Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Die avantgarde der 60er und 70er jahre

Index
» Die avantgarde der 60er und 70er jahre
» Die mythecriture als commemoration: Von der Wiederholung des Gedächtnisses zur Wiederholung des Todes in Le medianoche amoureux. Zum Tournier der 80er Jahre

Die mythecriture als commemoration: Von der Wiederholung des Gedächtnisses zur Wiederholung des Todes in Le medianoche amoureux. Zum Tournier der 80er Jahre




Die Tourniersche Textproduktion der 80er Jahre ist gekennzeichnet durch die Tendenz zu einer immer stärkeren Verkürzung und strukturellen Vereinfachung der Geschichten, die die Autoreflexivität als zentrales Merkmal dieser postmodernen Schreibweise umso stärker hervortreten und transparent werden lassen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet nach einer ersten radikalen Auflösung des Mythenromans in eine Vielzahl von autonomen Geschichten in Gaspard, Melchior & Balthazar das aus zwei differentiellen Fassungen bestehende und damit bereits in sich dekonstruktiv verschobene Doppelwerk aus kurzen Geschichten, Le medianoche amoureux und Les contes du medianoche , das mit den traditionellen Mustern der kurzen Erzählformen, Novelle, Märchen, Sage, Legende, Fabel, Parabel, Anekdote und Witz, ein ironisch-verzerrendes Spiel treibt. Während Le medianoche amoureux eine Mischung aus nouvelles und contes darstellt, figurieren in den als folio junior-Ausgabe erschienenen Contes du medianoche unter Verzicht auf die Novellen nur die Märchen, freilich in anderer Reihenfolge arrangiert und bereichert durch eine Anzahl neuer kleiner Geschichtchen. Wir beschränken uns hier auf Le medianoche amoureux, da dieser Band den Ausgangspunkt für die Wiederholung in dem als 'Ableger' zu betrachtenden Kinderbuch bildet. In Reminiszenz an das Decameron werden verschiedene Typen von Geschichten - nouvelles und contes - durch eine Rahmenerzählung zusammengehalten, die eine mündliche Erzählsituation simuliert. Aus der Vielzahl der Geschichten, die sich als variierende Wiederaufnahmen gegenseitig überlagern, ergibt sich ein hybrides, vielschichtiges Gebäude, das als ein Labyrinth von Spiegelungen die exaltation des conte hervorbringt, die auf der Verknüpfung von Wiederholung und Ironie beruht. Le medianoche amoureux ist gleichsam ein Kaleidoskop von Geschichten, die nur durch Reflexe lose miteinander verknüpft sowie zugleich durch zahlreiche Echos und Reminiszenzen mit dem Gesamtwerk Tourniers vernetzt sind. Der Zyklus erweist sich damit als offen und als rhizomatisch auf Grund einer ständigen Wanderbewegung des Sinns, so daß er ohne eigenes Innen und Außen in der mythecriture Tourniers aufgeht.



      .
      Die von Tournier in den 80er Jahren favorisierte Kurzform bietet die Möglichkeit, alle schon zuvor vorhandenen Elemente seines ecriture-Kon-zepts in der Komprimierung zu kristallisieren und dabei auf ihre essence zu reduzieren. Gleichzeitig wird durch das Verfahren einer ironisch-dekonstruktiven Wiederholung eine parodistische exaltation bewirkt. Tourniers Geschichten bestehen aus Metaphern, die autoreflexiv gelesen sein Selbstverständnis als Autor erkennen lassen. Sie bilden gleichsam Parabeln seiner Kunst, indem sie die Themen, Leitmotive, Aufgaben und schließlich sogar die Attribute des Schriftstellers - wie das Schreibpult in der Geschichte Ecrire debout und der Beschreibstoff in der Evokation des Pergaments in der Geschichte Le Roi mage Faust - umfassen, ferner das authentische Ambiente des Autors Michel Tournier aus seiner Wohnung, dem Pfarrhaus in Choisel, miteinbeziehen und Autobiographisches mehr oder weniger maskiert reflexartig aufscheinen lassen, wobei sich der Schriftsteiler durch die Anspielungen auf große Vorbilder augenzwinkernd selbst erhöht.
