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Moralische Abstinenz



Wenn man der Nachkriegsgeneration Mangel an politischer Teilnahme und Begeisterung vorwirft, so ist dieser Mangel die Folge von Zuständen, die der 'Schuldlosigkeit" des Apparats zum Triumph verhalfen. Die Erfahrung lehrt, daß die Frage nach der Kriegsschuld gegenstandslos geworden ist. Die Kollektivschuld ist der genaue Reflex totalitärer Lenkung. Sie bestätigt das Nichtwissen des Einzelnen, der auf höhere Weisung geschichtlich belastet oder freigespro= chen wird.



      Im Gegensatz zu der Generation, die aus dem Ersten Welt= krieg hervorging, wird nicht mehr nach einer möglichen politischen Haltung gefahndet, sondern Enthaltsamkeit im Namen des Gewissens geübt. Rein kann das Gewissen nur bleiben, wenn es sich keinerlei Gewissenslenkung unter» wirft.
      Geschichtliche Begründungen werden als beliebige Schal« tungen durchschaut, Utopien als Interessentransaktionen abgelehnt. Der fatalistischen Einstellung zur Politik, auf deren Hebelsystem keine Einwirkung möglich scheint, ent» spricht ein kontaktscheuer Moralismus. Herbert Eisenreich, der als Achtzehnjähriger zum Kriegs» dienst eingezogen wurde, schreibt in seinem Roman 'Auch in ihrer Sünde": 'Alles Unheil der Welt stammt ab von dem guten Gewissen. Die Welt mit dem guten Gewissen wird niemals zweifeln an ihrem guten Wissen um Recht und Un= recht, wird niemals fragen nach den Grenzen, wird niemals unterscheiden zwischen Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, wird ebensowenig richten in der Gnade Gottes, sondern im Diktat uralter Schulden, uralter Scham, uralter Emiedri= gung, uralten Leidens, sie spürt das Leid und die Schuld und die Forderung der Sühne und die Forderung der Eitelkeit, aber sie spürt sie aus sich entfernt und nennt es Wirklich» keitssinn, und sie spürt sie nicht in sich, sondern in der Fiktion, welche Zeit heißt und nennt es ihren historischen Sinn, und der Triumph der Neuzeit heißt Toleranz ..." Auch hier wird das 'Alles=verstehen=heißt=alles=verzeihen" als ein Nichtwissen um die tiefere Schuld gedeutet. Der Mensch ist so einsam wie jener Soldat bei Gert Ledig , der im Nördlichen Eismeer über Bord ging und an dem die Kameraden auf dem Geleitzug mit stummer Ehrenbezeigung vorüberziehen, weil das Interesse der Kampfhandlung gebietet, ihn nicht zu retten. Der Vergleich mit einem Ãœberlebenden des Ersten Welt» krieges bei Joseph Roth ist aufschlußreich. Franz Tunda treibt 'Die Flucht ohne Ende" durch die Nachkriegswelt. Er kämpft in Rußland auf der Seite der Roten, findet in Wien und Westdeutschland die bürgerliche Ordnung weniger er» schüttert, als er geglaubt hat, verkehrt in Paris mit Diplo= maten und Intellektuellen, die ein Vereinigtes Europa an» streben. Nirgends fühlt er sich zu persönlichem Einsatz ver» lockt. Die vermeintlichen Ziele enthüllen sich ihm als IUu» sionen. Die geschichtliche Ordnung ist unwiederbringlich dahin. Am Ende des Romans steht Franz Tunda vor der

Madeleine in Paris und fühlt sich ganz und gar überflüssig. So schließt auch die im Exil entstandene 'Kapuzinergruft": 'Wohin soll ich jetzt, ein Trotta?"
Man lese den Briefwechsel zwischen Hofmannsthal und C. J. Burckhardt, in dem es an einer Stelle bei Hofmanns= thal heißt, daß der Boden unter den Füßen liquide geworden sei, während Burckhardt immer wieder darauf zurück» kommt, daß nach dem Verlust geschichtlicher Ordnung Oberflächentendenzen ihre Relevanz eingebüßt hätten. Diese Konsequenz wird von der heutigen Nachkriegsgenera= tion nicht so sehr gezogen, als von vornherein zum Aus= gangspunkt genommen. Herbert Eisenreich erörtert in sei= nem Roman keine Schuldfragen. Er läßt Rechts und Links auf sich beruhen und macht nicht den Versuch, zwischen den Fronten zu lavieren. Das 'gute Gewissen" legitimiert die Gegensätze — zwischen Rechts und Links, zwischen Ost und West — und wäscht sich rein, indem es den Gegner schwarz macht. Das schlechte Gewissen enthält sich des Urteils. 'Auch in ihrer Sünde" — der Titel des ersten Ro= mans — heißt, daß nur radikale Aufrichtigkeit reinigt. Eisenreich bezieht in seinem Roman keinen fixen Stand» punkt. Er tastet den labyrinthischen Miniergängen nach, die ein Mensch durch das Chaos seiner Zeit wühlt. In seiner Schilderung sind alle objektiven Maßstäbe aufgehoben. Großes wirkt klein; Kleines erscheint in riesiger Verzer» rung. Das Bild der Welt zieht durch einen Hohlspiegel. Der endlose Monolog eines Betrunkenen stößt an taube Ohren. Eisenreich ist Moralist — wie viele seiner Generation. Doch vertritt er nicht mehr den humanitären Moralismus der zwanziger Jahre, der sich auf die Erklärung der Menschen» rechte beruft, sondern den sezierenden Moralismus des Seelenbeschauers. George Saiko, sein älterer Vorgänger, be= treibt ihn mehr analytisch . Eisenreich mehr synthetisch und expressiv. Saiko zertrennt das Ge= webe aus Seele und Fleisch, bis es fadenscheinig wird. Eisen» reich dreht es auf die Spule des inneren Monologs. Saiko neigt zu psychologischem Filigran, Eisenreich zu Hyper» trophie im Detail. Vorurteilslose Aufrichtigkeit, die vor nichts zurückschreckt, ist beiden gemeinsam. Joseph Roths Frage: 'Was soll ich tun?" ist letzter Nachhall romantischen Lebensgefühls. Diese Frage stellt sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Eisenreich, der histo» rische Schuldbegründungen ablehnt, fände sich in der Ge= Schichtsauffassung mit Felix Hartlaub einig, der in seiner Novelle 'Parthenope" die Bedingtheit politischer Bekennt» nisse aufzeigt. Ihm geht es nicht mehr um die ideologische Richtigkeit, sondern um die menschliche Wahrheit. Die Frage lautet nicht mehr: haben gewissenlose Elemente die Revolution verraten? Sie lautet: wieviel an Gewissenlosig= keit wird durch die Revolution entbunden? Die ideologische Geschichtsauffassung beurteilt den Menschen optimistisch. Sie traut ihm zu, daß er das Richtige auch tun wird. Die moralistische Auffassung beurteilt den Menschen pessimi= stisch. Sie traut ihm zu, daß er auch die edelsten Absichten mit 'gutem Gewissen" verdirbt. Ideale Distanz verleiht ge= schichtlichen Vorgängen ein Relief, das sich bei näherem Zu= sehen in einen chaotischen Wirbel winziger Teilchen auflöst.

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