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Die Moralisten



Wolfgang Koeppen hat mit seinem Roman 'Tauben im Gras" von der Stärke seines Talents ein für allemal über» zeugt. Koeppen ist Zyniker aus Moral. In den zwanziger Jahren haben Joseph Roth, der junge Hermann Kesten in 'Josef sucht die Freiheit" und 'Ein ausschweifender Mensch", auch Kurt Tucholsky diesen Ton in die Literatur gebracht.




     
Der Zyniker der zwanziger Jahre ist eine Mischung aus Timon und Narziß. Er ist ein idealistischer Misanthrop, ein revolutionärer Romantiker. Nicht zuletzt darum gilt Her= mann Kestens Liebe der 'blauen Blume", die zwar in Deutschland auf Seelengefilden, in Frankreich aber auf den Barrikaden gedeiht.
      Koeppen ist Zyniker aus verhinderter Liebe. Romantische Wunschträume gerinnen ihm zu Alpträumen. 'Tauben im Gras" ist ein romantischer Titel. 'Das Treibhaus" ist ein Requisit des Symbolismus. 'Der Tod in Rom" ist ein Nach= trag zur deutschen Apokalypse. Aus diesen drei Elementen setzen sich Koeppens Romane zusammen. 'Die Rhein= töchter", Baudelaire und die Restauration in Deutschland schließen immer wieder den Zirkel. Baudelaire wurde schon für Walter Benjamin, später für Sartre zur Schlüsselfigur. Koeppens Helden sind deklassierte Dandies, deren Schlen= derschritt die Angst zur Flucht beschleunigt. Auch bei Jo= seph Roth wird der Schlenderer zum Getriebenen. Im Ver= kehr mit Politikern und Geschäftsleuten, denen die öffent= liehe Funktion bestimmte Interessen vorschreibt, wird der schlechthin Interessierte zum Don Quijote. Joseph Roth stellte das Make=believe an den Pranger. Er kam aus dem humanen österreich=Ungarn, dessen Lebensordnung ihm stets den berichtigenden Maßstab lieferte. Bei Koeppen ist es genau umgekehrt. Hinter der Larve restaurativer Ten= denzen sieht er die kaum überwundene Anarchie zum Sprung ansetzen. Ob 'Treibhaus" in Bonn oder Judejahn in Rom: diesem Alpdruck entrinnt er nirgends. Je mehr sein Moralismus in die Enge getrieben wird, umso zynischer gibt er sich. In den flott überbauten Verliesen des Dritten Reichs züchtet Koeppen die Champignons verdrängter Gewissen skomplexe.
      Heinrich Böll ist ein Moralist ohne Ressentiment. Die Schuld des Kriegs am Menschen ist sein Thema, nicht die Schuld der Menschen am Krieg. Er begann mit Stories: 'Der Zug war pünktlich" und ließ weitere folgen: 'Wanderer, kommst du nach Spa ..." Im Gegensatz zur Demontage der Schuld bis auf ihr nacktes Skelett gibt Böll Schicksale in Fleisch und Blut, die jedoch immer in einem bestimmten Milieu angesiedelt sind, das ihre Rolle zur Hälfte mit= spielt. 'Wo warst du Adam?" lautete der Titel seines er= sten Romans. Er war aus der Story hervorgewachsen, wo=mit zugleich gesagt ist, daß Böll hier noch nicht zu jener Freiheit gegenüber dem Milieu kam, die vom echten Roman zu erwarten ist. Auch der Roman 'Haus ohne Hüter" ist aus verschachtelten Perspektiven aufgebaut, die vor lauter Innensicht kein rechtes Außen erkennen lassen. Er gleicht einem verwinkelten Viertel, das man nie im ganzen zu sehen bekommt.
      Die stilistischen Avantagen der Story, die Böll meisterhaft beherrscht, lassen den Romancier im Stich, weil sie nicht als architektonische Elemente verwendbar sind. Das Detail ist zwar in jedem Zug charakteristisch und treffend — die skur= rile Sprache der Anarchie, die Erfindungsgabe der Armut, die unkonventionelle Aufrichtigkeit der Schwarzmarkt^ zeit — doch bewirkt es im Roman leicht den Eindruck von Enge und Ãœberfülltheit. Der Roman kann durch bewußt gemachte Struktur nur gewinnen.
      Bölls Moralismus erwächst aus katholischem Boden. Das Religiöse ist bei ihm nicht so sehr Bekenntnis als ererbte Lebenssubstanz. Er kann es getrost aufs Spiel setzen, da er es nie ganz verlieren wird. Es findet seinen Einschlag in der Schicksalsproblematik von Mann und Frau, von Eltern und Kindern, die in eine chaotische Zeit verstoßen sind .
      In seinem 'Irischen Tagebuch" stehen der gläubige und der ungläubige Mensch dem Mysterium gleich nahe, weil auch der Unglaube nur Verkleidung eines unverlierbaren Glau= bens ist. Die Erzählung 'Im Tal der donnernden Hufe" zeigt religiöse Motive in krasser Entfremdung und spannt den Bogen zwischen Opfer aus Liebe und nackter Gewalt. Aber auch die Gewalt bleibt der Heimholung gewärtig.
     

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