      Die Geschichten des Medianoche basieren strukturell gesehen auf der Wiederholung oder Spiegelung. Ãœbernommene Klischees, d.h. zu stereotypen Bildern erstarrte mythische, vorwiegend biblische Vorstellungen werden durch eine ständige ironisch-dekonstruktive differentielle Wiederaufnahme exaltiert, bis diese zu einem Punkt gelangt, wo der Trugbildbzw. Phantomcharakter der Klischees deutlich hervortritt. So verarbeitet Tournier Motive und Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament wie Paradies und Sündenfall, Kain und Abel, David und Goliath, die Geburt Christi, die Anbetung der Heiligen Drei Könige und das Abendmahl, aber auch Märchenmotive wie insbesondere Oger und Vampir.
      Le medianoche amoureux kreist in einer unendlichen mise en abyme um das Motiv der Gedächtnisfeier, der commemoration, das letztlich zum Gleichnis für die Kunst wird. Auf der Folie der Philosophie der Differenz von Deleuze wird deutlich, wie hier zwei Formen der Wiederholung gegeneinander ausgespielt werden. In Difference et repetition unterscheidet Deleuze die "nackte" und die "bekleidete" Wiederholung ? Die "nackte" Wiederholung entspricht dem begrifflichen Denken und bezieht sich auf die "difference entreobjets representes sous le meme concept", was mit einer Indifferenz von Raum und Zeit einhergeht. Demgegenüber versteht er unter der "bekleideten" Wiederholung den "pur mouvement createur d'un espace et d'un temps dynamiques". Die "bekleidete" Wiederholung ist differentiell und in der Lage, jeweils anderes und Heterogenes zu umfassen. Zur Charakterisierung der Wiederholungstypen konstruiert Deleuze Merkmalpaare wie kategorisch vs. hypothetisch, statisch vs. dynamisch, intensiv vs. extensiv, gewöhnlich vs. singulär, horizontal vs. vertikal, expliziert vs. interpretationsbedürftig, entfaltet vs. umhüllt, revolutiv vs. evolutiv, Gleichheit vs. Ungleichheit, Kommensurabilität vs. Inkommensurabilität, Symmetrie vs. Asymmetrie, Wirkung vs. Ursache, materiell vs. spirituell, Exaktheit vs. Echtheit. Die "nackte" Wiederholung ist unbelebt , während die "bekleidete" "le secret de nos morts et de nos vies, de nos enchainements et de nos liberations, du demoniaque et du divin" enthält. Die Wechselwirkung zwischen den beiden Typen der Wiederholung gestaltet sich als Paradox. Die "nackte" Wiederholung wird konzipiert als die "äußere Hülle" der "bekleideten", die als "singuläres Subjekt", als "Herz", als "Interiorität" in der Tiefe der "nackten" Wiederholung anzusiedeln ist und als "Maske", "Verkleidetes", "Travestie" die "Wahrheit des Nackten" bildet. Diese aus Hüllen bestehende Wahrheit ist hohl. Hinter den Masken verbirgt sich das Nichts, der blanc.
      Tourniers Geschichten erscheinen als eine "bekleidete" Wiederholung der Philosophie der Differenz von Deleuze. In ihnen wird die "Wiederholung des Gedächtnisses" , d.h. die "nackte" Wiederholung, bis zur Exaltation gesteigert, wo sie sich in ihr Gegenteil verkehrt und zur "Wiederholung des Todes" wird, wobei der blanc, der zunächst verhüllt war, aufscheint und das Chaos freisetzt. Dieser Mechanismus erfährt eine Verbildlichung, die sich in einem dem Zyklus innewohnenden Antagonismus zwischen der letzten märchenhaften Erzählung Les deux banquets ou La commemoration und der Rahmengeschichte Les amants taciturnes einerseits sowie der Novelle Pyrotechnie ou La commemoration andererseits offenbart. Der Aufbau der Feuerwerksrakete, die aus sich überlagernden Schichten von Pulver besteht, in deren Zentrum ein Hohlraum ausgespart ist, wird zur Metapher für die Wechselbeziehungen der beiden Wiederholungstypen. Die "nackte" Wiederholung als äußere Hülle spiegelt sich inder identischen Ãœberschichtung der Pulver in dem Rohr, in dessen Innerstem sich mit der von Tournier sogenannten Seele entsprechend Deleuze das Geheimnis von Leben und Tod verbirgt.
