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Die avantgarde der 60er und 70er jahre

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Macht und Magie der Worte Zur Funktion des Schreibens im Werk Annie Ernaux'



Die Schriften Annie Ernaux' bieten dem Leser eine neue Art von Literatur. Sie verbinden soziologische und biographische Elemente, entwerfen ein Bild der Autorin über sich selbst, ihre Eltern und ihre soziale Lebenswelt. Die Lehrerin und Schriftstellerin wuchs als Tochter einer Kleinhändlerfamilie in Yvetot en Seine-Maritime auf. Mit distanziertem und beobachtendem Blick schildert sie in La place und in Unefemme den Habitus ihres Vaters, ihrer Mutter, sowie ihr eigenes Verhalten, Fühlen und Denken. Les armoires vides , Ce qu'ils disent und La femme gelee , ihre ersten drei Romane, befassen sich mit ihrer Schul-und Studienzeit, ihrer Pubertät, ihren ersten erotischen Erfahrungen und mit ihrer Ehe. Dir spezifischer Lebensweg ist also gleichzeitig Motivation ihres Schreibens. Kernproblem der letztgenannten Romane ist das Gefühl der durch ihre soziale Herkunft gezeichneten Erzähler-Protagonistin, anders und minderwertig zu sein. Sie fühlt sich von der bürgerlichen Lebenswelt ihrer Schul- und Studienfreunde, bzw. von der ihres Mannes isoliert. Dieses Sich-anders-erleben spaltet ihr Leben in zwei Welten.



      Dabei spielt die Sprache eine besondere Rolle. Denn es war ihr eigener Sprachgebrauch, der sie von ihren Mitschülern entfernte. Die Worte, die sie von ihren Eltern erlernt hatte, machten sie zum Gespött ihrer Lehrer und Mitschüler; eine Demütigung, die sie mit guten Noten, also mit mehr Wissen als ihre Mitschülerinnen auszugleichen versuchte. Auch hierbei kam der Sprache eine entscheidende Funktion zu. Denn es gelang ihr, sich mit ihrer Hilfe aus der begrenzten Welt ihrer Eltern und aus ihrem sozialen
Milieu zu befreien. Ãober die Sprache verschaffte sie sich Zutritt zu anderen Wirklichkeiten. Sie lebte in den Heften und Büchern, in der Literatur, die sie las; transponierte fiktive Welten in ihre Lebensrealität. Ein Satz Albert Camus' motivierte ihren Entschluß zur Heirat4, Worte und Phrasen traten den später in ihr aufkeimenden Zweifeln an ihrer Ehe entgegen. Die Schuldgefühle erweckenden Sätze eines Ratgebers für Kindererziehung ließen sie zur perfekten Ehefrau und Mutter werden.
      Wie diese Autorin mit Sprache umgeht, was sie mit Sprache macht und was die Sprache mit ihr macht, scheinen mir für dieses Werk deshalb interessante und zentrale Fragen zu sein. Denn der Umgang mit Worten und die Worte selbst prägen nicht nur ihr Werk, sondern auch ihr Leben. Soziolekt, Sätze und Worte spielen in allen ihren Büchern eine auffallend wichtige Rolle7, sie determinieren die Lebenswelt der Autorin und ihrer Familie. Bereits ihre Mutter versuchte deshalb den ihre Inferiorität anzeigenden Patois abzulegen8; die Erzähler-Protagonistin erfuhr seine abwertende Wirkung in vollem Umfang:

Toutes les humiliations, je les mets sur leur compte, [...] c'est ä cause d'eux qu'on s'est moqu de moi. Leurs mots dont on me dit qu'ils sont l'incorrection meme, 'incorrect', 'familier', 'bas'. [...] La faute, c'est leur langage ä eux [...].
Die Sprache erscheint also als Stigma des Menschen, das er nur schwer ablegen kann. So sprudelt sie auch nicht unbeschwert hervor, sondern Sprechen wird aus Angst, sich zu verraten, zur Qual: "Toujours parier avec precaution, peur indicible du mot de travers, d'aussi mauvais effet que de lächer un pet". . So erstaunt es auch nicht, wenn die Autorin in La place die Sprache schließlich als "motif de rancoeur et de chicanes douleureuses" bezeichnet .

