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Die Elite: ein Versuch utopischer Realisierung



Der eben berührte Sachverhalt schärft unseren Blick für ein eigenartiges Phänomen, das in der Literatur der zwan= ziger und dreißiger Jahre häufig zu beobachten ist. Es ist der Elite-Gedanke in seinen verschiedenerlei Ausformungen. Dazu muß vorausgeschickt werden, daß es sich jeweils um eine Elite handelt, die nicht durch die gesellschaftlichen Um-stände de facto verbürgt ist, sondern die als Reminiszenz oder Utopie geschaffen werden soll. Ortega y Gasset hat in seinem 'Aufstand der Massen" die zusätzliche Funktion der Elite gefordert, um das Absinken der Demokratie in die Massengesellschaft aufzuhalten. Die Elite als wertbe-wahrende Instanz soll zu dem täglichen Verschleiß und der Berufsspezialisierung ein Gegengewicht bilden. Somit ist es bei Ortega auf die Rettung einer immer mehr in Verfall geratenden Totalität — hier des Bildungskosmos — abge= sehen. Es fragt sich nur, wo die Elitebildung am tun* lichsten wieder ansetzt. Sind die Universitäten der geeignete Ort, sind es jene 'Morgenlandfahrer", die noch um die Einheit des geistigen Kosmos wissen? Oder ist es das preu« ßische Offizierskorps, die Frontkämpferorganisation, der Georgekreis?



Der Wunsch nach Elitebildung wird nicht selten zum Vater totalitärer Bildungen. Die Unterscheidung zwischen guter und schlechter Totalität wird nur von Einsichtigen getrof-fen. Wenn nämlich eine Elite die Verfügungsgewalt an sich reißt und ihren Führungsanspruch durch Intoleranz unter Beweis stellt, so kommt es notwendig zu jener falschen Totalität, die nicht so sehr Werte bewahrt als Werte pro= pagandistisch lanciert. Gründen sich die so lancierten Werte nicht auf Vernunft, sondern auf Glaubenswahn, so muß die Elite ihren Jüngern Fanatismus zur Pflicht machen. Die zwieschlächtige Mischung von rationalistischer Herrschaftstechnik und archaischem Glaubensinhalt ist für gewisse Elitebildungen der zwanziger Jahre typisch. Die kollektive Verbindlichkeit wird der individuellen vorangestellt. Wäh= rend sich die echte, die gewachsene Elite auf eine sachge= mäße Verteilung von Rechten und Pflichten gründet, bleibt die Aufgabe der falschen Elite utopisch und verschwom-men und kann je nach Zeitumständen abgeändert werden. Es versteht sich ferner, daß solche falschen Eliten Bestand» teile überlebter Gesellschaftsformen an sich reißen, daß Begriffe wie Blutadel, Rasse, Heiligkeit der Majestät, Ge= folgschaftstreue usw. gerade hier einen günstigen Boden finden. Jede Utopie zieht funktionslos gewordene Elemente der gesellschaftlichen Entwicklung magnetisch an. Die Legi»timität einer solchen Elite wird aus den heterogensten Bestandteilen zusammengestückt, die ihren eigentlichen Kern häufig bis zur Unkenntlichkeit verkleiden. Ernst Jünger hat wie kein anderer die Zweischneidigkeit dieser Lage durchschaut. Der verführende Reiz seiner Schriften besteht darin, daß der unbestechlich festgestellte Befund im selben Augenblick mystifiziert wird. Die Dia= gnose, die er in seiner Schrift 'Der Arbeiter" stellt, ist zu-gleich als der Mythos vom Arbeiter verwendbar. In den 'Marmorklippen" schaut er nach Alta Plana hinüber, wo ein Volk in selbsterkämpfter Freiheit lebt, doch bindet ihn gleich stark der archaische Zauber des 'Oberförsters". Die Wissenschaften des 19. Jahrhunderts sind ihm ebenso viele Gefächer, auf denen er treibt, was er will. Disziplin und desinvolture, Fatalismus und an Nietzsche geschulte Freigeisterei, Abstraktion und Abenteuer, Mechanisierung und Improvisation fordern in seinem Werk ständig ein= ander heraus.
      Doch spielt sich die Dialektik innerhalb eines Rahmens ab, der sie — wenn auch nur fiktiv — in einheitliche Form bringt. Dieser Rahmen ist die Elite. Sie wird von Jünger in der Weise apostrophiert, als sei sie zugleich der Herr= schaft und des Wissens mächtig. Dieser Geheimorden, der überall entscheidende Positionen besetzt hält, trägt sowohl technisches als auch mystisches Gepräge. Er hat die Hand am Hebel der Staatsmaschine und ist zugleich geistiges Corps, d. h. jene Auslese, auf die es in der Geschichte der Menschheit letzthin ankommt. Indem Jünger die intime Dialektik seiner Persönlichkeit nach außen verlegt und in Nigromontan und dem Oberförster, in der klösterlichen und der mauretanischen Disziplin Pole des eigenen Wesens symbolisch realisiert, baut er die eigene innere Welt zu einem utopischen Zeitbild aus. Die Vereinbarkeit der Ge= gensätze wird durch die Elite von Wissens- und Macht-trägem ästhetisch festgestellt.
     

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