      Die Novelle Pyrotechnie ou La commemoration stellt - freilich invertiert - eine mise en abyme der Schlußgeschichte Les deux banquets ou La commemoration dar. Diese schließt als "Gedächtnisfeier" den Rahmen des Buches, insofern als sie mit dem Schlußakkord der identischen Wiederholung des Mahls auf das Medianoche von Oudalle und Nadege zurückwirkt, indem sie es gleichsam in einer weiteren mise en abyme als commemoration in die Zukunft projiziert. Der durch die Geschlossenheit des Rahmens hervorgerufene scheinbar affirmative Aspekt der Wiederholung als Gedächtnisfeier erfährt durch deren negative Spiegelung in der grausamen Geschichte über die Feuerwerkskunst eine Dekonstruktion, insofern als durch die Explosion, die als Exaltation der commemoration die Wiederholung des Gedächtnisses zynisch unterminiert, diese als Illusion und Mystifikation entlarvt wird. Aus der Tiefe taucht die in der identischen Wiederholung der Unfälle des Unglücksraben Gilles Gerbois zum alljährlichen "Gedenktag" bisher verhüllte Wiederholung des Todes auf, wobei im Sinne der Theorie von Deleuze das Dämonische befreit wird, dessen Stoßkraft sich durch die Eskalation der periodischen Verletzungen zunehmend enthüllte. Die Explosion zerstört die Ordnung und produziert das Chaos. Wir sehen an diesem Beispiel deutlich das Toumiersche Vorgehen einer mise en fiction der philosophischen Ideen von Deleuze.
      Im Zyklus der Geschichten bricht die Wiederholung als dynamische Bewegung vermittels ihrer schöpferischen Kraft den starren Rahmen der "nackten" Wiederholung als äußere Hülle auf. Was die Feuerwerksrakete im kleinen verbildlicht, spiegelt somit der Aufbau des Buches im großen. Die identische Wiederholung konstituiert als Rahmen eine Art Kapsel, die gleichsam einen Hohlraum umschließt, in dem sich das schöpferische Spiel der Differenz vollzieht, das in der Exaltation die äußere Hülle durchbricht, die identische Wiederholung ironisch unterminiert und zur Parodie geraten läßt.
      Die Protagonisten der Rahmenerzählung haben am Ende des Medianoche ihre Identität verloren. Die zunächst novellenhafte im Realistischen verankerte Darstellung des Paares Oudalle-Nadege gleitet schließlich ins Märchenhafte über. Die Rezeption der Geschichten versetzt die ursprünglich Auseinanderstrebenden in eine Traumwelt, die es ihnen ermöglicht, sich als Paar neu zu entwerfen. In die Märchenprinzessin aus Tausendund-einer Nacht verwandelt, findet die Reederstochter eine neue Verwendung für ihren Ehemann, den arbeitslosen Schiffskapitän, als "cuisinier en chef'. Indem er zum Wächter über die identische Wiederholung des Gedächtnismahls wird, erhält er eine 'heilige' Aufgabe als "grand pretre de mes cuisi-nes et le conservateur des rites culinaires et manducatoires" im Sinne des Mythos von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die Repetition als Identität simuliert. An die Stelle der wirklichkeitsmimetischen tritt also die mythische Identität des Paares. Oudalle und Nadege sind durch die Geschichten verführt, die ihnen eine Repetition als Identität vorgaukeln, die es nur im Mythos gibt. So gesehen, enthüllt sich die mythische Repetition als Wirkung der dem Text immanenten rhetorischen Ãœberredungskraft, das auf der identischen Wiederholung basierende doppelte Gastmahl als verselbständigtes Trugbild.
      Oudalle und Nadege erweisen sich als Spiegel des Tournierschen Rezi-pienten par excellence, der, durch das Anhören von Geschichten verzaubert, eine Aktivierung der Einbildungskraft erfährt und damit aus Sprachlosigkeit und Erstarrung gelöst wird. Schon in Le vent Paraclefi postuliert Tournier die Unverzichtbarkeit der Mythen für den Menschen:
"L'homme ne s'arrache ä l'animalite que gräce ä la mythologie. L'homme n'est qu'un animal mythologique. L'homme ne devient homme, n'acquiert un sexe, un coeur et une imagination d'homme que gräce au bruissement d'histoires, au kalei-doscope d'images qui entourent le petit enfant des le berceau et l'accompagnent jusqu'au tombeau."