      I.
      Dieses Dilemma begann in der Schule. Die Wörter, die sie dort hörte, erschienen ihr fremd und unwirklich. Die wirkliche Sprache schien es nur bei ihr zu Hause zu geben, weil sie die Worte, die sie in der Schule hörte, in ihrer Lebenswelt nicht nachvollziehen, nicht wiedererkennen konnte:
Le vrai langage, c'est chez moi que je l'entendais, le pinard, la bidoche, se faire baiser, la vieille carne, dis boujou, ma petite besotte. [...] La maltresse parlait, parlait, et les choses n'existaient pas, le vantail, le soupirail, j'ai mis dix ans ä savoir ce que c'6tait.
Der Macht der Worte setzte Annie Ernaux jedoch bald ihren eigenen persönlichen Umgang mit Sprache entgegen. Zunächst versuchte sie den Gebrauch all jener Wörter, die sie verrieten, zu vermeiden. Sie achtete sorgsam darauf, sie nur zu Hause zu verwenden. Dann verschlang sie in einer grenzenlosen Lesegier neue Wörter; sie entnahm sie Romanen und einem Larousse, den ihr ihre Mutter schenkte. Das erworbene Vokabular offenbarte ihr eine neue Welt und ermöglichte ihr die Flucht aus der verhaßten Lebensrealität ihrer Eltern:
Mais les plus belies decouvertes, Celles qui me suivent, qui m'arrachent ä moi, dissolvent completement mon entourage, c'est dans les livres de lecture, de voca-bulaire et de grammaire que je les fais. [...] Ces livres ne parlent pas comme nous, ils ont leurs mots ä eux, leurs tournures qui m'avertissent d'un monde difförent du mien. [...] Ces mots me fascinent, je veux les attraper, les mettre sur moi, dans mon ecriture. [...] c'etait pour vivre dans un monde plus beau, plus pur, plus riche que le mien. Tout entier en mots. Je les aime les mots des livres, je les apprends tous.
So begann eine andere Sprache in ihr heranzureifen, die sie dem sie benachteiligenden Wortschatz eines Tages geballt entgegenschleudern sollte. Er lieferte ihr die Kennworte, welche ihr den Zugang zur Welt ihrer Mitschüler, also zu einer höheren sozialen Klasse eröffnen sollten:
Je porte en moi deux langages, les petits points noirs des livres, les sauterelles folles et gracieuses, ä cöte des paroles grasses, grosses, [...] je recitais les pages roses [du Larousse], la langue d'un pays imaginaire... C'&ait tout aitificiel, un Systeme de mots de passe pour entrer dans un autre milieu.
Dieser 'zweite Sprachschatz' hatte enorme Wichtigkeit für ihr Innenleben, denn in ihm konnte sie ihr Wunsch-Ich finden. Mit ihm schaffte es die Autorin auch, ihre Wirklichkeit anders zu erleben. Er übertönte selbst das grelle Stimmengewirr des Krämerladens, der Barkundschaft und das Kreischen ihrer Mutter. Er verwandelte die traurige Fassade des Cafe-epicerie ihrer Eltern in ein schönes Etablissement im vornehmen 16. Pariser Bezirk. Die wunderbare Sprache ihrer Lektüre brachte sie sogar, wie sie selbst formulierte, auf die Idee, die Wirklichkeit ihrer Lebensrealität anzuzweifeln: "L'epicerie-cafe, mes parents n'etaient certainement pas vrais" . Ganz ähnlich wirkte die 'richtige Literatur' - damit meinte sie die ihrer Lehrer -, der sie sich später zuwandte. Sartre, Kafka, Simone de Beauvoir, mit deren Helden sie sich identifizierte13, machten sie trunken und entrissen sie ihrer unmittelbaren Umwelt: "c'est pas du vrai, juste un arrangement du au hasard et je n'y suis pour rien . [...] La verite, eile etait ecrite noir sur blanc, dans les livres [...]". .
      Von dieser magischen Macht der Sprache blieb sie ihre ganze Jugend hindurch überzeugt, immer wieder versuchte sie sich deshalb, auch noch während ihrer Studienzeit, mit Hilfe von Worten Zutritt zur Welt ihrer Kommilitonen zu verschaffen. Der Gedanke, durch das Erlernen von Wörtern - sie verwendet dabei häufig das Verb avaler les mots - den anderen gleich zu werden oder ihnen überlegen zu sein, wurde zur Obsession.
     

