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Das Abenteuer des Narziß. Hermann Hesse



Narziß und tragisches Abenteuer. Halten wir die beiden Pole des Themas fest im Blick, so erschließen sich uns auch im Werk Hermann Hesses die eigentlichen Probleme. In 'Narziß und Goldmund" kommt der Leser nicht an dem Gedanken vorbei, daß Goldmund nur darum seiner Lebens= und Liebeslust so unbekümmert fröhnen kann, weil Narziß den Gegenpol bildet. So steht es auch um 'Siddharta" und 'Klingsor" — zwei Wahlhelden Hesses aus der gleichen Epoche.



      Immer sucht bei Hesse das Ich seinen Gegenpol in einem Du, weil anders die ursprüngliche Einheit der Welt nicht wiederzufinden ist. Aber immer wieder trennen sich die Pole. Die Ehetragödie des Romans 'Roßhalde" endet mit völliger Loslösung. Vater= und Mutterwelt in 'Narziß und Goldmund" bleiben auf immer geschieden. Osten und We= sten berühren sich im Flug, dann fliehen sie weit auseinan= der. Eigensinn und Entwerdung, Ichvergötterung und Nir= wana, Genie und Yogi finden nicht zusammen. 'Der Steppenwolf" von Hesse ist hinsichtlich der Lage mit dem 'Zauberberg" zu vergleichen. Hier wie dort wird ein erhöhter Zustand, hart an der Grenze der Unwirklichkeit, geschildert. Dieser erhöhte Zustand bewirkt, daß die per« sönlichen Bewandtnisse — einschließlich der organischen und psychischen Vorgänge — wichtiger genommen werden, als es sich mit dem Normaldasein verträgt. Hans Castorp, der Ingenieur, und Hans Castorp, der Patient, unterscheiden sich wie Photographie und Röntgenaufnahme. Der Kranke, der seinen psychophysischen Zustand übertreibt, gerät der Wirklichkeit gegenüber in Schulden, da mit keinem der festgestellten Symptome praktisch etwas anzufangen ist. Die Krankheit fällt unter die Kategorie des Luxus. Deshalb warnt Settembrini den jungen Castorp vor dem — nur allzu begreiflichen — Stolz auf seinen Zustand. Da Krankheit sich auf keinerlei moralisches Verdienst be» rufen kann, ist sie nach Ansicht des selbstbewußten Italie» ners ein beschämender halb anonymer Zustand, den das Ich zu überwinden trachten muß. Es ist jene sachlich übersach= liehe Verfassung des Prinzen in 'Königliche Hoheit", die Thomas Mann 'artistisch" nennt. Jedoch mit der Ãœberwin» düng steht es nicht so einfach. Denn der erhöhte Zustand des Kranken hat zur Folge, daß sich die Grenzen der Wirklichkeit verwischen. In dem Maße, wie Körper und Seele des Kranken zum Medium werden, das zur Selbstbeobach= tung anleitet, im selben Maße nimmt die Wirklichkeit für ihn medialen Charakter an, zumal in einem Sanatorium, wo das Zeitgefühl der Quecksilbersäule im Thermometer gleicht und als willfähriges Medium bald schrumpft bald wächst. Dieser erhöhte Zustand bildet auch das Klima von Hesses 'Steppenwolf". Während jedoch bei Thomas Mann die Ver= zauberten einander Gesellschaft leisten und bei aller Hektik und Unwirklichkeit ein gewisses soziales Klima herrscht, muß Hesses Steppenwolfmensch seine Krise als Außen» seiter und Einzelgänger bewältigen. Auch er ist von den Funktionen der tätigen Welt abgeschnitten, auch er widmet inneren Vorgängen übertriebene Aufmerksamkeit. Wäh= rend jedoch bei Hans Castorp Introspektion und Umwelt» beobachtung abwechseln, während die schattenhafte Co= medie humaine, die sich rund um ihn abspielt, trotz allem seiner Bildung zugute kommt, gibt es für Harry Haller keinen Boden der Verständigung mehr. Sein junger Haus= genösse schildert ihn, wie er auf der Treppenstufe sitzt und einen wehmütigen Blick auf die Topfpflanzen seiner Ver=mieterin wirft, die ihm Sauberkeit und Korrektheit der bür« gerlichen Sphäre versinnbildlichen, in die doch kein Weg zurückführt. Und aus seinem eigenen Munde erfahren wir, daß er sich von der Welt der Geister und Genies ganz eben* so ausgeschlossen fühlt, daß Mozart und Goethe das Hohn= lachen der Unsterblichen über ihn anstimmen. Dieser Schwebezustand zwischen einem verlorenen Hier und nicht mehr zu erlangenden Dort ist für den Steppenwolf= menschen kennzeichnend. Er ist es auch für Hans Castorp, der sich in das Ur=ur=ur der Tradition hineinträumt, aber seit seiner Entrückung nach Davos unwiderruflich davon geschieden ist; der auf einer Skiwanderung zwar eine Vision hat, über deren luxuriösen Charakter er sich jedoch nicht täuschen kann.
      Zu diesem Schwebezustand muß es kommen, wenn dem Ich sein konkreter Stellenwert verloren geht. Dieser Stellenwert kann durch die Tradition bestimmt sein, wenn sich der Mensch als Glied in der Kette, als Enkel von Vätern und Vorvätern weiß. Er kann bestimmt sein durch eine Gemein= schaft, der sich der Mensch auf Grund persönlicher Talente, Qualitäten oder Wunschziele zugehörig fühlt. Ist aber die Kette der Tradition endgültig abgerissen, existiert der Areo= pag der Geister nur noch in musealer Form, ohne daß der Zeitgenosse hoffen dürfte, sich ihm ebenbürtig anzuschlie= ßen, so entfallen alle moralischen Werte, die durch Kon= tinuität verbürgt sind, so verwandelt sich die Treue zu einem abgelebten Gesellschaftszustand in sentimentale Schwäche, wandelt sich die Treue zu den Werten der Kultur in die Anbetung von Idolen.
      Wo vordem ein fester Weg verlief, der mit seinem stetigen Fortgang die Schritte des Einzelnen ins Recht setzte, eröffnet sich jetzt ein Kreis von Möglichkeiten, die sich medial im Bewußtsein abspiegeln, ohne daß eine Nötigung zu eindeu= tiger Wahl bestände. Von 'Träumen" hat Thomas Mann mit Bezug auf den 'Zauberberg" gesprochen. Das Ich kann nicht mehr als eindeutige Größe aufgefaßt werden, seit ihm das Gefüge der Gesellschaft und der Kul= tur den Stellenwert versagen. Es steht nicht mehr eindeutig für einen Stand, einen Beruf oder eine Kunst, sondern es befaßt in sich die Möglichkeit aller Stände, Berufe und Künste.
     

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