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Poetische Totalität als Gegenbild



Im geschichtlichen Roman dieses Zeitraums ist bereits die Krise angelegt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aus» bruch kommt. Wir sahen, daß weder bei Werner Bergen* gruen noch bei den drei letztgenannten Dichterinnen der geschichtliche Bildungskosmos des ig. Jahrhunderts mit dem religiösen Bekenntnis in Widerstreit gerät. Der Katho= lizismus Bergengruens und der Le Fort, der Protestantis= mus Ina Seidels und Ricarda Huchs bilden keinen Gegensatz zu Goethe'scher oder romantischer Weltanschauung. Im 'Schweißtuch der Veronika" wird die Größe Roms nicht minder ergriffen geschildert als in Ricarda Huchs 'Der Kampf um Rom". Bergengruens Gedichtband 'Die heile Welt" steht an vielen Stellen dem Pantheismus der 'Neuen Gedichte" von Ina Seidel nahe.



      Man neigt heute gelegentlich dazu, in dieser Haltung eine gewisse Liberalität oder Bekenntnisschwäche zu sehen. Die= ses oberflächliche Urteil ist momentan und läßt den Ein= blick in die Voraussetzungen der gegenwärtigen Geschichts= krise vermissen. Geschichtsfatalismus höheren oder ge= ringeren Grades ist in den Werken der eben genannten Dichter ohne Ausnahme festzustellen. Bei Ina Seidel im mythischen Kreislauf, bei Gertrud von Le Fort im Hin und Wider zwischen Ordnung und Chaos, bei Ricarda Huch in der Tragik der Persönlichkeit, bei Werner Bergengruen im Gegensatz zwischen Macht und Herrschaft. Der Roman 'Am Himmel wie auf Erden", der 1940 er= schien, führt schon nahe an den Ausbruch der Krise heranund läßt natürliche Ordnung und Machtkatastrophe hart aneinander stoßen. Und zwar beschleunigt die Angst vor drohendem Unheil den geschichtlichen Vorgang. Sobald die Geschichte sichtlich ihrem Ende zutreibt — mag eine ver= heerende Niederlage, ein Komet oder eine Sintflut herein» brechen — fällt sie aus der natürlichen Ordnung und ver= wandelt sich in mechanische Fatalität. Ähnlich wie der 'Großtyrann" in Bergengruens früherem Roman, der, weil er seine Macht auf den Schrecken gründet, zur Marionette des von ihm selber entfesselten Prozesses wird, so ver= wandelt sich im Zeichen der Katastrophe der erschreckte Kurfürst in einen Spielball der entfesselten Gewalten, wäh= rend sich — wie im ersten Roman der 'Färber" — hier der ungekrönte König der Wenden in seiner angestammten Herrschaft behauptet.
      Wir können aus diesem Roman die Lehre ziehen, daß die Macht, wenn sie sich von der natürlichen Weltordnung abspaltet, ins Chaos hineinführt, und daß die natürliche Ordnung, wenn sie von der Geschichte verlassen wird, in den zeitlosen Kreislauf des Mythos zurückkehrt. Beide noch einmal aneinander zu binden oder miteinander auszusöhnen war in den zwanziger Jahren das Bestreben vieler Dichter. Denken wir an Otto von Taubes Geschichte des deutschen Volkes in den zwei Bänden 'Die Kaiserzeit" und 'Reformation und Revolution" . Und zwar schien das christliche Bekenntnis allein imstande, die= sen Bund ohne Kompromiß zu schließen. Hat es doch im Laufe der Jahrhunderte nicht nur den Mythos in sich auf= genommen, sondern auch das Wesen der Geschichte be= stimmt. Wenn es bei Ina Seidel am Ende ihres Romans 'Das Wunschkind" heißt: 'Dann setzt der Sohn der Mutter die Krone aufs Haupt", so ist damit die noch ausstehende Erlösung und Verklärung der Natur durch die göttliche Liebe gemeint. Wenn bei Gertrud von Le Fort die Große Mirjam — in 'Der Papst aus dem Ghetto" — ihr Kind der Messiashoffnung weiht, so geschieht dies um der Erlösung ihres Volkes willen. Wenn Bergengruen in seinem Roman 'Am Himmel wie auf Erden" der Anmaßung der Macht den angeborenen Adel der Herrschaft gegenüberstellt, so geht es auch hier um Heimführung der Geschichte in die natürliche Ordnung. Auch das Geschichtsbild von Ricarda Huch hat seinen letzten Grund in 'Urphänomenen" — so hieß eines ihrer letzten Bücher von 1946. — Die göttliche Schöpfungsordnung ist das ewige Richtmaß, nach dem ge= schichtliche Hybris gesühnt wird.
     

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