Die Mythen sind für den Menschen Lebenselixier, sie nähren seine Seele als "l'oxygene de l'äme" . Von diesem Blickpunkt aus sieht Tournier die Aufgabe des Schriftstellers:
"Leur ambition vise ä enrichir ou au moins ä modifier ce mythologique, ce bain d'images dans lequel vivent leurs contemporains [...]."
Da die Mythen wie alles Lebendige in den immerwährenden Kreislauf von Werden und Vergehen eingebunden sind, bedürfen sie der ständigen Neuschöpfung, um nicht zur Allegorie zu erstarren. Die Gedächtnisfeier des Mythos erscheint aus dieser poststrukturalistischen Perspektive als differentielle Wiederholung :
"[...] les mythes - comme tout ce qui vit - ont besoin d'etre irriguds et renouveles sous peine de mort. Un mythe mort, cela s'appelle une allegorie. La fonction de l'ecrivain est d'empecher les mythes de devenir des alWgories."
Oudalle und Nadege haben die bezaubernde Wirkung der Märchen als "l'oxygene de l'äme" an sich erfahren. Ihr Verhältnis erscheint neu beseelt. Tournier bedient sich einer doppelten Metaphorik. Das Bild von Ebbe und
Flut, das für das Sprechen und die Sprache steht, verschränkt sich mit der Metapher des Mahls als Bild für das Geschichtenerzählen. Der durch die Ebbe verbildlichte Mangel wird mit der Flut als Bild für den Ãœberfluß, die Bewegung aufgehoben, die mit der Wiederkehr der Sprache gleichgesetzt werden. Die Metapher von Ebbe und Flut wird überlagert von der des Mahls, das seinerseits den Reichtum an erzählten Geschichten verbildlicht, die das Paar schließlich durch die dynamische Bewegung des Erzählens aus seiner Sprachlosigkeit herausführen.
      Die Bedeutung der Mahl-Metapher gewinnt an Konturen, wenn man ihre Spiegelung in dem Märchen Pierrot ou Les secrets de la nuit hinzuzieht. Im Mahl der Colombine-brioche erscheint das aus Teig geformte und im Ofen gebackene Abbild der in ein Märchenambiente versetzten Commedia dell'arte-Figur als Symbol der mythecriture, ihrer lebensspendenden Kraft, aber zugleich ihrer Vergänglichkeit; letztere verbildlicht in der Nahrung, die die Qualität eines momentanen Genusses mit kommunikativen Fähigkeiten besitzt. Wir berühren hier den Aspekt der 'Materialität' des Mythos als seiner besonderen aisthetischen Dimension im Sinne einer postmodernen Rückbesinnung auf die Werte des Körpers, wodurch der Mythos eine neue 'Substantialität' gewinnt. Das Bild des Mahls am Ende von Pierrot ou Les secrets de la nuit erweckt die Reminiszenz an den von Bachelard explizierten Mythos der Verdauung, der ihm zum Entwurf einer tiefenpsychologisch bestimmten Wirklichkeit dient:
"Ce qui est substantiel est nourrissant. Ce qui est nourrissant est substantiel." Aus dieser Sicht erscheint die Verdauung als "interiorisation" , die "intimite" schafft. Nach Bachelard findet sich das Geheimnis des Lebens in der Tiefe der Erde verborgen:
"C'est au centre qu'est le mystere de la vie; tout ce qui est cach est profond, tout cequi est profond est vital, vivant; l'esprit formateur est ."

  
%
Das Teigbacken in Pierrot ou Les secrets de la nuit steht im Sinne von Bachelard für die Spiritualisierung der Materie. Es bildet eine Metapher für den aus den Tiefen des Unbewußten gespeisten künstlerischen Schaffensakt. Deleuze als Schüler Bachelards setzt diese Ideen von der Spiritualisierung der Materie und der Inferiorität sowie der Tiefe in seine Philosophie um, wenn er z. B. den Gegensatz zwischen den beiden Typen der Wiederholung mit dem Merkmalpaar materiell vs. spirituell faßt und die "bekleidete" Wiederholung als "spirituelle, meme dans la nature et dans la terre" bezeichnet, auch, wenn er das Geheimnis von Tod und Leben in der Tiefe, in der Umhüllung, im Inneren erblickt.
