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Die deutsche literatur

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Gefahr des internationalen Charakters



Die Verflechtung der Nachkriegsliteratur mit Problemen, Tendenzen und Stilphänomenen anderer Literaturen, die exemplarische Bedeutung, die amerikanische oder französi* sehe, englische oder spanische Vorbilder für Vertreter der jüngeren Generation erlangt haben, ist eine Tatsache, die kaum mehr diskutiert wird. Es erregt zum Beispiel keinerlei Aufsehen, wenn man das Vorbild der amerikani= sehen Kurzgeschichte in Erzählungen von Heinrich Böll und Hans Bender entdeckt, wenn man den Einfluß von Sartre oder Camus bei Rolf Schroers feststellt, wenn man die Nachwirkung von Joyce, die sich inzwischen bei Faulkner potenziert hat und rückwirkend durch den französischen Filter gegangen ist, als Voraussetzung des abstrakten Stils von Walter Jens erkennt. Der Kritiker kann jedoch nicht umhin zu bemerken, daß esdabei oft zu einer literarischen Denaturierung der künst» krischen Darstellung kommt. Während zum Beispiel der französische Moralismus eine eigenständige Erscheinung ist, deren Tradition sich mindestens bis zu Montaigne zurück= verfolgen läßt, geht er bei uns eine Verbindung mit dem Metaphysischen oder Religiösen ein und wird dadurch nicht selten verschwommen. Moralistische Probleme, die der Fran= zose um ihrer selbst willen stehen läßt, weil er dergleichen Fechterkunststücke liebt, werden bei uns zu religiösen Ent= Scheidungsfragen, die mitten in der Aporie enden. Oder man verquickt die amerikanische Kurzgeschichte — auch sie das Gewächs eines bestimmten Bodens — mit der gemüthaften deutschen Erzählung und belädt sie mit einer sentimentalen Bedeutung, unter deren Einwirkung der Um= riß flockig wird.



      Hier tritt der Gegensatz zur Literatur der zwanziger Jahre besonders scharf hervor. Die Haltung gegenüber den Vor= bildern ist unkritisch oder indiskret geworden, wenn man Unterscheidungsvermögen als Kern der Diskretion nimmt. Dieselbe Feststellung läßt sich hinsichtlich der Lyrik treffen. Dagegen wurde in den zwanziger Jahren die Auseinander* Setzung mit Proust und Joyce, aber auch mit Racine und Moliere, mit T. S. Eliot oder mit Claudel in kritischer Weise geführt. Der internationale Charakter der Literatur war keine hingenommene Tatsache, sondern ein Problem, allenfalls auch ein anzustrebendes Ziel, das zu bewußter Herausläuterung des eigenen Wesensanteils aufforderte. Hermann Broch hat sich mit James Joyce kritisch ausein= andergesetzt. Hofmannsthal hat im Briefwechsel mit C. J. Burckhardt über den Unterschied zwischen deutscher und französischer Wesensart pointierte Aussagen gemacht. E. R. Curtius hat 'Waste Land" von T. S. Eliot einer ein= dringlichen kritischen Betrachtung unterzogen und sein Er= leben auf die Grundform der eigenen Existenz 'heimge= leitet". Hermann Hesse hat sich dem Geist des Ostens nicht einfach verschrieben, sondern hat ihn in die deutsche Sphäre — der Mystik und der Romantik — heimgeholt. Literarische Denaturierung muß immer da eintreten, wo das Vorbild, dem man sich verschreibt, nicht aus dem eige= nen Wesen beantwortet wird. Der Einfluß Hemingways oder Faulkners, Sartre's oder Lorcas wird sich immer nur als bewußte Antwort auf deren spezifische Haltung kund geben dürfen. Der amerikanische oder französische Charakter, der vom deutschen Schriftsteller übernommen wird, kann — schon der Sprache wegen — nicht amerikanisch oder französisch bleiben. Sofern er nicht auf deutsch beantwortet wird, bleibt er eine Leerform mit abstraktem Umriß, wie es deren so viele in der Literatur der Gegenwart gibt. Der Erfolg des 'Stiller" von Max Frisch dürfte in erster Linie darauf zurückzuführen sein, daß Stiller — obwohl wir ihn als Repräsentanten moderner Daseinsproblematik empfin= den — ein echter Schweizer geblieben ist. Man hat noch nicht europäischen oder universalen Charakter, wenn man den eigenen Charakter preisgibt.
      In den zwanziger Jahren war der weltliterarische Univer» salismus ein utopisches Ziel, das jedoch nicht unter Ver» zieht auf persönliche oder nationale Eigenart, sondern mit dem Willen, sie zu steigern und zu bereichern, angestrebt wurde. Der Griff nach der Totalität, den Hesse in der 'Morgenlandfahrt" und im 'Glasperlenspiel", Hermann Broch in den 'Schlafwandlern" und im 'Tod des Vergil", Thomas Mann in den 'Josephromanen", Robert Musil im 'Mann ohne Eigenschaften" wagten, war durch romantische Tendenzen vorbereitet. 'Bildung" — so verhieß Max Sehe* ler — sollte nicht mehr auf die Wissensformen beschränkt bleiben, die sich eine bestimmte Gesellschaft im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung erarbeitet hat; vielmehr sollte sie ohne einseitige Bevorzugung der angestammten Wis= sensform — aber auch ohne deren Preisgabe — im totalen Ausgleich aller Wissensformen bestehen. Hermann Broch verkündete dasselbe Ideal für die Kunst und sah die Vor= aussetzungen für ein 'menschheitliches Gesamtsymbol" schon bei Goethe angelegt. Sein Traktat 'Der Zerfall der Werte", aber auch Walter Benjamins kritische Schriften gehen von der Idee eines geistigen Kosmos aus. Der Historismus wird im Eigenerleben neu geortet. Er emp» fängt neuen Auftrieb aus freigelegten Bewußtseinsschichten. So übergipfelt beim späten Scheler die religiöse Theorie vom 'Werdenden Gott" die wissenschaftliche Theorie von der soziologischen Bedingtheit menschlicher Wissensformen. Der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Karl Ke= renyi behandelt die heikle Problematik, die sich aus der Verschränkung von Mythos und Rationalität ergibt. In einem Vortrag über 'Joseph und seine Brüder" sagt der

