Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Die deutsche literatur

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Wer sich in die Literatur dieses Zeitraums ernstlich ver= senkt, macht die Erfahrung, daß ihn die hergebrachten Be= griffe alsbald im Stiche lassen. Romantik, Expressionismus, Sachlichkeit usw. sind gleich untauglich, die Phänomene wirklich aufzuschließen. Es scheinen sich nur zwei Wege anzubieten: entweder monographisch zu verfahren und Dichter wie Thomas Mann, Hermann Hesse, Robert Musil, Hermann Broch usw. als solitäre Erscheinungen zu be= handeln, oder aber Strukturanalyse zu betreiben und alle persönlichen Fragen wegzulassen.




     
Für die Kritik birgt dies eine große Gefahr. Die monogra* phische Darstellung, die nicht selten zur Legende wird, verriegelt der lebendigen Auseinandersetzung Tür und Tor. Die Strukturanalyse entfremdet das Werk dem kontinuier= liehen Strom der Entwicklung. Die 'Legende der Großen", deren Größe nicht bestritten werden soll, macht aus der Gegenwart den Feierabend einer denkwürdigen Epoche der Literatur, die ihren Schatten unabsehbar weit vorauswirft. Der Anspruch auf Endgültigkeit steht ihrer fruchtbaren Wirkung im Wege. Die Strukturanalyse geht meist an der Lebensfrage vorbei, die gerade in der Literatur der zwan» ziger Jahre so nachdrücklich gestellt wird. Aber es sind gerade die Lebensfragen und die Antworten, die auf sie erteilt worden sind, denen die junge Generation Aufmerk* samkeit schenkt, an die ihre Kritik und ihr Gespräch an» knüpfen.
      Wir haben versucht, einen mittleren Weg einzuschlagen. Gewiß hat das Werk eines Dichters individuelles Gepräge, und zwar um so mehr, je weniger es an einer gemeinver* bindlichen Ordnung Anhalt findet. Darum müssen ja auch reine Stilbegriffe, die eine hypothetische Verbindlichkeit konstruieren, notwendig an der Oberfläche bleiben. Aber es hat sich gezeigt, daß in den Werken der Großen — trotz ihrer ausgeprägten Verschiedenheit — ähnliche Fi= guren auftreten, so daß man versucht sein könnte, eine poetische Soziologie ihrer Typen in Angriff zu nehmen. Der Hochstapler, der Abenteurer, der Kranke oder geistig Anor= male kehren mit großer Häufigkeit wieder. Die Versu= chung, das Schicksal in der Maske von Außenseitern und Abenteurern, die keiner Ordnung mehr angehörig sind, herauszufordern und die Technik in den Spiegel der Dä= monie blicken zu lassen, tritt uns bei Thomas Mann, Her= mann Broch, Robert Musil, Hermann Hesse, Alfred Döblin und anderen entgegen. Selbstkritik und 'Eigenschaftslosig= keit" sind hervorstechende Momente.
      Alle Phänomene, auf die wir im vorigen eingegangen sind, müssen als Antworten auf ebensoviele Lebensfragen auf= gefaßt werden. Sie als rein poetische Fiktionen zu behan= dein, ohne nach der Notwendigkeit zu fragen, die sie gerade für diese Generation aktuell werden ließ, hieße die Dich= tung von ihren Quellen abschneiden. Gerade in der Dichtung setzt um 1900 eine Gegenbewegung ein, die den fortschreitenden Wertverlust auszuglei« chen trachtet. Sie begegnet der zunehmenden Vergleichgül« tigung des Daseins mit neuen Ideen. Sie trachtet den ver» kümmernden Lebenswert an einem Vorbild der Größe auf» zurichten. Sie entwirft noch einmal ein Welt= und Ge= schichtsbild, das die Spezialisierung auf Eigenzwecke aus= zutilgen droht. Sie verherrlicht die Jugend als Bürgen der Lebenserneuerung. Sie lenkt den Blick auf Urbilder und Ursymbole, deren Sprache einheitlich bindet, während dis= kursives Denken das Auseinandergefallene immer mehr aufsplittert. Sie verwandelt traditionellen Geist in persön= liehe Lebensverbindlichkeit. Sie huldigt dem Einzelgänger, der seine Haltung lebt, aber auch den Radikalen, die das Wagnis der Weltveränderung auf sich nehmen. Wenn sie Gegenbilder aus dem Schoß der Vergangenheit beschwört, so entwirft sie zugleich Leitbilder für die Zu= kunft. Wenn sie abendländische Tradition feiert, so ge= schieht es zugleich in revolutionärer Absicht. Diese einmalige Konstellation, bewirkt durch die Vorah= nung oder den erfolgten Schock des Ersten Weltkriegs, konnte sich nur bilden, solange die Tradition noch in vollem Umfange gegenwärtig war, aber schon im Begriff, den Ort zu wechseln und aus einer Wirklichkeit, die ihr jede Stütze versagte, in die Verantwortlichkeit einzelner überzugehen. Es ist diese einmalige Konstellation, die den Zeitraum der zwanziger Jahre von der jetzigen Nachkriegsepoche unter= scheidet.
     

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