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Gewissensfrage



Was befähigt ein Werk zur Dauer? Die Frage ist negativ leichter zu beantworten als positiv. Negativ ist zu sagen, daß ein Roman mehr sein muß als ein aktueller Schlüssel, wenn er eine andere Epoche aufschließen soll. Wir sprachenzu Anfang von der doppelten Verbindlichkeit des Romans. Zu allen Zeiten hat der Roman ein aktuelles Bedürfnis be» friedigt. Jedoch zur Dauer des Kunstwerks hat er es nur da gebracht, wo das Aktuelle beispielhaft für etwas Allge= meingültiges stand.



      Nehmen wir an, der 'Don Quijote" sei ein realistischer Ge= sellschaftsroman. Symptomatisch daran sei der Zusammen» stoß des feudalen Ritterideals mit der Lebensordnung einer postfeudalen Zeit. In den Taten und Leiden des Don Quijote bilde sich die Tragik eines funktionslos gewordenen Stan= des ab, der für die Verwirklichung seines Lebensideals keine realen Voraussetzungen mehr finde. So ungefähr hat Erich Auerbach in seinem Buch 'Mimesis" den Roman von Cer= vantes gedeutet.
      Wenn hierin die aktuelle Bedeutung des Don Quijote be= steht — was allerdings zu bezweifeln ist —, so muß gefragt werden, welche andere Bedeutung ihn befähigt hat, zu einem Urbild spanischen Wesens, ja des Idealisten und Romantikers überhaupt zu werden. Offenbar unterschei= det sich diese verborgene Bedeutung von der aktuellen da= durch, daß sie das Symptom aus einem wandellosen Zusam= menhang hervorgehen läßt und seine jeweilige Bezeichnung nicht für die Sache selbst nimmt. Don Quijote wird durch die Lektüre von Ritterromanen verrückt. Es ließe sich aber auch vorstellen, daß er so lange kosmographische Beschrei= bungen liest, bis er sich eines Tages aufmacht und Amerika entdeckt. Oder es ließe sich denken, daß er als Archäologe in den Vorderen Orient geht, das Leben der Araber teilt, arabische Kleidung trägt und als ungekrönter König für die Rechte seines Adoptivvolkes eintritt, daß er schließlich wie Don Quijote seinen Namen ablegt und in die Anonymität zurücktritt. Mit anderen Worten: die Lebensdauer eines Romans hängt weitgehend davon ab, ob es dem Autor gelingt, die aktuelle Problematik oder Symptomatik in Sinnbildlichkeit zu verwandeln.
      Der Romancier steht heute in Gefahr, aktuelle Symptome für die Sache selbst zu nehmen. Hier liegt die Wurzel der sachlichen Utopie. Und zwar überschätzt er sie umso mehr, je weniger es ihm gelingt, sie auf menschliche Grundwahr= heiten zu beziehen. Reportage und Tatsachenroman be= kennen sich offen zur Aktualität und erfüllen damit eine wichtige Aufgabe. Doch finden wir zuweilen auch da, wo ein Sinnbild angestrebt wird, nicht mehr als einen inter= essanten Fall, der über das Individuelle nicht hinausreicht.
     

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