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Der Kriegsroman



In den Kriegsromanen der zwanziger Jahre ging es noch um die Einstellung zum Krieg als moralisches Phänomen. Schelers patriotischer Beitrag zur Phänomenologie des Welt= kriegs: 'Der Genius des Kriegs und der deutsche Krieg" ist heute weithin vergessen. Aber auch die pazifistische Litera= tur hat an Wirkung eingebüßt. Den Krieg als blutigen Un= sinn erkennen heißt für den heutigen Schriftsteller nicht, an die Möglichkeit seiner Ãœberwindung glauben. Das hieße nämlich, an die moralischen Kräfte im Menschen, an seine innere Ãœberlegenheit glauben, und gerade dieser Glaube ist am tiefsten erschüttert. Die idealistische Utopie einer bes= seren Welt hat an Kredit verloren.



      Ãœberblickt man die Kriegsliteratur nach 1945, so stellt man geschärfte moralische Bedenklichkeit fest. So in dem Ro= man 'Die Galeere" von B. E. Werner. Die Schuldfrage wird nicht mehr geschichtlich gefaßt. Wenn Hermann Hesse zum Ersten Weltkrieg kritisch bemerkt, das wirtschaftlich aufstrebende deutsche Volk habe sich in den Konkurrenz» kämpf mit der übrigen Welt gestürzt und darüber seine geistige Eigenart vergessen, so würde eine solche Argu= mentation, wie sie 1919 niedergeschrieben wurde, heute nicht mehr verfangen. Die theoretische Kritik der ge= schichtlichen Entwicklung wird für den konkreten Einzel fall abgelehnt. Denn eben die Ãœbersicht des theoretischen Kritikers ist für den konkreten Zeitgenossen nicht gegeben, der sich — ehemaliger Offizier für die Wiedereinführung der Wehrmacht entscheidet, oder — Beamter und Familien= vater — seinen Beitritt zur Partei erklärt. Theoretisch nach= weisbare Fehler geben innerhalb der persönlichen Proble» matik keinen Ausschlag. Vielmehr zeigt sich, daß die Besei= tigung gewisser Ordnungselemente einen dynamischen Schub erzeugt, der nicht so sehr moralisch=ideologisch als typologisch zu werten ist.
      Der junge Österreicher Herbert Zand hat in seinem Kriegs» roman 'Letzte Ausfahrt" die Situation der Eingekesselten dargestellt. Es ist ihm gelungen, im 'Kessel" die extreme Steigerungsform des totalitären Machtstaats sichtbar zu machen. Bei Kriegsende war ganz Deutschland in einem Kessel gefangen. Der Befehlsstand des 'Führers" befand sich im Bunker.
      Gert Ledig hat zwei Kriegsromane geschrieben, die in einem ähnlichen Verhältnis gegenseitiger Ergänzung stehen wie totalitärer Kessel und Frontkessel bei Zand: 'Die Stalin= orgel" und 'Vergeltung". Das eine Buch spielt an der Front, das andere in der Heimat. Doch haben die Begriffe Front und Heimat ihren Sinn verloren. Es gibt nur noch geschlos= sene Kessel, in denen das Leben unter dem massierten Ein= satz technischer Zerstörungsmittel anarchische Formen an» nimmt. Ohnmächtig, der Gewalt zu entrinnen, zerfleischen sich die Eingekesselten gegenseitig. Lebens» und Todes» rausch fließen ineinander. Die Toten werden aus der Erde gepflügt, die Lebenden frißt das Feuer. Auch bei Ledig wird — wie bei Hartlaub — der Bericht zum Kommentar des Augenzeugen. In der 'Stalinorgel" ist der kalt distanzierende Stil besser getroffen als in 'Vergel= tung". Die absichtsvolle Stilisierung des zweiten Buchs — mit eingeblendeten Lebensläufen — gemahnt an dadaistische Experimente. Die mechanische Auslösung technischer Kata= Strophen wird durch artifizielle Kunstmittel in der Wirkung abgeschwächt. Der Schriftsteller sollte sich nicht des unper» sönlichen Schalthebels bedienen, sondern die Gegenpartei des Menschen ergreifen.
