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Der religiöse Roman



Der religiöse Roman der Nachkriegszeit hat drei große Vor» läufer, die kurz vor Ausbruch oder während des Krieges erschienen: 'Lennacker" von Ina Seidel, 'Der Vater" von Jochen Klepper und 'Am Himmel wie auf Erden" von Werner Bergengruen.



      Allen drei Romanen ist gemeinsam, daß sie — obwohl aus der Zeitsituation heraus — gegen die Zeit geschrieben sind. Das immer wiederkehrende Thema im 'Lennacker" — Be= rufung des Einzelnen zu einem Gesetz, das nicht in der Rechnung der Geschichte aufgeht — ist genau das Problem, das Jochen Klepper bei der Niederschrift seines Romans hartnäckig umkreist. Inzwischen sind Kleppers 'Tage» bücher" erschienen, die den Zeitraum von 1933 bis 1943 umfassen und in ihrem Hauptteil den schmerzlichen Werde» prozeß des Romans erkennen lassen. Auf der einen Seite steht, was Klepper opfern mußte: die bürgerliche Sicher» heit, das geregelte Auskommen, vor allem Ehre und An» sehen des Schriftstellers; auf der anderen Seite steht, was allein durch dieses Opfer möglich war: das blinde Ver= trauen in die Führung Gottes, der Ernst, der das ganze Leben ergreift, die Rechtfertigung des Lebens durch das Werk. Diese doppelte Rechnung durchzieht das Tagebuch, das zu den ergreifendsten Zeugnissen einer bis in die letzten Tiefen durchlittenen negativen Theologie gehört. Der Roman des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. spie= gelt das Bemühen, die Herrschaft auf dem Boden der Fröm= migkeit zu begründen. Um dasselbe Problem ging es im 'Großtyrann" von Bergengruen, nämlich um die Frage, wie es um die Rechtfertigung der Macht bestellt sei. In dem Roman 'Am Himmel wie auf Erden" erwächst der blinden Macht das Gegenbild der Herrschaft, das im Sinne der 'hei= len Welt" aus dem natürlichen Kosmos hervorgeht. Nichts davon bei Jochen Klepper, der zu sehr Preuße ist, um sich den Trost eines Gegenbildes zu gewähren. Hier geht es vielmehr immer enger, immer atemberaubender hinein in die enge Kluft zwischen entthronter Welt und vorenthaltener Wahrheit. Die Askese als das innerste Ge= setz des Preußentums, auch von Ina Seidel nie so angeeig= net, daß nicht ein mütterlich Mythisches ihm abdämpfend gegenüber träte, wird von Klepper mit grandioser Konse^ quenz durchgeführt. Innerlich ungebeugt hat er diese Hal= tung, als er selber in die ausweglose Enge zwischen Ehre und Entwürdigung geriet, freiwillig mit dem Tode besiegelt. Klepper, dessen reiner und folgerichtiger Geist in seinen 'Tagebüchern" fortlebt , starb als Zeuge jener Mannesehre, die der National* Sozialismus zum Selbstmord zwang.
      Der religiöse Widerstand sprach dasselbe absolute Nein wie der moralische Widerstand, nur daß die Verneinung ein Ja zum verhüllten Willen Gottes war. Die Aufsätze von Reinhold Schneider, gesammelt unter dem Titel 'Macht und Gnade", stellen den Leser immer wieder an diesen Scheide= weg. In seinem Roman 'Das Feuerzeichen" hat Bergen= gruen eine fast protestantisch anmutende Haltung bezogen. Der Protestantismus in seiner reinsten Form läßt immer die Affinität zum Geist des Alten Testaments spüren. Heinrich von Kleists 'Michael Kohlhaas" konnte nur auf protestan= tischem Boden entstehen. Aber auch in Thomas Manns Novelle 'Das Gesetz" schlägt die protestantische Erbschaftins Alttestamentarische zurück. Bergengruens 'Feuerzei= chen" ist, verglichen mit dem 'Großtyrannen", zweifellos das schwächere Werk. Doch ist es insofern bedeutsam, als hier die Bereiche von Recht und Gnade streng geschieden werden. Das Schicksal des Kohlhaas wird seiner heroischen Tragik entkleidet und an dem nackten Willen Gottes ge= messen. Göttliche Wahrheit und menschliches Recht klaffen unüberbrückbar auseinander.
      In Frankreich und England hat die moralistische Tradition von jeher alttestamentarische Züge bewahrt. Corneille und Racine, Pascal und La Rochefoucauld haben mit asketischer Strenge die Eigenliebe durchschaut und gegeißelt. Für den englischen Puritanismus vollends braucht es keiner um= ständlichen Belege.
      So war es denn auch ein Mißverständnis, als nach dem Krieg behauptet wurde, daß in den Romanen von Graham Greene und Evelyn Waugh, von Bernanos und Mauriac oder gar in Stücken von Jean Paul Sartre eine protestantische Vorhut im Begriffe sei, den Katholizismus auf ihre Bahn zu ziehen. Das Mißverständnis entstand so: da bei uns der Moralismus weitgehend protestantisch gefärbt ist, glaubten deutsche Kritiker, als sie mit der religiösen Weltliteratur in Kontakt kamen, überall Protestantismen zu sehen. Während in Frankreidi der Moralismus zu den unverlierbaren Ele= menten auch des katholischen Bekenntnisses gehört und je nach der geschichtlichen Lage mehr oder weniger durch= schlägt, sind bei uns die Voraussetzungen eines religiösen Moralismus ohne die Einkleidung einer geschichtlichen Uni= versalidee kaum vorhanden. Auch die Gestalt des Kohlhaas bei Kleist ragt in eine metaphysische Universalsphäre. So begegnen wir weder bei Ina Seidel noch bei Gertrud von Le Fort religiöser Problematik, die nicht aus geschichtlichen Zusammenhängen hervorgeht oder in geschichtliche Umwelt eingebettet bleibt. Reinhold Schneider hält am geschieht* liehen Schicksalsgedanken fest. Aber auch Edzard Schaper zeigt religiösen Moralismus in geschichtlichem Gewand. Elisabeth Langgässer greift auf die Untergangsprophetie des Donoso Cortes zurück und läßt in der 'Märkischen Argonautenfahrt" die Stationen abendländischen Schicksals vorbeiziehen. Thomas Mann baut in 'Doktor Faustus" zumindest das Szenarium einer geschichtlichen Tragödie auf.