Dichter: 'Der Mythos wurde in diesem Buch dem Fascismus aus den Händen genommen und bis in den letzten Winkel der Sprache hinein humanisiert, — wenn die Nachwelt irgend etwas Bemerkenswertes daran finden wird, so wird es dies sein."
Hier spricht zum letztenmal der Wille der zwanziger Jahre, Seele und Ratio zu versöhnen. Diese Versöhnung muß in der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg als gescheitert betrachtet werden. In der modernen Utopie, die sich mit Vorliebe zum Alptraum auswächst, nimmt die technische Rationalisierung Züge eines starren Fatalismus an. Umge= kehrt werden seelische Vorgänge nicht selten zu Mechanis= men. Es scheint, als könnten nur durch intensive Vernunft= arbeit unbewußte Residuen zu Bedeutungswert gelangen. Broch, Thomas Mann, Musil, Franz Kafka waren Denker von schärfstem Intellekt. Dasselbe gilt für Proust und Joyce. Unbewußtes kann nur bei äußerster Bewußtseins= Spannung in die Bedeutungsebene gehoben werden. Faulkner, Camus, T. S. Eliot — um nur drei Namen zu nen= nen, die in der Nachkriegsliteratur Epoche gemacht haben —, sind Wachträumer von außergewöhnlicher kritischer Be= gabung. Ihre Motive, ihre Technik können nachgeahmt werden: die innere Spannung ihrer Werke erzielen auch die getreuesten Jünger nicht.
      Fassen wir die Voraussetzungen zusammen, unter denen die Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg antritt:
1. Die Vorläufergeneration blieb bislang ohne geschieht* liehen Charakter. Sie tritt nicht als Gesamterscheinung in den Blick, sondern bildet ein Konglomerat versprengter Gruppen und Individuen.
      2. Gewisse Tendenzen der zwanziger Jahre werden, unab= hängig von dem ehemaligen Zusammenhang, zu Ende ge= führt.
      3. Das Streben nach Totalität erscheint in endzeitlicher Gestalt.
      4. Die Internationalisierung wird nicht mehr bewußt an= gestrebt, sondern stellt sich auf Grund ähnlicher Bewußt» seinslage automatisch ein.
     

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