      Der breit angelegte Roman 'Das geduldige Fleisch" von Willy Heinrich ist die Saga einer Kampfgruppe im Osten, die nur noch um ihr nacktes Leben kämpft. Auch hier wirddie Schuldfrage nicht in allgemeiner Form gestellt, sondern an die persönliche Haltung des Einzelnen verwiesen. Hein» rieh läßt den menschlichen Anstand vor der Gesinnungs» färbe rangieren und stellt so die moralische Autonomie des Menschen wieder her. Während Ledig in Gefahr steht, das technische Formprinzip der Montage zu überschätzen, läßt Heinrich die Frage nach der adäquaten Form allzu sehr außer Acht.
      Inmitten der totalen Vernichtung, die Menschen und Mate= rial zur Masse einstampft, erscheinen zwar auch bei Gert Ledig immer wieder Menschen, die instinktiv das Richtige tun. Eine Frau hält mit Humor und derber Kraft den jungen Werwolf zurück, der sich um jeden Preis in den Hexenkessel stürzen will, ein Offizier teilt das Schicksal seiner Männer, die Leute in einem Luftschutzbunker haben spontanes Er= barmen mit dem abgeschossenen amerikanischen Flieger. Aber wie viele Verfasser von Nachkriegsromanen will er in jene Tiefe greifen, in der die irrationale Voraussetzung der Moral wurzelt. So greift er zu tief, und die Moral wird dadurch abstrakt. Das Moralische vor jeder Moral ist eine Fiktion, die vergessen macht, daß auch unsere spontanen Handlungen geschichtlich imprägniert sind. Den Auftakt zu dieser Art von Kriegsromanen bildete W. Kolbenhoffs menschlich packendes Buch: 'Von unserem Fleisch und Blut". Der Roman von Hans W. Pump 'Vor dem großen Schnee" reduziert die Vorgänge beim Partisanenkrieg im Osten auf die nackte — man könnte auch sagen — die physische Moral, wie Gert Ledig in seinem Roman 'Vergeltung". Wenn aber die Situation, in die Teilnehmer des letzten Krieges, die das Regime ablehnten, auf deutscher Seite gerieten, unweiger» lieh zu moralisch abstrakter Haltung führte, so ist doch die Ausweitung dieser Situation auf den Krieg überhaupt eine fragliche Sache. Der Resistance=Roman in Frankreich schil« derte den Widerstand gegen einen bestimmten Feind. Die Partisanen kämpften nicht nur aus primitiven Beweggrün» den. Die Gefahr des deutschen Nachkriegsromans besteht darin, daß eine totale Situation ohne bestimmbaren Gegner konstruiert wird.
      Dieser Konstruktion verfällt auch Jens Rehn in den zwei Büchern, die bisher von ihm vorliegen: 'Nichts in Sicht" und 'Feuer im Schnee". In dem ersten treiben ein deutscher und ein amerikanischer Flieger, beide abgeschossen, im Schlauchboot auf offener See. In dem zweiten durchreitet ein vertriebener Mann in der allgemeinen Auflösung bei Kriegsende das Vakuum zwischen den Fronten im Osten. Rehn ist ein packender Erzähler, dem man einen handfesten Stoff wünschen möchte. Die Fiktion, der er in beiden Ro= manen huldigt, liefert insofern trügerische Ergebnisse, als die Verflüchtigung von Besitz, Stand und Gewohnheit zwar im Augenblick mit jeder Vergangenheit reinen Tisch zu machen scheint, daß sie aber doch nur die optische Täu= schung eines Augenblicks ist. Diese Situation ist ebenso wenig geeignet, über die gesamte Kultur den Stab zu bre= chen, wie die Atonie eines Magens, der die Nahrung ver= weigert. Hätte der Krieg die gesamte Tradition de facto bereinigt, so könnte der Autor seine Vision nicht einmal als Buch herausgeben. Die jüngere Generation ist geneigt, die Zählebigkeit kultureller Gewohnheiten im selben Maße zu unterschätzen, wie sie früher überschätzt wurde. Treffsicher und ausgewogen als Komposition ist der Kriegs* roman von Michael Horbach 'Die verratenen Söhne". Er schildert den Rückzug einer Kampfgruppe in den letzten Monaten vor Kriegsende, ihre verzweifelten Bemühungen, sich den Einschließungsbewegungen der Russen zu entzie= hen, ihre Verzweiflung am Leben überhaupt, das der Krieg in der Wurzel verdorben hat. Doch wird hier die Monoto= nie, der Ledig verfällt, durch geschickte Einblendungen überwunden. Horbach blendet vor und zurück. Er zeigt, wie es zu der hoffnungslosen Situation seiner Kameraden kam, und was sie nach dem Krieg erwartet. Der Kontrast zwi= sehen bloßem Material, in das der Krieg den Menschen ver= wandelt, und persönlichem Schicksal, das jedes dieser Mas= senteilchen dennoch zu tragen hat, verschafft Horbachs Buch die erschütternde Wirkung. Er zeigt den einen, der als Hitlerjunge jüdische Geschäfte plünderte, im Jahr der Wäh= rungsreform mit den Polen Schwarzhandel treiben. Er nimmt in der Phantasie Perspektiven voraus, die in Wirklichkeit der Tod unterbrochen hat. Er läßt die Sprache der Propa= ganda zu den Ereignissen ihren laufenden Kommentar lie= fern. Nichts könnte wirkungsvoller sein. Haben doch schon Walter Benjamin und Karl Kraus ihre Kritik immer mehr darauf abgestellt, die Sprache zu entlarvender Selbstaussage zu bringen, indem sie Schlagworte und Phrasen einfach zitierten.
