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Ernst Penzoldt



Zu den Dichtern, deren Werk gehaltvolle Beständigkeit erst im Laufe der Jahre erweist und — von heute aus gesehen — das rein Zeitgenössische hinter sich läßt, gehört Ernst Pen= zoldt mit seinen Erzählungen und Romanen. Als ein Kenner der bürgerlichen Seele hat er nicht nur die Kleinstadt um ein paar unsterbliche Typen bereichert, sondern auch eine humoristische Subversion betrieben, die nachhaltiger ge= wirkt hat als revolutionäre Tiraden. Seine Liebe zu Dickens und Thomas Mann galt dem ironischen Schalk im Werk des einen, dem Humor und der sozialen Leidenschaft im Werk des anderen. Man vergesse nicht, daß Penzoldt seiner» zeit mit seiner Novelle 'Etienne und Luise" keinen geringen Skandal verursacht und ihn in seinem Roman 'Die Powenz= bände" sozusagen kanonisiert hat. Wie Jean Paul war er Realist und Visionär — die typische Mischung des Humo= risten, die sich auch bei Rabelais, Swift und Grimmels= hausen nachweisen ließe. Darum stellt er auch mit Vorliebe jugendliche Helden dar, in deren Weltempfinden Traum und Wirklichkeit noch einträchtig beieinander wohnen. 'Der arme Chatterton", 'Kleiner Erdenwurm" und die letzte Novelle 'Squirrel" bezeichnen diese durchlaufende Linie. Oder er stellt Jünglinge dar, die schon zu ihren Lebzeiten zur Legende werden — wie 'Idolino" oder den König Se= bastian von Portugal in seinem Schauspiel 'Die Portugale» sische Schlacht".



      Wenn dem Werk Penzoldts prophezeit werden kann, daß es als Dichtung fortbestehen wird, so vor allem auf Grund seiner Eigenwüchsigkeit. Es fehlt darin nicht an Ideen, aber man ist immer versucht, statt ihrer Figuren zu nennen. Die Friedensliebe Penzoldts heißt 'Korporal Mombour". Seine Revolte gegen die bürgerliche Trägheit heißt Powenz. Sein Wahrbild freier Lebenskunst heißt Squirrel. Penzoldt hatte die seltene Gabe zu fabulieren. Im 'Kleinen Erdenwurm" schuf er sozusagen im Vorbeigehen den Mythus des Schornsteinfegers. In der Erzählung 'Die Sen= se" den Mythus des Heimkehrers. In 'Idolino" den Mythus der Schönheit.
      Er nahm als Sanitäter an zwei Kriegen teil und trat, als die Wiederbewaffnung zur Debatte stand, mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, daß Deutschland einer künftigen europäischen Armee das Sanitätskorps stellen solle. Auch das muß hier erwähnt werden, denn es ist der echt Pen» zoldt'sche Mythus von Schuld und Sühne. Die Novelle 'Zu» gänge" zeichnet das Leidensantlitz des Krieges. Die Welt seiner Bücher ist die Welt eines Dichters. Jean Paul spricht gelegentlich von jenem Honigvogel, der kopfunter aus dem Kelch einer Blüte Nektar saugt und vergleicht ihn dem Humoristen.
      Auch in Penzoldts Büchern finden wir diese umgekehrte Schwärmerei für das Kleine, wenn das Große und Erha» bene leer und fraglich wird. Seine 'Causerien" sind ein Hausschatz der Lebensfreude. Oder es ist — in den 'Leuten aus der Mohrenapotheke" die Liebe zu Zinnsoldaten, im 'Kleinen Erdenwurm" das verschmitzte Behagen an dem Mikrokosmos eines Altersheims, die Neugier des Bildhauers auf Prägung und Ausdruck eines Mädchenkopfes. Penzoldt bedient sich einer verstellbaren Optik. Unter sei» ner Linse wird die große Politik zu einer Familienaffäre, wird eine Familienaffäre zur Haupt= und Staatsaktion. Mit» ten aus der Kleinbürgerwelt kann plötzlich der Gott hervor» gehen. Oder der Schauplatz des Weltkriegs kann zu einer Lazarettstube einschrumpfen.
     
Penzoldt macht noch von der Gabe Gebrauch, die dem Dich» ter verliehen ist, nach eigenem Maß zu bilden, nicht Ideen zu erfinden, sondern Menschen zu gestalten, nicht das Brot der Wirklichkeit zu essen, sondern es in Speise der Phanta» sie zu verwandeln.
     

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Ernst  Penzoldt    





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