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Der Roman: ein Zwitter



Karl Voßler ist in einem Kapitel seines nachgelassenen Werks 'Dichtungsformen der Romanen" so weit gegangen, dem Roman den Rang einer literarischen Kunstform über» haupt abzusprechen. Seiner Definition nach ist der Roman ein Zwitter. Ursprünglich für das reine Unterhaltungsbe» dürfnis in Prosa abgefaßt, Mode und Konvention unter» worfen, reines Konsumgut der Gesellschaft, hat er es da allein zum Rang eines Kunstwerks gebracht, wo er seine unrühmlichen Voraussetzungen überwand. Somit wären alle großen und wahrhaft dichterischen Romane, die wir kennen, glückliche Ausnahmen von der Regel. Diese ein wenig paradoxe Definition, an der Croces Ästhe»tik mitschuldig ist, will uns nicht ohne weiteres einleuchten. Erstens wäre es sehr schwer festzustellen, welche Romane denn als Ausnahme von der Regel zu gelten hätten, weil die Unterscheidung zwischen Poesie und Nichtpoesie, auf die sie zurückgehen müßte, erst recht auf geteilte Meinun» gen stößt oder überhaupt zum Widerspruch herausfordert. Auch bliebe zu fragen, ob denn die größten Romane der Weltliteratur tatsächlich jene gemeinschaftliche Verbindlich» keit, die sie dem Publikum genehm macht, überwunden haben, ob der Schriftsteller ihr nur darum gehuldigt hat, um den Leser - wie Voßler meint - in seine Welt gleich» sam hineinzubetrügen und ihm auf Anweisung des bloßen Scheins die gediegene Münze poetischen Werts zu ent= richten.



      Indessen - soviel ist an Voßlers Definition richtig: daß im Roman das Verhältnis zwischen gemeiner und individueller Verbindlichkeit problematisch ist. Huldigt aber der Dichter, der dem Zeitgeschmack, der Mode, der Konvention Rech» nung trägt, wirklich nur einem äußerlichen Prinzip? Sind ihm diese Faktoren tatsächlich gleichbedeutend mit Kostüm und Inszenierung eines Stücks, das auch ohne diesen Rah» men gespielt werden könnte? Hier liegt das eigentliche Problem.
      Es hat sich nämlich gezeigt, daß alle Versuchenden Roman von seinen unwürdigen Voraussetzungen zu befreien, im großen und ganzen gescheitert sind. Ein Roman, der nicht mehr unterhält, der den Leser nicht mehr in Spannung versetzt, der sich nicht im Gemeinverbindlichen mit ihm trifft, mag vom ästhetischen Standpunkt aus reinste Poesie sein - als Roman empfinden wir ihn nicht mehr. Die 'Seraphita von Balzac ist zweifellos poetischer als sein Roman 'Le pere Goriot". Und doch halten wir ihn für das Meisterwerk. Oder - wie atmen wir auf, wenn im 'Tod des Vergil von Hermann Broch der Fieberschleier zerreißt, wenn die Wortkaskaden versickern und der Arzt und Augustus ins Zimmer treten. Wie begrüßen wir den Realismus der Dar» Stellung, wenn auf nächtlicher Straße das Säufertrio auf» grellt. Nicht als ob wir d2m Realismus das Wort reden wollten! Der Realismus des 10. Jahrhunderts ist in der freien Wahl seiner Verbindlichkeiten nicht minder eklek» tisch als die Romantik. Sondern wenn wir von der äußeren Verbindlichkeit des Romans sprechen, so meinen wir damit eine Ordnung, in der sich t Autor und Leser gemeinsam finden können.
      Diese Ordnung wird als gegeben vorausgesetzt. Doch er= reicht der Roman den Gipfel der Vollendung, wenn es dem Autor gelingt, sie in den Augen des Lesers sowohl glaub* würdig zu fingieren als auch durch Phantasie aufzuheben. 'Königliche Hoheit" von Thomas Mann nennt sich im Un= tertitel 'Hofroman". Und als ein solcher gilt er bei naiven Lesern noch heute. Doch hat Thomas Mann keinen Zwei= fei darüber gelassen, daß dieser 'Hofroman" im Grunde ein allegorisches Märchen sei. Alle wahrhaft bedeutenden Ro= mane reflektieren zwar auf eine Gemeinschaftsordnung, enthalten aber zugleich das Moment ihrer Aufhebung. Das heißt: je dichter und zugleich transparenter der Roman= autor das Gewebe seiner 'fiction" zu weben versteht, umso mehr wird er dem eigentümlichen Gesetz dieser Gattung gerecht. Denn nur so wird die Wirklichkeit im Verhältnis ihrer Dichte poetisch aufgehoben.
     

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