      Außer dem Roman der deutschen Luftwaffe von Gerd Gaiser, auf den wir an anderer Stelle zurückkommen, gibt es jetzt auch einen Roman der deutschen Marine , der in Machart und Mischung an den Roman von Wouk: 'Die Caine war ihr Schicksal" erinnert.
      Den populärsten Erfolg errang Hans Helmut Kirst mit sei= nem Roman 'Null acht fünfzehn", dessen Anstrich gerade so antimilitaristisch war, daß man die Sache auch wieder nicht so schlimm finden konnte.
      Der Roman 'Woina Woina" von Curt Hohoff, auf den wir in anderem Zusammenhang zurückkommen, entrollt in Ta= gebuchform ein packendes Bild des Angriff skriegs im Osten, mit guter Schilderung der Typen und Milieus und interes= santen geschichtlichen Durchblicken. Doch schwächen die eingeschobenen militärtheologischen Spekulationen die Wir= kung — zumindest für den dezidierten Kriegsgegner — er= heblich ab. Hohoffs Reservatio mentalis, daß es an der Würde des Soldatenstandes nichts ändere, möge auch die Führung notorisch schlecht und korrupt sein; daß Gott sich vorbehalte, welche Kriege er führen wolle und daß somit, unbeschadet der Initiative eines Wahnsinnigen, auch der Feldzug im Osten in einem höheren Sinne gerechtfertigt sei, zeigt, wie auch hier die religiöse Moral von dem wirklichen Geschehen abstrahiert wird.
      Diese Spaltung trat bereits in dem ersten Kriegsroman nach 45 zutage: in Hans Werner Richters Buch aus Krieg und Gefangenschaft: 'Die Gezeichneten". Es stellt das Schicksal jener Generationsgruppe dar, die, obwohl antifaschistisch, zum Kriegsdienst unter Hitler einberufen wurde. Im Laufe der amerikanischen Invasion auf der Apenninenhalbinsel gerät der Held des Romans in Kriegsgefangenschaft. Doch anstatt den verhaßten Komplizen, dem er wider eigenen Willen gehorchen mußte, endlich los zu sein, wird er jetzt erst recht mit ihm verkoppelt, ja an ihn ausgeliefert. Die bittere Erfahrung, daß es auch für den Andersgesinnten kein Ausbrechen aus dem deutschen Schuldkomplex gibt, treibt Richter zu einem dogmatischen Moralismus, der von Ressentiment nicht ganz frei ist.
      Nach dem Ersten Weltkrieg gab es den sozialistischen Pazi= fismus, den am stärksten Henri Barbusse vertrat. Richter glaubt zwar auch an eine sozialistische Ordnung in der Zukunft, aber sie basiert für ihn nicht mehr auf einem ursprünglichen Rechtsbewußtsein im Menschen. Sozialismus, der den Glauben an immanente menschliche Qualitäten auf= gibt, ist wie ein überwölbendes Dach ohne tragende Grund» pfeiler. Sozialistische Ordnung beruht dann nicht mehr auf dem freien Entschluß jedes Einzelnen, sondern auf dem Reglement des Dogmatikers, der Menschen zu ihrem Glück zwingt. Je weniger der einzelne gilt, umso strenger muß die Ordnung auftreten.