  
Durch den Soziolekt ihres Elternhauses, durch Worte gedemütigt, konnte sich Annie Ernaux folglich auch nur durch Manipulation dieser Worte befreien. Sie lernte sie beherrschen, tauschte sie aus, um ein anderer Mensch werden zu können; ein Ziel, das sie schließlich triumphierend erreichte, als einer ihrer Mitstudenten ihr zurief "vachement relaxe, cette fille, [...]". Diese Worte erlösten sie von der klebrigen Aura ihres sozialen Milieus, denn "9a ne se dit pas des pequenaudes, des pouffiasses" . Sie retteten sie15, linderten die vielen Demütigungen, die sie erduldet hatte, und bewiesen ihr, nun endlich wie die anderen Mädchen zu sein; von da an konnte sie ohne Angst sprechen.

     
   [...] je suis libre. Dans l'armoire ä glace, je me trouve 'relaxe', 'decontractee', le reve, la queue de cheval lisse, le jupon ballonne les ballerines alertes. Ma fete, eile vient par tous les bouts. Je suis sortie de la giguasse, de la grande envieuse que j'ötais. Je peux ouvrir la bouche sans crainte, il n'en sort plus ces bouts de phrases de la maison, ces intonations qui classent [...] j'ai aval£ l'argot des potaches, les mots de passe entre nous, [...]. Et puis maintenant j'ai l'impression que je ne pourrai plus revenir en arriere, que j'avance, ruisselante de litterature [...].
Einzelne Wörter sind für die Autorin so bedeutsam, daß sie sich selbst in ihnen widerspiegelt, ihre Person in ihnen ansiedelt; sie verleihen ihr Persönlichkeit: '"Denise Lesur', etudiante. Je m'installe dans ce mot, comme si je devais y rester toujours". . Möglich ist dies, weil Wörter für sie Räumlichkeit und Materialität besitzen; sie haben physische Kräfte, laufen ihr nach, dringen in ihren Bauch, in ihren Kopf ein. Schon als sie lesen lernte, erfuhr sie diese magischen Kräfte der zu entziffernden Sprache, die sie in andere Welten versetzte:
Un jour vient oü les mots de ses livres ä eile [ä sa mere] perdent leur lourdeur änonnante. Et le miracle a lieu, je ne lis plus des mots, je suis en Amerique, j'ai dix-huit ans, des serviteurs noirs, et je m'appelle Scarlett [...].
Sprache ist für die Autorin also ein Medium, in dem sich ihre reale Lebenswelt mit der Welt ihrer Romanhelden und den Aussagen ihrer
Freunde vermischt, so sehr, daß einzelne Sätze über ihr Leben entscheiden konnten. So erlebte sie herbe Enttäuschungen, wie beispielsweise die ihres ersten Kusses, den sie als grob und ungelenk empfand; er erstickte sie fast, weil ihm die 'Zärtlichkeit des Romans' fehlte. Auch ihre Ehe und Mutterschaft sollten ihr Leben nicht vervollkommnen, wie sie gehört und gelesen hatte.
      Ihre mühsam geschaffene 'Wortwelt' begann nun endgültig zu zerbröckeln. Sie war schon vor ihrer Ehe durch ihre erste Jugendliebe heftig erschüttert worden, durch Marc. Er hatte ihre Liebe zur Literatur als Realitätsflucht entlarvt und sie selbst zur Aufsteigerin degradiert, zur Träumerin, die ihre eigene Lage weder erkennen noch verändern könne.1» Die Wirkung dieser Attacke war fatal; sie fiel in das sie ausschließende, minderwertige Lebensgefühl ihrer Jugend zurück, fühlte sich wieder schwer und ungeschickt: "Le decarpillage par la parole, le plus terrible, au bout de deux heures, quelques danses bien encastrees de temps en temps, j'etais lourde, maladroite, ä plat devant lui". . Ihr Wundermittel, die Wortwelt ihrer Lektüre, mit deren Hilfe sie die Demütigungen und Selbstzweifel ihrer Jugend überstanden und bewältigt hatte, war systematisch demontiert worden. Doch bei dieser Zerstörung entdeckte sie etwas Neues, Richtungsweisendes: Marc war im Gegensatz zu ihr frei, er war nicht von Wörtern abhängig, ließ sich von ihnen weder kennzeichnen, noch bewerten; er stand über ihnen. So verkörpert Marc für die Protagonistin die Freiheit schlechthin:
Les deux pieds allong6s sur la chaise en face, il me disseque, [...]. Quelque chose d'enorme, une decouverte que je fais pour la premiere fois, il existe des types comme lui, [...] ä qui le monde ne fait pas peur, ä l'aise, une infinie liberte.
Ihre ersten drei Romane schildern also den Haß und Kampf der Autorin gegen ihren Soziolekt. Der Leser wird Zeuge ihres Leidens und Siegens, erlebt, eindrucksvoll beschrieben, aber auch die Fragilität ihrer künstlichen Wortwelt, in der sie ihre Identität wie in einem Glashaus zu entfalten begann.n.
      Die folgenden beiden Bücher weisen nun einen anderen Umgang mit Sprache und mit ihrem eigenen Schreiben auf. La place und Une femme lassen nichts mehr von jener chaotischen Lebens- und Lesegier erkennen.

