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Fiktion und deren Aufhebung bei Cervantes



Deshalb ist es müßig darüber zu streiten, ob Cervantes im 'Don Quijote" die Ritterromane seiner Zeit habe persi= frieren wollen, da er doch selbst in einem späteren Roman — nämlich in 'Persiles y Segismonda" — deren hochge= stelztem Ideal gehuldigt habe. Deshalb ist es müßig, Be= trachtungen darüber anzustellen, ob Marcel Proust in sei= nem großen Roman den Snobismus der höheren Gesell* Schaft habe persiflieren wollen oder ob er ihm — selber ein Snob — erlegen sei. Und ebenso müßig ist es zu fragen, ob Tolstoi in 'Krieg und Frieden" die deterministische Ge= Schichtsauffassung ernst genommen habe oder ob er darauf ausgegangen sei, sie von einem archimedischen Punkt aus aufs stärkste zu erschüttern.



      In allen diesen Fällen wird eine Ordnung als gegeben an= gesetzt, zugleich aber der Fragwürdigkeit ausgesetzt. Am augenfälligsten vielleicht im 'Don Quijote", wo der uner= schütterliche Glaube des Helden an die ideale Pflichtordnung, der er sich verschreibt und an die er glaubt, zugleich ihre erhabene Fragwürdigkeit enthüllt. Sie lebt von dem Glau= ben des Ritters aus der Mancha und enthüllt sich als Narr=heit im Augenblick, da der Held seinen Wahn durchschaut. Das heißt jedoch mitnichten, daß die Wirklichkeit eines Sancho Panza, eines Dorfbarbiers oder Herbergswirts als die eigentliche Wirklichkeit zu gelten hätten. Ist doch ihre Wirklichkeit blind und undurchdringlich, von keinerlei Geist bewegt und stumpf wie das animalische Dasein, während der Wahn die Realität überwinden hilft und im letzten einer Enttäuschung oder Erlösung von der Welt zuführt. Im 'Don Quijote" definiert der Roman sich selber. Er ver= ständigt sich mit dem Leser hinsichtlich der Wirklichkeit, verwandelt sie aber Zug um Zug in Phantasie. So besteht der Roman in einer ständigen Aufhebung seiner selbst, die unsere Romantiker als Ausdruck selbstvernichtender Ironie aufs tiefste befriedigen mußte, zugleich aber — und das ist die andere Seite — in einem lückenlosen Gewebe, da stän= dig Reales in Ideales übersetzt wird. Hieraus geht aber auch hervor, was den einzigen Gradmes= ser für die Stärke eines Romans bildet. Es ist die Frage, wieviel an Welt der Autor zu bewältigen vermag, wie lang und wie mächtig der Hebel ist, der die Ordnung der Wirk= lichkeit zu poetischer Aufhebung zwingt. Ein Vergleich zwischen Balzac und Zola zeigt, daß zwar die Masse an Stoff, die beide zu bewältigen hatten, ungefähr gleich groß war; daß aber die demiurgische Wucht des Schöpfers der 'Comedie humaine" überzeugender wirkt als das Hebel= System der 'Rougon Macquart".
     

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