     
Während im Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg der bit» tere Moralismus der jüngeren Generation eine dem Religio» sen feindliche Stellung bezog und das Rot revolutionärer Anschauung wider das Schwarz der Reaktion ausspielte, übernimmt nach dem Zweiten Weltkrieg der religiöse Moralismus vorübergehend die Führung und liefert nicht selten den Revolutionären das Motto. 'Die Freiheit des Gefange» nen" von Edzard Schaper wäre für einen religiösen Roman der zwanziger Jahre ein ebenso ungewöhnlicher Titel ge= wesen wie 'Du sollst nicht töten" und 'Sie fielen aus Gottes Hand" als Titel sozialistischer Romane. Die Annäherung der beiden Lager ist einmal bedingt durch den Zerfall der weltanschaulichen Gehäuse, zum andern durch die brennen« de Aktualität der moralischen Frage. Während der religiöse Roman sein Verweilen in unzeitgemäßer Distanz wettmacht, führt der Moralist die Ideologie auf den Menschen zurück und stößt — da er utopischen Wunschträumen endgültig abgesagt hat — auf uralte moraltheologische Probleme. Ein Schlaglicht auf die herrschende Situation wirft jener Vorfall im Bundestag, als anläßlich der Debatte über die all* gemeine Wehrpflicht ein Abgeordneter der Christlich=De= mokratischen Partei in der Frage der Gewissensfreiheit der Opposition Argumente lieferte.
      Die Ãœberwindung der geschichtlichen zu Gunsten der mo= ralischen Frage spiegelt sich auch im Werk jener Dichter, bei denen bis zum Krieg Kultur und Religion in einem zwar heiklen, aber unauflöslichen Zusammenhang standen. 'Die Letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort trug in Stil und Einkleidung der Kulturatmosphäre des i8.Jahrhun= derts Rechnung. In dieser historischen Novelle stand die aktuelle Gewissensfrage vor einem zeitlich abgerückten Hintergrund — und nicht zuletzt diesem Umstand war ihr Pathos zu danken.
      Dagegen wird in zwei Novellen, die nach dem Kriege er» schienen, der aktuelle Bezug ausdrücklich hervorgehoben. In der Novelle 'Am Tor des Himmels" geschieht das auf nicht eben glückliche Weise durch eine Rahmenhandlung, mit der ein theoretischer Beweis angestrebt wird. Die andere Novelle 'Die Frau des Pilatus" entfaltet den Gegensatz zwischen Christus und Caesar aus den Worten des 'Credo". Ein Vergleich zwischen dem frühen Roman 'Das Schweiß» tuch der Veronika" und der nach dem Krieg erschienenen