     
Auch brechen die Worte ihrer Kindheit, die sie, wie sie in Les armoires vides formulierte, mit Milliarden von Worten aus Schulbüchern und Romanen zuzuschütten versuchte19, nicht mehr mit der an sie gebundenen Aggression hervor. Es handelt sich vielmehr um einen reflektierten und ordnenden Umgang:
En fait je passe beaucoup de temps ä m'interroger sur l'ordre des choses ä dire, le choix et l'agencement des mots, comme s'il existait un ordre ideal, seul capable de rendre une veiite concernant ma mere - mais je ne sais pas en quoi eile consiste - et rien d'autre ne compte pour moi, au moment oü j'ecris, que la dficouverte de cet ordre-lä.
In einem Interview mit Sma'in Laacher dazu befragt, sagte Annie Emaux, daß sie in Les armoires vides ihre verlorene Sprache wiederzufinden versuchte, um mit der dominierenden Kultur abzurechnen, zu der sie sich den Zutritt erkämpft hatte. Denn der Preis war hoch gewesen, sie hatte dafür ihre Herkunft, ihre kindliche Geborgenheit und sich selbst verleugnen müssen:

Je n'ai pu
Auf diese Weise beschwor sie die Lebenswelt ihres Vaters und damit ihre eigene Vergangenheit herauf. Sie sieht sie nun so, wie sie war, ohne Groll. Dabei hat sie das Bedürfnis, den Abgrund, der sich immer mehr zwischen ihr und ihrem Vater auftat, d.h. eigentlich zwischen ihrer Lebenswelt und seinem sozialen Milieu, zu erklären.
      [...] 'il faudra que j'explique tout cela'. Je voulais dire, ecrire au sujet de mon pere, sa vie, et cette distance venue ä l'adolescence entre lui et moi. Une distance de classe, mais particuliere, qui n'a pas de nom. Comme de l'amour separf.
Auch in Unefemme spricht sie von einer Analyse ihrer Erinnerungen: II y aura trois semaines que l'inhumation a eu lieu. Avant-hier seulement, j'ai surmontö la terreur d'&rire dans la haut d'une feuille blanche [...] 'ma mere est morte'. [...]. Je vais continuer d'ecrire sur ma mere. [...] Peut-etre ferrais-je mieux d'attendre que sa maladie et sa mort soient fondues dans le cours passe de ma vie, [...] afin d'avoir la distance qui facilite l'analyse des Souvenirs.
Schreiben bedeutet für Annie Emaux also ein Hinterfragen von Erinnerungen. Es ermöglicht ihr Distanz zu ihren Eltern und zu sich selbst. Zu Beginn von Une femme schreibt sie vom "terreur d'ecrire 'ma mere est morte'", etwa 20 Seiten weiter heißt es:
II y a deux mois que j'ai commence', en Ã"crivant sur une feuille 'ma mere est morte le lundi sept avril'. C'est une phrase que je peux supporter desormais, et meme lire sans eprouver une emotion differente de celle que j'aurais si cette phrase ötait de quelqu'un d'autre.
Um diese Distanz herzustellen und wahren zu können, kann sie nur langsam fortfahren, denn sie muß immer wieder ihre Erinnerungen protokollieren, sich auf das Wesentliche, auf eine gezielte Auswahl aussagekräftiger Details konzentrieren. So gelang es ihr schließlich, eine Auswahl an plastischen Wörtern, Gesten und objektiven Zeichen zusammenzustellen, die das Leben ihres Vaters und damit auch ihr eigenes kennzeichneten.
     

  
