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Gerechtigkeit und Macht



Nicht zufällig nimmt aber auch das Rechtsproblem in der Romanliteratur der zwanziger Jahre einen so breiten Raum ein. So hat Musil am 'Fall Moosbrugger" das Problem der Zurechnungsfähigkeit erörtert und die Inkompetenz der Rechtsprechung festgestellt, ohne daß sich der Ort echter Kompetenz angeben ließe. Während für Moosbrugger die Welt ein Ganzes ist, vermöge seines Wahns zurückverwan» delt in magische Einheit, können die Juristen seinen Fall nur zerlegen und aus Bruchstücken konstruieren. Auf die Totalität der Wahnwelt Moosbruggers, in der alles mit allem zusammenhängt, sind rationale Unterscheidungen je= doch nicht anwendbar. Denn die Frage nach Handlung und Motiv, nach Zurechnungsfähigkeit oder Unzurechnungs= fähigkeit im Augenblick der Tat läuft auf eine Konstruktion des Charakters aus seinen Äußerungen hinaus. Das Ganze kann jedoch nicht mit Teilen ausgemessen werden. Diese Alternative wird in der Nachkriegsliteratur in Ro= manen von Heinz Risse und Hans Erich Nossack neu ge= stellt.



      Die tragische Dialektik von Zwang und Freiheit behandelt Franz Werfel in der Novelle mit dem aufsehenerregenden Titel: 'Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig". Jakob Wassermann deckt im 'Fall Maurizius" die Verschwörung von Rechtsprechung und Macht auf. Das Mißtrauen des Kollektivs wider den Außenseiter, der zu Tode gehetzt wird, spiegelt sich in 'Faber oder die verlorenen Jahre". Ein Außenseiter steht auch in Ricarda Huchs 'Fall Deruga" vor Gericht.
      Wirft man auf die Literatur der zwanziger Jahre einen vor= urteilslosen Blick, so bemerkt man, daß auch bei Schrift= stellern, die später vom Dritten Reich als Eidhelfer rekla= miert wurden, die Frage ähnlich gestellt ist. Daß die moder= ne Massengesellschaft die persönliche Existenz unmöglich macht, zeigt Erwin Guido Kolbenheyer in seinem Roman 'Das Lächeln der Penaten". Das verzweifelte Motto 'Jagt ihn — ein Mensch!", das er später einem Bühnenstück als Titel gab, war anklägerisch wider jene Macht gerichtet, um deren Beihilfe sich die Hakenkreuzfahrer, denen der Dichter Heilkräfte zutraute, in erster Linie bemühten. Das eigentliche Problem wurde denn auch von Kolbenheyer fallen gelassen.

     
Der Mythos von Reich und Rom, von 'Gregor und Hein» rieh" schob sich als Kulisse vor die aktuelle Situation. So kam die Partei zu ihrem 'geschichtlichen Auftrag", der nun auch das Motto 'Jagt ihn — ein Mensch!" decken half. An die Stelle verlorener Totalität trat die totale Macht. Die= sen Vorgang hat Werner Bergengruen in seinem Roman 'Der Großtyrann und das Gericht" musterhaft geschildert. Zugrunde liegt die alte Wahrheit, daß die Macht des Rechtes verlustig geht, wenn sie nicht das eigene Selbst erobert. Bei Bergengruen ist es nicht so sehr die äußere Macht, die in Frage steht, als die Macht über die Gewissen. Wird die Macht unsicher an ihrem eigenen Rechtsgrund, so tritt die Unsicherheit in der Form der Versuchung nach außen. In= dem sie andere auf die Probe stellt und die Treue ihrer Un= tertanen als Ersatz für eigene Unsicherheit in Anspruch nimmt, verkehrt sie freie Herrschaft in Zwang. Denn jetzt hängt ihre Sicherheit von den anderen ab, während in ihrem eigenen Kern nur noch Unsicherheit herrscht. Sie muß den Kreis immer weiter spannen, muß Sicherheiten kaufen, um den Verlust an innerer Sicherheit wettzumachen. Die ver= sucherische Tat wird zur Untat, die sich wider ihren Ur= heber kehrt. Der Bedrohung ist nur mit verschärftem Zwang zu begegnen. So wird die Macht in ihrer Freiheit noch mehr eingeschränkt. Nach je mehr Sicherheit sie trach= tet, umso enger schnürt sich der Ring um sie selber zusam= men. Da sie versäumt hat, sich vor dem eigenen Inneren zu verantworten, wird sie von außen zur Verantwortung gezwungen.
      In Bergengruens Roman hat die Wahrung der Gerechtigkeit aristokratischen Charakter. Der Richter ist 'primus inter pares". Jederlei Macht nötigt zur Verantwortung gegenüber seinesgleichen. Das besagt jedoch nicht, daß Herrschaft auf das Prinzip der Berufung und Auserwählung und der hier= aus folgenden Stufung verzichten könnte. Für Bergengruen steht nicht die Legalität als solche im Vordergrund, sondern die Bewährung der Macht an der Legalität. Die Herrschafts= Ordnung ist wie die Schöpfungsordnung das Gegebene. Doch kommt sie um ihren Sinn, wenn sie nicht ihr Recht immer von neuem setzt und es in Verantwortung vor dem Nächsten umwandelt. Der Titel des Gedichtbandes von Ber= gengruen 'Die heile Welt" kündet von der Geborgenheit des Menschen in einer Ordnung, die sich nur dann in Unordnung verkehrt, wenn der Mensch gegen ihren Sinn blind wird, wenn er sich über die angestammte Ordnung hinweg» setzt oder einer Gegenordnung huldigt, die nicht von des Schöpfers Gnaden, sondern vom Menschen gestiftet ist. Der Glaube an einen unwandelbaren Ordo findet seinen Niederschlag in der Gerechtigkeitsauffassung. Der Mensch, der sich auf schiedliche Weise der Schöpfungsordnung an= nimmt, ist nicht so sehr Richter als 'harmonisator mundi". Er rückt zurecht und bringt ins Gleichgewicht, was sich durch Selbstüberhebung verschoben hat. So ist auch die auf» fallende Tatsache zu erklären, daß in Bergengruens Dich= tung der katholische Ordo mit dem Goethe'schen Pantheis» mus nirgends in Widerspruch gerät.
     

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