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Kompensationen im politischen Roman



Im Werk von Heinrich Mann ist trotz sozialkritischer Note der Hunger nach Größe, Schönheit und echter Leidenschaft nicht zu verkennen. Ein Renaissancemensch bricht hier den Stab über die Zerrform des Bürgers. Das deutsche Kaiser reich wird demaskiert. Der aufstrebende Nationalstaat, des= sen beschleunigtes Wachstum die Werttradition verküm mein ließ, wird in der Selbstüberheblichkeit seiner Offi ziere, der feigen Kriecherei und Profitsucht seiner 'Unter tanen", der unfreien und verbogenen Moral seiner beamte ten Erzieher bloßgestellt. Heinrich Mann holt in der deut sehen Literatur nach, womit die Franzosen in der Kritik des Zweiten Kaiserreichs und der Dritten Republik voran gegangen sind. Der gallische Witz Maupassants in der 'Maison Tellier" wiederholt sich pathetischer in 'Professor Unrat". Das bürgerliche 'Schlaraffenland" hatte Zola in 'Pot*bouille" angeprangert. Da in Deutschland der sozial kritische Roman ein Novum war, hat er in den zwanziger Jahren sein Vorbild häufig in Frankreich gesucht. Die Ro= mane 'Josef sucht die Freiheit" von Hermann Kesten, 'Rechts und Links" von Joseph Roth, aber auch die Satiren von Kurt Tucholsky waren von der pointierenden Intelli genz des Pariser Nachbarn beeinflußt. Der deutsche Gesellschaftsroman hat mehr als irgendwo sonst fiktiven oder utopischen Charakter. Und zwar des halb, weil von einer deutschen Gesellschaft nicht im glei chen Sinne gesprochen werden kann wie von der franzö sischen oder englischen Gesellschaft. Heinrich Manns Ro= man 'Schlaraffenland" zum Beispiel stellt das neureiche Berliner Bürgertum an den Pranger, so daß sich das ganz anders geartete Münchner Bürgertum, das von Ludwig Thoma porträtiert wird, nicht im geringsten betroffen zu fühlen braucht. 'Der Untertan" ist das Urbild des preußi sehen Spießers, so wie Josef Filser das Urbild des bayeri sehen Politikers. Die Gesellschaftskritik des schwäbischen Dichters Emil Strauß in seinem Roman 'Das Riesenspiel zeug" wirkt in einen ganz anderen Raum hinein als etwa 'Die Powenzbande" des Franken Ernst Penzoldt. Der zyni sehe Witz des Berliner Autors Martin Kessel auf den Was serkopf der Reichshauptstadt wird von einem Süddeutschen zwar mit Schmunzeln quittiert werden; doch in seinen eige nen Fibern getroffen fühlt er sich eher von dem 'Theodor Chindler" von Bernard von Brentano.



      Dieser Autor, den die Literaturgeschichte bisher nicht ge« bührend zur Kenntnis genommen hat, steht als Vertreter des politischen Romans vereinzelt da. Wie 'Die Budden= brooks" von Thomas Mann beginnt sein 'Theodor Chind= ler" als Familienroman, greift aber dann über das Standes» milieu hinaus und zeigt die dramatische Auseinanderset» zung zwischen konservativer und revolutionärer Tendenz. Chindler ist Zentrumsabgeordneter; seine Kinder nehmen als Radikale gegen ihn Partei. Die Vater=Sohn=Tragik wird hier in den politischen Bereich hinübergespielt und zieht sich im Brennpunkt der Staatsgründung von 1919 zu= sammen.
      Brentano ist konservativer Revolutionär. Wie Rudolf Bor= chardt glaubt er an die Werte der Tradition ebenso wie an die Notwendigkeit ihrer schöpferischen Umformung. Der fortschrittlich gesinnte Tory ist in Deutschland eine selten bezeugte Erscheinung. Vielleicht hat Brentano deshalb nicht in dem Maße gewirkt, wie es die hohe Qualität seiner Ro= mane erwarten ließe.
     

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Kompensationen  politischen  Roman    





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