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Sentimentalisches und naives Abenteuer



Ein Abenteurer — wenn auch ein spekulativer — ist Kästner gewiß. Bietet doch in einer Zeit der Gesellschaftsreisen und des Touring=Menus das Erlebnis schlechthin die Chance des Abenteuers! Jedem Columbus auf diesem Gebiet — mag er Sardinien oder die Ägäis bereisen — folgt die Invasion geschäftstüchtiger Conquistadoren auf dem Fuße. Das soli= täre Abenteuer wird im Umsehn zur Massenware. Im vergangenen Krieg las man unter Soldaten das strahlende Buch von Werner Helwig: 'Raubfischer in Hellas". Es erschien uns wie die Fata Morgana freien Lebens, geschaut durch die Gitterstäbe eines Kerkers. Hätte man sich zu jener Zeit mit Leserumfragen abgegeben, so hätte Werner Helwigs Buch — zumindest unter Soldaten — den Preis davongetragen. Inzwischen kann man wieder reisen, und die nicht minder geglückten Bücher 'Reise ohne Heimkehr" und 'Widergänger" haben nicht den Boden gefunden wie die sehnsuchtumworbenen Raubfischer. Helwigs Bücher geben Saft und Kern des Abenteuers. Dazu gehört auch, daß man ungewohnte Speisen kostet. Jugendliche Leser schätzen noch heute Bärentatzen als Delikatesse, und der Käse im 'Heidi" nebst der Ziegenmilch haben für sie einen unverwechselbaren Phantasiegeschmack. Das echte Abenteuer ist ein Aufruf zur Sinnenfreude. Man verschlingt es oder läßt es genießerisch auf der Zunge zergehen. Romane dieser Art konnten uns früher in eine Art Rausch versetzen: 'Das Kajütenbuch" und 'Norden und Süden" von Charles Sealsfield, 'Raubmenschen" von Max Dauthendey und 'Lord Jim" von Joseph Conrad. Man stand von der Lektüre auf mit dem Wunsch, die Zelte abzubrechen und morgen auf Abenteuer zu gehen. In seinem neuesten Buch 'Das Steppenverhör" setzt sich Helwig mit der Räder= und Uhrwerkwelt unserer Zeit auseinander, mit ihren falsch gestellten Problemen und ihren ideologischen Scheuklappen. Und er schließt: 'Man müßte aufbrechen, um das Leben neu zu entdecken." Abenteuer werden erzählt, ausge= schmückt, hundertfältig variiert. Oft genügen ein paar Kör= ner dieser abenteuerlichen Würze, um ein krauses und eigenwilliges Buch zum Lesegenuß zu machen. So geschah es mit Albert Vigoleis Thelens umfangreichem Roman 'Die Insel des zweiten Gesichts". Die Insel Mallorca war nur eine Station der von Abenteuern strotzenden Odyssee des Verfassers. Es gibt Menschen, die das Aben= teuer magnetisch anziehen, und es gibt andere, die aus einem reich bewegten Leben keine einzige Geschichte zu erzählen wissen. Thelen hat nichts Haarsträubenderes er= lebt als die meisten Emigranten; doch als ein Humorist, der mit der Realität im Streit liegt, hat er das Widrige durch Phantasie kompensiert. Oft genügt ihm zur mimi= sehen Ausstaffierung einer Figur das plastische Wort, die treffende Redewendung. Er stammt vom Niederrhein. Er liebt die saftige Drastik Flanderns, läßt aber auch zuweilen seinen mystischen Goldgrund durchschimmern. Fleisch und Seele bilden in seinen Büchern einen vertrackten Wider= spruch. Als Humorist denunziert er seelische Aspirationen, indem er sie auf fleischliche Wollust zurückführt. Aber um= gekehrt sucht er in der fleischlichen Wollust die Seele, und die Nacht der niederen Orgie gerät ihm zur Breughelschen Vision.



      Spanien in seiner Mischung von Blutzauber und Mystik, von ernüchtertem Realismus und religiöser Halluzination gab Thelen Gelegenheit, sein atheistisches Bekenntnis mit allerlei Archaismen einzufärben. Sein zweiter Roman 'Der schwarze Herr Bahßetup" schlingt, wie es Thelens Gewohn= heit ist, unbekümmert Arabesken um eine karge Fabel. Bei aller Freude, die uns seine direkte Manier gewährt, kann uns seine manieristische Tüftelei doch auf die Dauer zuviel werden. Es scheint, als halte Thelen aus falscher Scham den lyrischen Strom seiner Prosa fern. Wie sehr könnte er seine

Romane befruchten! Auch Humor kann dürr werden, wenn er sich nicht gelegentlich im Reservoir der Träume mit Phantasie vollsaugt. Jean Paul hat sich auf dieses alter= nierende Prinzip verstanden. Im 'Siebenkäs", diesem Klein= bürgerschreck, wird nachhaltig geträumt. Es gibt ungläu= bige, atheistische Humoristen. Aber es gibt keinen Humo= risten, der nicht das beschwerliche Kamel seiner Misan= thropie zuweilen in irgendeiner Traum=Oase zur Tränke führte. Bei Rabelais heißt die Oase: La Dive Bouteille.
     

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Sentimentalisches  naives  Abenteuer    





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