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Landschaftlicher Expressionismus



Die Versinnbildlichung der Heimatsphäre erhält bei dem böhmischen Dichter Johannes Urzidil den Namen 'Die Ver= lorene Geliebte". Die Erzählungen, die hier unter einen gemeinamen Titel treten, schlagen die Brücke zwischen den zwanziger Jahren und der Jetztzeit. Sie spielen zur Haupt* sache in Prag, aber es sind Geschichten — nicht aus erinnern» der Distanz, sondern Vergegenwärtigungen eines Zusam= menhangs, dessen simultane Präsenz mit den Jahren immer deutlicher hervortritt.



      Urzidil, den das Emigrantenschicksal nach England und Amerika verschlug, war bereits in den zwanziger Jahren im Kreise der Expressionisten zu finden. Er hat Kafka persön= lieh gekannt. In seinem Stil gehen Tradition und Ausdrucks» wille eine selten glückliche Verbindung ein. Die Novelle 'Der Trauermantel" ist eine Umdichtung des Lebens von Adalbert Stifter. Urzidil hält nichts von kurzlebiger Aktu= alität. In einer Novelle, die er als Emigrant in England schrieb, bekennt er sich zu der langmütigen Dauer geschieht» licher Entwicklungen, die, von vielen Generationen genährt, oft erst nach Jahrhunderten Frucht tragen. Urzidils Kunst ist ein Zeugnis echter Bildung.
      Wider den Aberglauben, daß Tradition und Aktualität einander ausschlössen, kann auch das erzählerische Werk von Georg Britting ins Feld geführt werden. Im allgemeinen hält man den Expressionismus für ein synthetisches Pro= dukt der Großstadt und denkt dabei an Gas, Elektrizität und Asphalt, an 'Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin und an 'XYZ" von Klabund. Man vergißt dabei, daß es auch einen Expressionismus gegeben hat, der sich mit land= schaftlichen Elementen aufs glücklichste verband. Gustav Meyrinks Roman 'Der Golem" lebte aus der Atmosphäre Prags. Loerkes Gedichte haben den großen Zug seiner west* preußischen Heimat. Daneben gibt es auch eine Art vonkonservativem Expressionismus. Richard Billinger überstei= gert in seinen Bühnenstücken 'Rosse" und 'Rauhnacht" barocke Elemente des bayerischen Bauerntheaters. So wie bei Urzidil die böhmische Heimat aus einem Ab= grund voll Dunkel beschworen wird, so bei Georg Britting die niederbayerische Heimat aus ihrem von Elementarem gesättigten Mutterboden. Wer beschwören will, muß in die Magie des Nächtlichen eingeweiht sein. In den Erzählungen 'Die kleine Welt am Strom" reichen sich Tag= und Nacht= seite die Hand. In den Erzählungen 'Der bekränzte Weiher" und 'Der Schneckenweg" greift der Abgrund nach dem Menschen. Nicht umsonst sind die Dome mit exorzistischen Symbolen geschmückt. Georg Britting bewältigt in seinen Erzählungen die Spannung zwischen Element und Form. Die Spannung bewirkt, daß weder das Elementare zerfließt noch die Form starr wird.
      In dem Roman 'Lebenslauf eines dicken Mannes, der Hamlet hieß" verwandelt Britting die herausgestellte dra= matische Exposition Shakespeares auf ähnliche Weise in epische Ursubstanz zurück wie Döblin die Lear=Tragödie in seinem 'Hamlet". Jedoch mit verschiedenem Resultat. Wäh= rend bei Döblin psychische Archetypen in Erscheinung tre= ten, schaltet sich in Brittings Roman die Landschaft ein. Ophelia ertrinkt in dem Weiher, den Sonnenblumen und Schilf umgürten. Mit ihr sterben die Sonnenblumen. Der Parkettboden im Schloß ist das Schachbrett, auf dem die Hofdame Clara ihre Liebespartie wagt und verliert. Die Schwerleibigkeit — und nicht 'Gedankenblässe" — ist das Schicksal des Helden Hamlet. Britting ist als Erzähler der Reflexion in solchem Maße abhold, daß er selbst den Dialog auf ein Mindestmaß verkürzt. Für jeden Gedanken tritt ein konkretes Element ein. Dem Leser wird die Bildersprache des Lebens geboten. Britting schildert das Abenteuer des Menschen, der — anstatt aus seiner Welt herauszutreten, in sie eingeht. Was findet er dort? Den immerwährenden Um= kreis des Lebens, der sich um jeden beliebigen Mittelpunkt zyklisch schließt. Liebe, Krieg und früher Tod, Speise und Trank, Alter und Krankheit sind nicht Begleiterscheinungen des Daseins, sondern Urtatsachen. Die Königin ist die Prin= zessin, die zur Strafe in glühenden Schuhen tanzen muß. Mit dem Stiefvater mißt sich Hamlet in einem Freßduell. Die Welt ist immer in gleicher Form vorhanden. Britting schließt sie mit seiner zupackenden Sprache auf. Er ist Plastiker, wo andere Analytiker sind. Hier tritt der Unterschied zur sogenannten Heimatliteratur am deutlichsten zu Tage. Wo nach der höheren Verbindlichkeit der Form gestrebt, wo das Elementare als das alle Menschen gefährdende Verhängnis empfunden wird, kann nie das heimatliche Einzelelement als Selbstwert auftreten. Der Heimatdichter verfährt nicht anders als der Heimat-künstler, der seinem Auftrag zu genügen glaubt, wenn er einen folkloristischen Ãœberrest möglichst getreu kopiert und konserviert. Seine Kunst speist sich aus dem Kredit einer überlebten Kunst: die überlieferte Form wird nicht aus neuem Geist noch einmal geschaffen, sondern pietätvoll nachgebildet.
      Die Grenze zwischen legitimem Ausdruckswillen und ver« fälschender Kopie ist nicht immer leicht zu ziehen. Auch sollte nicht unterschiedslos der Gesinnung eines Dichters zur Last gelegt werden, was in vielen Fällen auf die Rechnung seiner Gestaltungsschwäche kommt. Die Kulturpropaganda des Dritten Reichs hat in dieser Frage am verheerendsten gewirkt. Indem sie eine Schwäche, die ihr freilich nicht gefährlich werden konnte, zum Richtscheit und Vorbild setzte, beschwor sie das Mißverständnis herauf, daß Nichtkönnen in jedem Falle auch ein Nichtanderswollen sei. Es wäre ungerecht, wollte man Büchern wie Karl Heinrich Waggerls 'Das Jahr des Herrn" oder Josef Pontens Erzäh-lung 'Die Bockreiter" das künstlerische Verdienst bestreiten. 'Der Heiligenhof" von Hermann Stehr ist nicht schwächer, sondern stärker als Gerhart Hauptmanns Gottsucherroman 'Der Narr in Christo Emanuel Quint". Eine Grenze gibt es freilich auch hier — und zwar wenn ein Schriftsteller durch unbelehrbare Gesinnung Zweifel an seinen moralischen Qualitäten erweckt. So weit steht der Dichter persönlich hinter seinem Werk, daß er uns nicht mehr der Beachtung wert dünkt, wenn er das Böse böswillig übersieht.
     

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