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Dämonie und Mystik



Dieser Umschwung ist nicht nur bei ihm festzustellen. Ver» gleichen wir Hesses 'Demian" und 'Steppenwolf" mit dem 'Glasperlenspiel", Brochs 'Schlafwandler" mit dem 'Tod des Vergil" oder den Ersten Teil von Robert Musils 'Der Mann ohne Eigenschaften" mit dem Vierten unvollendeten Teil, so fällt uns derselbe Richtungswechsel auf. Zunächst glaubt das Ich, das mit ungeahnten Möglichkeiten seiner selbst bekannt geworden ist, an seine weltverändern« de Macht. Der anarchische Zustand der Wirklichkeit be= stärkt es in dem Glauben an seine Mission. Als verbindlich gilt ihm, was es in sich selbst findet, was keiner äußeren Notwendigkeit unterliegt, was vielfach, welthaltig, nirgends auf die Dauer befestigt einer sinnlos gewordenen Ordnung Widerpart hält. Die Pathologie des Ich verbürgt den Glau* ben an eine realisierbare Utopie.



      Diese erste Phase des Expressionismus ist eine Explosion des unentdeckten Ich. Dem chaotischen Streben, das sich gewaltsam Bahn bricht, entspricht der chaotische Zustand der Welt. Franz Biberkopf ringt mit seinem Dämon, aber dämonisch ist auch die Großstadt. Harry Haller in Hesses Roman 'Der Steppenwolf" ringt mit seinem dämonischen Doppelgänger, aber dämonisch ist auch das Labyrinth, in das er um seiner Erlösung willen eingeht. Marius Ratti in Brochs Roman 'Der Versucher" erneuert den Ritualmord, aber derselbe Abgrund, aus dem er ihn beschwört, ist für die Kunst verbindlich geworden.
      Diesem Wechselverhältnis zwischen Icherweiterung und Dämonie begegnen wir in der Literatur der zwanziger Jahre auf Schritt und Tritt. Bei Kafka nimmt es die Form an, daß wir jener ursprünglichen Verbindlichkeit, der wir nach* tasten, weil nur sie uns bei unserem wahren Namen ruft, nicht anders denn in verwehrender Form innewerden. 'Der Prozeß" ist ein negatives Martyrium. Wir sind Zeuge für etwas, das an uns geschieht, aber in der Form undurchsich» tiger Gewalt. Wir stehen vor einer Tür, die uns allein zu= bestimmt ist, aber wir können nicht in sie eingehen. Der Türhüter verschließt sie vor uns. Wir tragen die Inschrift am Leibe, eingestochen mit der Tätowiernadel, aber wir können nicht für sie zeugen.

     
In dergleichen doppelsinnigen Figuren hat Kafka den dop= pelten Vorgang versinnbildlicht, der sich bei anderen Dich= tern der Zeit in der Form eines Umschlags abspielt. So wird bei Döblin die kosmische Utopie zu mystischer Re= flexion. So wird bei Hesse der Moralismus des Outsiders zu kastalischer Disziplin. So wird bei Hermann Broch der 'Zerfall der Werte" zur Restitution eines inneren Wert= kosmos. So schlägt Musils Essayismus in die Mystik des 'anderen Zustandes" um. So vertauscht Thomas Mann die dialektische Bühne des 'Zauberberg" mit dem 'tiefen Brun= nen der Vergangenheit" .

     

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Dämonie  Mystik    





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