      Gesellschaftskritik, die Richter immer wieder — und zwar mit Recht — fordert, kann ohne den Glauben an Ursprung» liehe Qualitäten im Menschen nur auf eine gesellschaftliche Zwangsverfügung hinauslaufen. Was dem einzelnen ab» gesprochen wird, kommt dann der Paragraphenordnung eines Reformprogramms zugute.
      So ist das Unbehagen zu erklären, das uns bei der Lektüre von Richters Thesenromanen befällt. Er bestreitet seine Montage mit demontierten Menschen. Er suggeriert uns die Ãœberzeugung, daß der Einzelne ohne sozialen Stellenwert gleich Null ist. Der Titel 'Sie fielen aus Gottes Hand" spielt auf Gott als den Monarchen der bürgerlichen Gesellschaft an. Bei Richter wird aus der Utopie mechanische Zwangs» Vorstellung. In dem Maße, wie er den sozialen Stellenwert überschätzt, mit dem der Mensch alles verliert, im selben Maße überschätzt er die utopische Gesellschaftsordnung, die ihm den Stellenwert zurückerstatten soll. Es ist bezeichnend, daß Richter auf die Gesellschaftskritik der zwanziger Jahre zurückgreift. Doch geht er mit ihren Voraussetzungen nicht mehr einig, zumal die tatsächliche Entwicklung die Mehrzahl der damaligen Utopien deinen» tiert hat. So bleibt Moralismus die einzige Instanz, vor die kritische Befunde gebracht werden können. Der Sozialismus gerät in die Enge zwischen Revolution und Restauration. Die einzige Handhabe der Kritik sind verpaßte Gelegen» heiten. Dem ehernen Gang der Dinge werden Rückzugs» gefechte geliefert, weil die Revolution in Mißkredit geraten ist. An die Stelle der utopischen Idee tritt das totale Miß» vergnügen, das sich an restaurativen Tendenzen aufstachelt. Die Entwicklung vom revolutionären Sozialismus zum pro» testierenden Moralismus zeigt den Verlust des utopischen Ideals auf einem anderen Gebiet. Das künstlerische Werturteil wird von dieser Lage nur in»direkt berührt. Wolfgang Koeppen, Arno Schmidt, Alfred Andersch, Wolfgang Weyrauch, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, haben jeder sein eigenes Profil. Prin= zipientreue ist künstlerisch nicht erregend, sondern erregend ist die Spannung zwischen theoretischer Erkenntnis und dichterischer Umformung. In Richters erstem Roman — 'Die Gezeichneten" — ist die schöpferische Spannung noch am stärksten. In 'Sie fielen aus Gottes Hand" wird ein fahr» planmäßig festgelegtes Schema aufs exakteste befolgt. Ge= wisse Abschnitte sind fesselnd dargestellt; das Gesamtmuster läßt uns kalt. 'Spuren im Sand" hat ein paar Spannungsmo» mente, die dem Autor bei der Schilderung seines Werde» gangs fast wider Willen entschlüpfen, aber auch hier sucht er mehr, durch Effekte zu überreden als durch schlichte Wahrheit zu überzeugen.
      Richter gehört zu jenen Schriftstellern, die nicht den Mut aufbringen sich hinzusetzen und einfach zu schreiben, in der Ãœberzeugung, daß im Vorgang des Schreibens die Ak= tualität schon beschlossen liege, sondern die Aktualität von der These, der Tendenz, dem Verfahren erborgen. Das Ergebnis sollte sie eines Besseren belehren. Denn immer an Stellen, wo Richter vergißt, in welcher Absicht und zu welchem Zweck er schreibt, wo er sozusagen kein Publikum mehr hat, gelingen ihm Szenen und Figuren, die jede auch noch so aktuelle Tendenz in den Schatten stellen, weil sie dichterisch aktuell sind. So die Gestalt der Mutter in 'Spu= ren im Sand", die sentimentalen Erinnerungen der Kriegs» gefangenen auf der Ãœberfahrt in den 'Gezeichneten"; so das letzte Kapitel in dem Roman 'Du sollst nicht töten". Gerade die Frauengestalten sind bei Richter mit einem ver» hehlten Gemütsanteil dargestellt, der sonst der Theorie zu« liebe verdrängt wird.
     

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