Auch für Unefemme benötigte sie mehr Zeit als sie geplant hatte, weil sie sich sehr ausführlich mit dem Arrangement ihrer Worte auseinandersetzte: Au debut, je croyais que j'feirais vite. En fait je passe beaucoup de temps ä m'interroger sur l'ordre des choses ä dire, le choix et l'agencement des mots [...].
Dieser achtsame, präzise Umgang mit Worten vermochte Ordnung in das Durcheinander ihrer Erinnerungen zu bringen. Er erlaubte ihr, Innen-und Außenwelt, Fiktion und Realität zu trennen und das statische Bild, das sie sich von ihrer Mutter gemacht hatte, von dem der Frau zu unterscheiden, die sie aufzog, - einer Frau mit einer eigenen Lebensgeschichte:
Pour moi, ma mere n'a pas d'histoire. Elle a toujours 6te lä. Mon premier mouvement, en parlant d'elle, c'est de la fixer dans des images sans notion de temps: 'eile etait violente', 'c'etait une femme qui brülait tout', et d'evoquer en desordre des scenes, oü eile apparait. Je ne retrouve ainsi que la femme de mon imaginaire, [...]. Je voudrais saisir aussi la femme qui a existe en dehors de moi, la femme reelle, nee dans le quartier rural d'une ville de Normandie et morte dans le Service de geriatrie d'un höpital de la region parisienne. [...] il s'agit de chercher une v£rite sur ma mere qui ne peut etre atteinte que par des mots.
Schreiben überbrückt also die Spaltung ihrer beiden Lebenswelten. Ihrer Aussage nach fühlte sich Annie Ernaux weder der verlassenen populären, noch der erreichten intellektuellen zugehörig. So griff die Autorin erneut auf das Medium Sprache zurück. Wie sie als Kind einst Wörter sammelte, um sich eine Wunschwelt zu bauen; später, um sich Zutritt zur Welt sozial höhergestellter Mitmenschen zu verschaffen, objektiviert sie in La place und Une femme nun die Sprache ihrer Kindheit. Nur in dieser neutralisierten Form kann sie sich mit ihr versöhnen und die an sie gebundene Gefühlswelt zurückgewinnen.
      Einmal führte sie die Macht der Worte also in eine fiktive Welt, das andere Mal zu einer geglätteten Betrachtung der Realität. Denn sie hatte ihre Eltern in ihrer Jugend nur über Worte, Gesten, Vorschriften und Verbote wahrgenommen. Erst durch ihre schriftstellerische Tätigkeit konnte sie sie als Menschen mit einem eigenen Schicksal betrachten. Dir Schreiben hatte ihr eine Distanz ermöglicht, in der sie ihre Eltern und sich selbst wie Fremde erforschte: "[...] j'essaie de decrire et d'expliquer comme s'il s'agissait d'une autre mere et d'une fille qui ne serait pas moi. Ainsi, j'ecris de la maniere la plus neutre possible [...]". {Unefemme, S. 62). Dabei wurden auch die in ihrer Kindheit negativ konnotierten Phrasen neutralisiert, sie hatten ihre Eltern reduziert und eingesperrt. In diesem Sinne sind die folgenden Ã"ußerungen zu verstehen: "II me semble maintenant quej'ecris sur ma mere pour, ä mon tour, la mettre au monde". ; oder "Entre ces mots, ces adjectifs ou ces adverbes, ces dictions, mon pere a ete enferme toute sa vie". Erst durch den Akt des Schreibens konnte die Autorin die soziale Realität und die Individualität ihrer Eltern wahrnehmen. Er rehabilitierte eine Lebensweise, die sie auf Grund sozialer Vorurteile als minderwertig empfunden hatte und denunzierte die mit ihrem sozialen Aufstieg verbundene Entfremdung.

