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Krankheit und Tod im 'Zauberberg



Auch im 'Zauberberg" finden wir im Vordergrund eine ver= bindliche Ordnung, in deren heikle und nicht immer leicht durchschaubare Gesetzlichheit der Leser Zug um Zug ein= geweiht wird. Hans Castorp besucht seinen Vetter Joachim Ziemßen im Sanatorium in Davos. An dem Vorgang, der sich im weiteren abspielt, ist zumindest zweierlei bemer= kenswert: 1. daß im Bewußtsein des jungen Mannes zwei Lebensordnungen zusammenstoßen, von denen er bei fort= schreitender Erfahrung immer weniger zu sagen weiß, wel= che die provisorische und welche die gültige ist: die Ord= nung der Gesunden oder die Ordnung der Kranken, das 'Flachland" oder der 'Berghof". 2. daß diese Dialektik auf= gehoben wird von einem Dritten, das, wenn auch unter ver= schiedenen Vorzeichen, in beiden Bereichen vertreten ist, in der Form der Pietät hier, in der Form des nackten Zynismus dort: nämlich vom Tode.



      Fast die gleiche Situation finden wir — wenn auch verkürzt — in dem Roman 'Bella" von Giraudoux, gleichfalls einem Roman der zwanziger Jahre. Hier wird für einen leiden= schaftlich liebenden Vater der Zustand der Gesundheit und Reinheit fragwürdig, nachdem sich der Sohn eine schmäh* liehe Krankheit zugezogen hat. Nicht nur schämt sich der Vater seines blühenden Fleisches, sondern er trachtet nach demselben Impfstoff der Ausschweifung, der den Jüngeren zu Fall gebracht hat. Einen Tag vor Kriegsausbruch voll= zieht er als Märtyrer das lichtscheue Opfer. Es heißt bei Giraudoux: 'Er hatte das Gefühl, als überließe er sich einem neuen Leben, das nie mehr irgendwelche Kleidung von ihm verlangte, als tauchte er unter für immer. Doch in dieser Nacht tat es ihm ganz Europa nach: es überließ sich dem Krieg."
Hier ertönt auch jener Donnerschlag, der die widersinnige Tat nachträglich motiviert. Und hiermit ist jenes Dritte auf= gerufen, das den Unterschied zwischen Gesund und Krank aufhebt, das keine Reinigung bewirkt, sondern die Ord= nungen heillos vermischt: Krieg und Tod. Je näher dem Ab= grund, umso mehr verkehren sich die Ordnungen ineinan= der. Was den Leser am stärksten fasziniert, ist die immer deutlicher aufdämmernde Erkenntnis, daß er es hier mit keinem abgeschirmten Bereich — dem der Krankheit — zu tun hat, sondern mit einem gedrängten Auszug des europäischen Zustandes schlechthin; daß erhöhte Temperatur, Fieberkurve und Krisengefahr nicht allein Sondermerkmale der Krankheit, sondern Symptome auch des geistigen Lebens sind, daß der Einstieg der Menschheit in den Zauber-berg dem friedlichen Aufenthalt bei den Phäaken — oder in diesem Falle den Hanseaten — ein Ende bereitet, daß im Venusberg die Schuld gehäuft liegt, die beim Donnerschlag des Erwachens die Menschheit auf ihrem neuen Leidensweg zu tragen und abzutragen hat.
      Der Vater bei Giraudoux, der mit den Kleidern seine Ge= wohnheit und sein pfleglich behütetes Dasein abwirft, um unterzutauchen — 'für immer", und Hans Castorp, der aus der reinlichen Isolierung des Sanatoriums in den Krieg entlassen wird, erleben im Grunde dasselbe. Die Katastrophe kündigt sich für beide schon darin an, daß die Ordnungen mehr und mehr vertauschbar geworden sind, daß Gesundheit keine Tugend und Krankheit kein Laster mehr bedeuten, sondern Krankheit auf einmal das heilig Dämonische und Gesundheit das platt Nützliche und durchschnittlich Normale zu sein scheinen. Beider Verbindlichkeit im Hinblick auf eine Wertordnung ist aufs peinlichste in Frage gestellt durch das 'Respice finem!" Das soll jedoch nicht zu der Täuschung verleiten, als handle es sich bei diesem 'Finis" um etwas Metaphysisches, um ein 'Jenseits-aller Dinge". Vielmehr spricht bei Giraudoux der befleckte Sohn rückhaltlos aus, was gemeint ist, mit den Worten: 'Was soll bei einem solchen Drunter und Drüber wie dem Krieg mein kleines Pech schon besagen?" Das heißt: unter dem Finis ist das sehr irdische Chaos des Krieges zu verstehen, das alle Errungenschaften unserer Kultur, alle Leitziele un= serer Bildung mit einem Schlage in Frage stellt und zu einer vertieften Besinnung über deren Voraussetzungen zwingt. In den zwanziger Jahren ist es noch nicht die Katastrophe schlechthin, die sich mit apokalyptischen Flammen ankündigt. Es ist vielmehr die Katastrophe im Hinblick auf einen früheren Zustand — Humanität, Phäakenland, Venusberg —, dem ein Ende gemacht wird. Das mildert die Radikalität des Ereignisses insofern, als der Krieg noch als die große Reinigung erscheinen kann. 'Quod ignis non sanat, ferrum sanat" konnte in diesem Zeitraum noch mit einer gewissen Ãœberzeugung behauptet werden, und daß der Krieg der Va=ter aller Dinge sei, bekamen wir in unserer Jugend häufig zu hören. Der Krieg als eine bedauerliche Entgleisung, als ein beklagenswerter Rückfall in die Barbarei, die Kulturnationen endgültig überwunden haben sollten, wurde mithin von einem gewissen Kulturniveau aus gesichtet. Dieses Niveau, mochte es auch um einige Grade gesunken sein, bildete doch immer noch den Maßstab, um die Tief e des getanen Falls abzulesen. 'Nie wieder Krieg!" hieß zwar nicht 'Nur noch Kultur", denn man war mißtrauisch geworden und hatte erkannt, daß auch die Kultur Krankheitsstoffe und Giftkeime birgt oder daß anhaltende Gesundheit dumm macht, aber man hielt an der Vorstellung einer genesenden Kultur fest und war überzeugt, es ließen sich aus der Kriegserfahrung heilsame Konsequenzen ziehen. 'Der Zauberberg" ist für diesen Zeitraum insofern repräsentativ, als er mit unbestechlicher Klarheit und Illusions-losigkeit die Diagnose stellt. Der fortschrittliche Liberalismus eines Settembrini und der mystifizierende Cäsarismus eines Naphta bieten sich gleichermaßen als Wege an und bilden ein beunruhigend dialektisches Verhältnis. Doch wird auch schon der Weg des Abenteuers, als Möglichkeit einer rein subjektiven Weltfindung angedeutet, der mit dem kollektiven Kriegsabenteuer in untergründigem Zusammenhang steht.
     

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Krankheit  Tod  'Zauberberg    





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