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Der provisorische Charakter des Begriffs Nachkriegsliteratur



Die Jahreszahl 1945 ist der Markierungspunkt, an dem wir einsetzen. Doch wäre es falsch, wollten wir mit 1945 eine Epoche der Literatur beginnen lassen. Wer aus den ersten Nachkriegsjahren nicht nur die leibliche Not, sondern den Lesehunger im Gedächtnis behalten hat, der weiß, daß es ein zögernder und schon fast unwahrscheinlich gewordener Frühling war, der in der Literatur ausbrach. 'Neue Studien" und 'Doktor Faustus" von Thomas Mann, 'Das Glasperlenspiel" von Hermann Hesse, 'Die Stadt hinter dem Strom" von Hermann Kasack, 'Das Unaus= löschliche Siegel" von Elisabeth Langgässer waren Bücher, um die sich die ersten literarischen Gespräche entspannen. Kafka, Broch, Hans Henny Jahnn und andere folgten erst ein paar Jahre später. Die Heidelberger Zeitschrift 'Die Wandlung" brachte Aufsätze von Karl Jaspers, Alfred We= ber, E. R. Curtius, Dolf Sternberger, vermittelte Lyrik von T. S. Eliot und Gedichte von Marie Luise Kaschnitz. Die Baden=Badener Zeitschrift 'Lanzelot" schlug Brücken zur französischen Literatur der Gegenwart. Die Münchener Zeitschrift 'Deutsche Beiträge" ließ Rudolf Borchardt, Ru= dolf Alexander Schröder, Hermann Hesse, Ernst Penzoldt, Georg von der Vring und andere zu Wort kommen. Werner Bergengruens Gedichtkreis 'Dies Irae" ging zunächst als Manuskript von Hand zu Hand. In Vorträgen, die oft erst viel später gedruckt wurden, bei Lesungen in kleinem Kreis, bei Vorstellungen auf Behelfsbühnen wurden nicht so sehr Programme entworfen, versteckt gehaltene Manuskripte zu Gehör gebracht, neue Stücke aus der Taufe gehoben, als Bestände gesichtet, Grundfragen religiöser und humanitärer Art erörtert, literarische Auferstehungen gefeiert. Die Spaltung Deutschlands war noch nicht ins Bewußtsein gedrungen. Der Roman von Anna Seghers 'Das siebte Kreuz" wurde hüben wie drüben mit gleicher Anteilnahme gelesen. Ricarda Huch präsidierte einem Kongreß, der Schriftsteller der Ost= und Westzone im gleichen Saal ver= einigte.



      'Der Ruf" war das Organ der jungen Generation. Doch blieben in einem Zustand, da sich die Dinge noch mitten im Fluß befanden, angesichts von Gruppen, die ebenso schnell zerfielen, wie sie sich gebildet hatten, von Projekten, die zumeist ins Blaue gingen, Protest und Programme der jün» geren Generation improvisierende Kritik aus dem Augen* blick.
      Ein Rückblick auf das zusammengewürfelte Mosaik jener Tage, das sich von Tag zu Tag verschob und in zahllosen Bruchstücken das allgemeine Chaos abspiegelte, läßt die Schwierigkeit erkennen, mit der jede Betrachtung der Nach» kriegsliteratur zu kämpfen hat.
     

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