuren ist, daß sie als Ausgeburten der Leere nicht so sehr Schicksalsträger sind als Schicksal bewirken. Rudolf Borchardt machte schon in seiner Studie 'Veitheim" aus dem Jahr 1908 auf die schicksälige Bedeutung des Hoch= Staplers aufmerksam. Um dieselbe Zeit erblickte Felix Krull das Licht der Welt. In den Erzählungen unter dem gemein= samen Titel 'Das hoffnungslose Geschlecht" hat Borchardt die Anfälligkeit gerade des weiblichen Geschlechts für den Typus des Abenteurers, der in der Maske des Schicksals eine aufgebrochene Ordnung heimsucht, faszinierend dar= gestellt. 'Der unwürdige Liebhaber" ist nicht nur ein hervorragendes Stück deutscher Prosa, gleich vollendet an Komposition, Charakterzeichnung und dramatischer Spannung — er ist auch von symptomatischer Bedeutung.



      Der Hochstapler, der sich hier in eine ländliche Adelsfamilie einschleicht und auf ihre gediegenen Werte gefälschte Mün= ze herausgibt, der Vertrauen mit Täuschung, Ehre mit Ge= wissenlosigkeit bezahlte, ist nicht nur ein unwürdiges Sub= jekt — er ist zugleich die Marionette des Schicksals. Darin liegt der Erzählung tiefer Sinn. Die Versuchung zur Frei= heit, die sich in einer aufgebrochenen Ordnung vor allem und zuerst der Frauen bemächtigt, verleiht der Gestalt des Abenteurers faszinierenden Reiz. Wo die Ordnung nur noch persönlich verantwortet wird, bricht wieder der alte Ge= gensatz auf, der zwischen Polis und Wildnis gesetzt ist. In der Maske des Fremden, der keiner Ordnung zugehörig ist, tritt die Versuchung zur Anarchie den Menschen an. Nur der Charakter vermag ihn zu retten. Ãœberläßt er jedoch dem Unbewußten die Antwort, so bestätigt er in dem Versucher den Zwang des Schicksals.
      Die hochstaplerische Baroneß in Borchardts Erzählung 'Der Erbe" reißt den Jüngling, der ihr vertraute, nicht nur aus seinem Liebeswahn, als sie sich aus Berechnung seinem Bruder hingibt; sie demaskiert auch die Welt, in der er bis dahin gelebt hat. Nicht nur sein Gefühl betrügt sie um die Erwiderung, so daß er an der Wirklichkeit seines Gefühls irre wird; auch seiner bisherigen Lebensordnung entzieht sie den Boden. Der Erbe schwebt im Leeren, ohne je das Leben in einem Du zu finden, enttäuscht an der Gesellschaft, deren Wertordnung sich ihm mit einem Schlage als wesen= los enthüllt hat.
      Wir sahen, wie bei Thomas Mann die Liebe zum anderen Menschen den Ring der Einsamkeit durchbricht. So findet der Narziß den Weg in die humane Gemeinschaft. Das ist die positive Deutung, die Thomas Mann nachträglich seinem Roman 'Königliche Hoheit" gibt. Aber ebensooft wird das Scheitern der Liebe dargestellt. Und es fällt auf, daß hier dem umworbenen Du unweigerlich ein fataler Zug anhaftet. Der Knabe Tadzio in 'Der Tod in Venedig" hat für Aschen* bach ebendas Fatale wie Madame Chauchat für Hans Castorp im 'Zauberberg". Das Weib des Potiphar wendet alle Zauberkünste an, um Josephs Liebe zu erzwingen, und vom fatalen Wesen der 'Hetaera esmeralda" im 'Doktor Faustus" braucht man nicht eigens zu reden. Jenseits der Ordnung, die nur noch der persönliche Charak= ter vertritt, liegt das Chaos des schlechthin Ordnungslosen. Emil Sinclair in Hesses 'Demian", der die reine Sphäre sei= nes Elternhauses verläßt, begibt sich in 'die andere Welt". Ebenso häufig senkt aber auch das Abenteuer einen zerstö= renden Keim in die angestammte Ordnung. Und zwar kommt es zur Familientragödie in dem Augenblick, wenn die Werte, auf die sich der Bestand des Hauses gründet, durch ein von außen Eindringendes gefährdet, ja unter den Richtspruch des Schicksals gestellt werden. Die Tragik zwischen Vater und Sohn, zwischen Mann und

Frau, zwischen Stifter und Erbe durchzieht die Literatur dieses Zeitraums. Hofmannsthal hat den Phokas=Stoff lange Jahre in sich bewegt, den er als das urbildliche Thema seiner Epoche empfand. Auch in den fragmentarischen Roman 'Andreas oder die Vereinigten" spielt dieses Thema herein. Mit skeptischem Moralismus behandelt es Joseph Roth in seinem frühen Roman 'Zipper und sein Vater"; resigniert und reif in 'Radetzkymarsch" und 'Die Kapuziner» gruft".
     
Den Hochstapler macht Robert Neumann zum Helden einer faszinierenden Novelle, den galanten Abenteurer stellt Lernet-Holenia in den 'Abenteuern eines jungen Herrn in Polen" dar.
      Die komplizierte Erotik der 'Novellen um Claudia" von Arnold Zweig ist dem heutigen Leser in die Ferne gerückt. Hier ist die Liebe ein künstlicher Vorgang, den jeden Augen= blick die Brutalität der Außenwelt zu zerstören droht. Das Gefühl umgibt die Liebenden wie ein Glashaus, das sie vor Gefährdungen schützt. Aber auch zwischen ihnen selber richtet es Scheidewände auf. Der Intellekt scheut im Eros das Schicksal, das sich seiner Kontrolle entzieht. Dieser hochgezüchteten Erotik steht im gleichen Zeitraum das freie Liebesabenteuer gegenüber. Seelenkultur und Sport halten sich als Extreme die Waage. Seelenkultur spie= gelt im Partner narzißhaft das eigene Gefühl. Sport ist Selbstbestätigung des Abenteuers.
     

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Schicksalscharakter  Abenteuers    





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