Fortsetzung 'Kranz der Engel" zeigt am deutlichsten den vollzogenen Umschwung. Enzio ist jetzt die Verkörperung dämonisierter Geschichtsmacht, Veronika die Verkörperung des Glaubens.
      In allen drei Werken liegt der Akzent auf einer Krisis, die in der Geschichte immer wieder ausgetragen wird. Doch im Gegensatz zu früheren Werken von Gertrud von Le Fort, in denen geschichtliches Interesse dem religiös=moralischen die Waage hielt, wird jetzt der historische Vorwurf gleich» sam übersprungen, so daß die These unverhüllt hervortritt. Diese Abspaltung der innermoralischen Frage von der ge= schichtlichen Situation ist auch in den Romanen von Edzard Schaper immer wieder zu beobachten. Die Dimension der äußeren Fabel tritt zurück vor der inneren Dimension der Gewissenserforschung. Da der geschichtliche Vorgang zu nichts anderem bestimmt ist, als den inneren Vorgang aus» zulösen, werden seine Träger vertauschbar. Bemerkenswert ist, daß sich hier Geschichte und Religion auf ähnliche Weise scheiden wie Gesellschaft und Person im moralischen Ro= man.
      Der 'Lennacker" von Ina Seidel brach um die Jahrhundert» wende ab. Die Erlebnischronik des Kriegsheimkehrers aus einem vielzähligen Pfarrergeschlecht führte nicht über den Weltkrieg hinaus.
      Auch in dem ergänzenden Roman 'Das Unverwesliche Er» be", der eine eigenartige Verschmelzung des 'Wunschkind" und des 'Lennacker" ist, wird diese Schwelle nicht über» schritten. Und doch ist im Vergleich mit dem früheren Ro= man ein Wandel zu beobachten.
      Zwar spielte schon im 'Lennacker" der Gewissenskonflikt, um den es im 'Unverweslichen Erbe" fast ausschließlich geht, eine leitmotivische Rolle. Doch war er als Leitmotiv jeweils einer Epoche zugeordnet, die im Kampf um die Ge= Wissensfreiheit, im Kampf wider die Schmach der Hexen» prozesse, im Kampf um die Aussöhnung zwischen Religion und Bildung, im Kampf um die sozialen Rechte in Form persönlicher Entscheidung den Geist der Geschichte vertrat. Von Fortschrittsreligion zu sprechen, wäre zuviel. Daß aber dem evangelischen Pfarrer gebührt, die vorwärtsdrän» gende Entwicklung in die Obhut persönlicher Gewissensver» antwortung zu nehmen, liegt der Chronik der zwölf Männer als Bekenntnis unübersehbar zugrunde.

     
Im 'Unverweslichen Erbe" wird diese Linie nicht zu Ende geführt. Der missionarische Gedanke Lennackers kommt durch seinen frühen Tod auch im Roman zum Erliegen. Der Gewissenskonflikt wird zu einem tragischen Ehekonflikt, der nicht so sehr der geschichtlichen als der privaten Sphäre angehört. Bemerkenswert ist, daß sich auch für Jochen Klep= per die geschichtliche Tragödie zur häuslichen zusammenzog und daß er ein Romanfragment 'Das Ewige Haus" hinter» lassen hat, das einen Ansatz des immer geplanten Luther» Romans darstellt.
      Die intime Version des Lennacker»Stoffs, der sich hier nicht mehr als geschichtliches Panorama, sondern als seelisches Interieur entfaltet, macht die Wende sichtbar, die im religi= Ösen Roman eingetreten ist. Zwar — auf ein Entweder=Oder ist die Fragestellung hier nicht zugespitzt. Das Thema der 'Una Sancta" wird gelegentlich angetönt. Doch an ihre Ver» wirklichung glauben hieße an jenen Geist der Geschichte glauben, der künftige Erfüllung im wagemutigen Vorgehen einzelner ankündigt. Von diesem Geschichtsoptimismus nimmt Ina Seidel bereits im 'Lennacker" Abschied. An seine Stelle tritt im 'Unverweslichen Erbe" der Natur» glaube, der in Charlotte Dornblüh, der 'anima naturaliter christiana" seine schönste dichterische Verklärung findet. Dieser Glaubenswechsel, der zugleich ein Hinüberwechseln vom männlichen zum weiblichen Pol ist — man denke auch an die 'Frau" des Pilatus bei Gertrud von Le Fort! — pflegt auf große Geschichtskatastrophen zu folgen. Auch Nossack läßt in seiner Novelle 'Nekyia" den weltfremd gewordenen Geist zur Mutter heimkehren und den ihr angetanen Frevel büßen. Auch Döblins 'Hamlet" sucht die Wahrheit bei der Mutter.
     

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