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Hofmannsthal



In Hermann Brochs Essay 'Hofmannsthal und seine Zeit" wird das Verhalten des Dichters aus soziologischen Voraus» Setzungen deduziert. So bestechend die Analyse durchge= führt ist: indem Broch die gesellschaftlichen Realitäten als bestimmend an den Anfang stellt, deutet er künstlerisches Verhalten als Ergebnis einer Zwangslage, die keine andere Möglichkeit offenläßt. 'Um der Rückkehr in die Gemeinschaft willen" begab er sich 'auf die ethische Suche: das ist der Impuls zu seiner Dichtung", heißt es von Hof mannsthal.



      Der Gegensatz zwischen ästhetisch und ethisch, zwischen Abgesondertheit und Gemeinschaft, der für Broch selber aktuell wurde, bringt in Hofmannsthals Werk einen falschen Entscheidungscharakter. Weder ist jenes Erlebnis der Allverwobenheit, das besonders sein Jugendwerk prägt, rein ästhetisch zu fassen — wie es nur einem Betrachter scheinen kann, der die Schule des rationalistischen Realismus mit Fleiß absolviert hat —, noch ist der Durchbruch zur Eindeutigkeit unter eine soziale Kategorie zu bringen. Bloß ästhetisch wäre die Beibehaltung der Form, ohne daß in dem Dichter etwas lebendig wäre, das sie als notwendigen Ausdruck des eigenen Wesens ergreift. Der ethische Durchbruch aber müßte den Bruch mit der Kunst bedeuten, wenn er sich um der 'Rückkehr in die Gemeinschaft" willen des angestammten Mediums entäußerte.
      Faßt man die vielfältige Formenwelt der Kunst als Realität auf, so verhält es sich genau umgekehrt. Hofmannsthal, für den sie diese Realität besaß, konnte ihr nur in der Weise genügen, daß er als Dichter ihre Ehre wahrte. Innerhalb des Zeitraums, in den er hineingeboren wurde, konnte dies nur auf individualisierende Weise geschehen. In seinen 'Gedichten und Kleinen Dramen", die bezeichnenderweise im Titel verbunden sind, schafft sich das lyrische Ich den Kontur einer Gestalt, durch welche die Form Charakter gewinnt. In den Gedichten, die hinsichtlich der Form die größte Mannigfaltigkeit aufweisen, erwacht jeweils der Formcharakter zu eigener Bedeutung, und doch spricht sich in jedem unverwechselbar Hofmannsthals Individualität aus.
      In dem kleinen Spiel 'Der Tor und der Tod" werden bereits die Spannungspole sichtbar, zwischen denen Hofmannsthals Werk ausgetragen wird: Allverwobenheit und Abenteuer.
      Die Gestalt des Abenteurers hat auch Rudolf Borchardt angelegentlich beschäftigt. In seinen Erzählungen bildet sie eine Schlüsselfigur. Wenn die Relation zwischen Ich und

Welt unfest geworden ist, nimmt die Gestalt des Abenteurers schicksalhafte Züge an. Der Abenteurer ergreift den unendlich geöffneten Umkreis an Lebensmöglichkeiten als Charakter seiner Bestimmung.
      Es sind zwei Züge, die in der Gestalt des Abenteurers bedeutsam hervortreten: durch ihn offenbart sich die schrankenlose Fülle der Welt; zugleich aber zieht er den Strahl des Schicksals herab. Der Freund des 'Toren" — jener Mann, aus dessen Brust ein Messer ragt — ist Abenteurer. Der 'Kentaur" ist es auf elementarer Stufe. Herakles ist es im Verhältnis zu Alkestis. In 'Der Abenteurer und die Sängerin" hat das Thema gesellschaftliche Brillanz. Pierre bestreitet mit ihm die herrlichsten Passagen im 'Geretteten Venedig". Sigismund, der Held des 'Turm", erleidet das Abenteuer menschlichen Daseins. Hier ist daran zu erinnern, daß Hofmannsthal vom 5. Akt dieses Dramas gesagt hat, daß er wie ein Schloß über einem Abgrund gebaut sein müsse. Die Bodenlosigkeit menschlicher Existenz, die nur noch im Abenteuer das Schicksal erfährt, wird hier symbolisch angedeutet.
      Weltgefühl allein birgt die Gefahr, daß der Erlebende sich selber verloren geht, daß er in die Erscheinungen ausrinnt. 'Der Wahnsinnige" in Hofmannsthals 'Kleinem Welttheater" und der 'Brief des Lord Chandos" künden diese Gefahr. Der Abenteurer gibt dem flutenden Erleben die Fassung einer Charakterrolle und stellt improvisierend die Spannung zwischen Ich und Welt wieder her. Indem er, anstatt zu erleiden, eingreift, wird er zum Verbündeten des Schicksals oder des göttlichen Willens. In der Gestalt des Abenteurers bleibt aber auch dem subjektiven Erleben der objektive Anstand gewahrt. Und Anstand ist für Hofmannsthal soviel wie Fügung, ohne die alles heillos in-einanderränne. Im 'Spiel vom Jedermann" und im 'Salzburger Großen Welttheater" ist die Fülle menschlichen Daseins durch Anstand in gefügter Ordnung versammelt. Aber der Meister, der die Fülle bändigt, die Rollen austeilt und das Schicksal verhängt, weist auf den Abenteurer zurück, der über dem Abgrund der Wirklichkeit die ehemalige Ordnung als Schein und Spiel wiederherstellt.

     

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