Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Die deutsche literatur

Index
» Die deutsche literatur
» DER ROMAN DER GEGENWART
» Rheinische Hochsprache

Rheinische Hochsprache



Ziehen wir die Grenzen des Rheinlands nicht zu eng, so lassen sich in seinem Bereich zwei Stilarten unterscheiden: die eine ist derb und volkstümlich und von schlagendem Realismus; die andere ist von lauterer Form und strebt nach klassischer Harmonie und Rundung. Gelegentlich sind beide Stilarten im Werk ein und desselben Dichters vertreten. So bei Elisabeth Langgässer, deren Novelle 'Proserpina" mit ihrem in langen Perioden schwingenden Wohllaut in deutlichem Gegensatz zu mundartlich gefärbten Erzählun= gen und Kurzgeschichten steht. Dichterische Hochsprache pflegte Stefan George, der an den Akt der Wortstiftung glaubte. Ãœber der Mundart Karl Wolfskehls lag sie wie eine Maske. Es ist wohl kein Zufall, daß Felix Krull, der sich eines gewählten Stils befleißigt, aus Eltville am Rhein stammt. Oder denken wir an den zwiefachen Stil Georg Büchners in 'Leonce und Lena" und im 'Wozzek". Carl Zuckmayer schreibt in seinen frühen Erzählungen das kernige Deutsch seiner rheinhessischen Heimat; doch ging auch von Darmstadt die gezüchtete Sprache des Expressionisten Kasimir Edschmid aus. Sprach* und Stilreformen finden besonders da einen gün= stigen Boden, wo eine deutliche Kluft zwischen Hoch= und Umgangssprache besteht. Sowohl die Neigung zum Pre= ziösen als auch die Bereicherung der Dichtung aus dem Mutterschoß der Sprache pflegen bei solcher Parallelität stattzufinden. Hans Schiebelhuth wäre ohne seine urtüm= liehe Sprachmächtigkeit dem strotzenden Stil der großen Romane von Thomas Wolfe kaum ebenbürtig gewesen; anderseits hätte der gleichzeitig lebende Wilhelm Michel die dichterische Hochsprache Hölderlins nicht so rein nachempfinden können, wenn nicht in solchen Sprachgebieten beiderlei Tendenz vorhanden wäre.



      Im Rheinland finden wir dichterische Hochsprache bei Henry Benrath und Emil Barth, während in Gegenden unserer Heimat, wo die Mundart noch im Rang einer voll ausgebildeten Sprache steht, der Hang zu künstlerischer Ãœberhöhung der Aussage nicht in demselben Maße anzu-treffen ist. Bezeichnenderweise bedient sich Arno Schmidt in seinen Erzählungen nicht des niederdeutschen Dialekts im vollen Sinne, sondern eines unreinen verstädterten Platt. Sonst stehen das Plattdeutsche und das Alemannische, das Bayerisch-Österreichische und das Schlesische im Range voll ausgebildeter Umgangssprachen, die zu jederlei Aussage geschaffen sind, während in den rheinischen Grenzgebieten die Mundart zwar eines koloristischen Reizes nicht entbehrt, aber unfehlbar ernüchternd oder komisch wirkt, wenn sie sich hohem Stil bequemen soll. Emil Barth schreibt eine abgewogene Kunstprosa, deren Reinheit und edle Form in der heutigen Literatur vereinzelt dastehen. 'Haus der Kindheit" und 'Der Wandelstern" zeigen in durchleuchteten Bildern die Geschichte einer Kindheit und Jugend. Man hat einen Vergleich zwischen Barth und Carossa gezogen, der mir insofern fehlzugehen scheint, als bei Carossa das Elementare und Dämonische eine weitaus größere Rolle spielt als bei dem klassischen Dichter der 'Xantener Hymnen". Die bewahrende Gesinnung Barths bringt es mit sich, daß jede Veränderung als Einbruch in die gefriedete Ordnung empfunden wird. So spiegeln in der Kindheitsgeschichte der erste Zeppelin und das Unglück von Echterdingen die technische Katastrophe sinnbildlich voraus. Die Schöpfungsordnung steht im Zeichen der Heilsordnung, die in den dunklen Widerfahrnissen des Lebens das Licht eines gnädigen Sinnes spendet. Sollten wir das Werk von Emil Barth auf zwei Pole beziehen, so wären es die der Schönheit und der Gnade. Schönheit in jenem weiteren Sinne verstanden, den bei Thomas von Aquino der Begriff 'forma" hat; und Gnade als der verklärende Strahl, der in der Schöpfung blitzhaft die Harmonie des Ganzen ahnen läßt. Emil Barth hat die Katastrophe sehenden Auges erlebt.
     
Unter den ersten Büchern, die nach dem Krieg erschienen, befanden sich Tagebuchaufzeichnungen, die er unter den bezeichnenden Titel 'Lemuria" gestellt hat. In seiner Novelle 'Der Enkel des Odysseus" behandelt er ein aktuelles Thema mit sinnbildlicher Absicht. Es ist verlockend, dieses stilistisch wie inhaltlich gleich vollendete Werk mit der 'Nekyia" von Nossack in Parallele zu setzen. Schon der Titel der Novelle läßt darauf schließen, daß in dem 'Enkel" die Problematik des großen Irrfahrers der Antike wiederkehrt, über dessen Heimkehr die Meinungen geteilt sind. Hat doch Odysseus — bei Dante — Ithaka nie wiedergesehen, sondern seine Irrfahrt bis zum äußersten Pol fortgesetzt. Auch für den modernen Schriftsteller ist das Problem der Heimkehr der springende Punkt. Ernst Schnabel stellt in seinem Roman 'Der Sechste Gesang" zwei Lösungen zur Wahl, die er in Anlehnung an geometrische Figuren mit 'Spirale" und 'Parabel" bezeichnet. Die Parabel besagt, daß der Stein, wenn er den Scheitel seiner Wurfbahn erreicht hat, auf die Erde zurückfallen muß. Somit wäre die Heimkehr des Odysseus von einem äußersten Punkt der Entfernung naturgemäß. Die Spirale besagt, daß es kein Ende des Abenteuers gibt, weil der letzte Grund immer weiter zurückweicht. Somit wäre das Schicksal des Odysseus permanentes Abenteuer wie Samuel Becketts 'Warten auf Godot".
      Auch bei Nossack fanden wir beides: Spirale und Parabel, Natur und Geist in ewiger Spaltung.
      Barths 'Enkel des Odysseus" — ein Kampfflieger in Nordafrika, der aus seiner brennenden Maschine mit dem Fallschirm abspringt und von einem Sandsturm davongerissen wird, durchlebt zwar auch eine Zeit völliger Loslösung und schneidender Einsamkeit, aber der Funke in seiner Brust stellt die verlorene Harmonie des Kosmos in ihrer ursprünglichen Schönheit wieder her. Ein Zeichen, daß die göttliche Weltharmonie in der Seele des Einzelnen immer wieder erstehen kann.
     

 Tags:
Rheinische  Hochsprache    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com