     
   Bleibt noch kurz anzusprechen, wie man solche literarische Produkte einordnen kann; Produkte, die Biographisches, Soziologisches und Zeitgeschichte miteinander verbinden und die die Autorin nicht der Gattung Roman zugeordnet wissen will: "Ceci n'est pas une biographie, ni un roman naturellement, peut-etre quelque chose entre la litterature, la sociologie et lTiistoire". .

     
   Demnach ist ein Roman in den Augen der Autorin eine Kunst, die von Leidenschaften und Gefühlen getragen wird. Gefühle der Demütigung, des Hasses, der Verzweiflung und ein unbezwingbarer Lebenswille und Kampfesmut charakterisieren so auch ihre ersten drei Bücher. In La place und Une femme ist nichts davon zu verspüren; sie vermitteln Neutralität, wohl weil Annie Ernaux sie 'unterhalb' von Literatur schrieb: "Mais je souhaite rester, d'une certaine facon, au-dessous de la litterature". .
      Will sie mit dieser Formulierung die Distanz zu sich, zu ihrem Leben, zu ihrer Jugend, zu ihrem eigenen Schreiben zum Ausdruck bringen, die diese beiden Schriften charakterisieren? Eine neue Errungenschaft ihres Umgangs mit Worten, der ihre Freiheit erweiterte, der ihr, wie damals, als sie über Worte neue Welten in sich aufsog, andere Wirklichkeiten enthüllte? Wirklichkeiten, die sie in ihrer Jugend nicht sehen konnte, weil sie sie mit der Fiktion ihrer Bücherwelt verstellte? Sollen Une femme und La place vielleicht deshalb nicht Romane sein, weil sie in diesen beiden Büchern nach Realität und nach Wahrheit suchte, während sich ihre ersten drei mit ihrer Flucht aus der Wirklichkeit befaßten und mit der Suche nach einer Verwirklichung all jener literarischen Fragmente, die sie in sich trug?
Dann wären ihre beiden letzten Schriften Beispiele eines literarischen Schaffens, das sich selbst reflektiert und interpretiert; Beispiele einer neuen Art von Literatur, die sich objektiviert, die nicht Fiktion hervorbringt, sondern Realität - eine Realität, der durch ihre Erforschung Lebendigkeitverliehen wird. In der Tat definiert Annie Ernaux ihr Schreiben in diesem Sinne, nämlich als einen dynamischen Verstehensprozess. Das Motto Jean Genets, unter das sie La place stellte, verdeutlicht dieses Anliegen nur allzu deutlich: "Je hasards une explication: ecrire c'est le demier recours quand on a trahi". Ihr Schreiben konzentriert sich also auf das Verstehen, auf eine Suche nach innerer Wahrheit. Aus diesem Grunde distanziert sie sich auch von der Postmoderne, deren Werke in unantastbaren Wortmonumenten erstarren:
On döbat des sujets comme: 'Qu'est-ce que le roman?', 'Y a-t-il encore de grands romanciers?', 'Etes-vous postmoderne?', etc. Pour moi, l'esth&ique n'est pas une fin, c'est un moyen pour mieux atteindre quelque chose, realite, verite comme on voudra.

     
  

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