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Selbstspaltung



Vertreter jener Generation, die etwa vierzigjährig aus dem Krieg hervorging, mußten vielfach die Erfahrung machen, daß es mit dem Wiederanfang seine Schwierigkeiten habe. In dem Maße, wie sie die Bekanntschaft mit der Literatur anderer Länder erneuerten, wie die Bücher der Emigranten erschienen, wie die Literatur der zwanziger Jahre aufs neue ins Bewußtsein trat, wuchs der Ballast an Problemen, der einen nicht immer günstigen Tiefgang erzeugte.




Der Roman von Rudolf Krämer-Badoni 'In der großen Drift", der kurz nach dem Krieg erschien, war in der Tra= dition der Schelmenromane geschrieben. Er schilderte in hemdsärmeligem Stil die Abenteuer eines jungen Mannes, der mit humorvoller Unverfrorenheit die Naziherrschaft, den Krieg und die Nachkriegsjahre übersteht. Ein Bildungs= roman aus der Zwischenkriegszeit, ein Zeugnis jener Ge= neration, die — wenn sie nicht Mitläuferin war — die Para= den einer sarkastischen Fechtkunst lernte. Man empfand beim Lesen etwas wie befreiende Ernüchterung. Hier wur-den schwülstige Phrasen aufgestochen, Idole entlarvt, Ver= bogenheiten zurechtgerückt. Mit beschwingtem Fuß eilte der Erzähler über Tiefen und Untiefen dahin. Daß sein Held einiges philosophische Rankenwerk mitnahm, war ihm, da er in Frankfurt bei einem Existentialisten studiert hatte, wohl zu verzeihen.
      Im nächsten Roman — 'Der arme Reinhold" — rekapitu= lierte Krämer=Badoni die gleichen Jahre. Diesmal behielt jedoch die Philosophie die Oberhand. Kierkegaard und Sartre, der Existentialismus und die Moraltheologie häng-ten sich der Handlung als Gewichte an. Es wurde wenig erzählt, aber viel gepredigt, wenig gedeutet, aber viel spe= kuliert. Der Autor gab sich nicht geschlagen. Sein zwiefaches Talent legte eine Selbstspaltung nahe. So spaltete er sich in Erzähler und Philosoph und taufte seinen Doppelgänger Hippolyt. Taufpaten waren Jean Paul und Andre Gide. Zwar gelang ihm eine glaub-hafte Darstellung des lachenden Moralisten, aber unge-spalten hatte sie noch mehr überzeugt. Die Selbstspaltung Krämer-Badonis wirkt individualistisch verspielt, wie reizvoll er das Thema auch durchführt. Das Thema der Selbstspaltung oder 'Bipolarität" ist heute überholt. Wahrscheinlich hat Hesse seinen Roman aus 'Nonnalien" nicht weitergeführt, weil es zu Normalien keinen Gegenbegriff mehr gibt. Auch Kasack verfehlte in seinem Roman 'Das Große Netz" die satirische Gegenposition. Krämer=Badonis jung-ster Roman 'Die Insel hinter dem Vorhang" ist eine burleske Satire. Aber es ist leicht, alles närrisch zu finden, wenn man keine eigene Weisheit einzusetzen hat.
     

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