      Das Mahl der gebackenen Colombine erweist sich als eine weitere Spiegelung der Wiederholung als Gedächtnisfeier, die auch hier zur Wiederholung des Todes exaltiert wird. Als parodistischer Reflex der Eucharistie bildet dieses Mahl eine Imitation zweiten Grades, die nichts weiter als ein verselbständigtes Simulakrum ist, dessen Bezug zum Urbild auf einer differentiellen Wiederholung beruht, die in ihrer Transzendenzlosigkeit 'verhüllt' und 'interpretationsbedürftig' erscheint. Als Metapher der Kunst entpuppt sich damit im Zyklus der Toumierschen Geschichten einmal mehr das Mahl nur als Spiegel einer mythischen Gedächtnisfeier als der Erinnerung an das Heilige. Kunst wird damit zum flüchtigen Simulakrum.
      Die Protagonisten des Mahls - Pierrot, Arlequin und Colombine - erinnern mit der Aufnahme der Nahrung an den leblosen Vampir, der nur leere Hülle ist und der erst, indem er das Blut seines Opfers aufsaugt, zu neuem Leben erwacht. Das Mahl der Vampire verbildlicht den Prozeß der mythecriture als re-ecriture, d.h. als differentielle, schöpferische Wiederholung. Die intertextuelle Figur des Pierrot aus dem Volkslied Au clair de la lune ist Symbol für den Schriftsteller, der einerseits schöpferisch wirkt , zum anderen als Vampir den unendlichen Intertext aufsaugt, ihn inkorporiert und in der Tiefe neu belebt. Der Verzehr der Colombine-brioche zeigt in ironischer Verzerrung dekonstruktiv das Zusammenwirken der zwei Wiederholungstypen in der Durchdringung von Außen und Innen, von Oberfläche und Tiefe, von Form und Substanz, von der Verführung durch den schönen Schein der "nackten" Hülle und von der Errettung durch das Durchstoßen derselben und das Eindringen des "oxygene de l'äme" in die Tiefe, die sich paradoxerweise als blanc enthüllt. Das Mahl der Colombine-brioche wird damit zu einem Selbstverweis auf die ecriture als einem vergnüglichen und kommunikativen Spiel ohne transzendenten Gehalt.
      Die mythecriture als Gedächtnismahl spaltet sich in die Ambivalenz von Vampir und Opfer, die zusammen mit der Opposition nomadisch vs.seßhaft den Grundstock des bricolage-Materi&ls des Zyklus bilden. Hinzu treten weitere leitmotivisch wiederkehrende Metaphern, durch die Vampir, Opfer und Mahl eine Vernetzung erfahren, wie insbesondere Jagd und Flucht ; Ãœberfall, Raub, Mord, Rache ; Diebstahl . Die Elemente werden in einem freien Spiel permutiert und invertiert, wie in dem Beispiel des Märchens Angus, wo sich die Jagd des blutrünstigen Tiphaine in die Rache und den Mord des unschuldigen Opfers Angus verkehrt. Das bricolage-Material bildet, zum Puzzle zusammengesetzt, einen Selbstverweis auf die mythecriture Tour-niers, die vampirisch-ogerhaft und zugleich nomadisch ist.
      Diese beiden Aspekte treten am deutlichsten in den drei Geschichten L'auto fantöme, Lucie ou La femme sans ombre und La legende de la peinture hervor. Die erste Novelle setzt die identische Wiederholung ins Räumliche um mit der spiegelbildlichen Anlage einer Autobahnraststätte in Gestalt eines Briickenbauwerks mit Parkplätzen zu beiden Seiten. Indem sich das auf einer Seite geparkte Auto der Spiegelung entzieht, zeigt es das Merkmal des Vampirs. Die Geschichte führt die Ãœberschreitung der Wirklichkeit ins Phantastische als Exaltation der "Wiederholung der Gewohnheit" - Spiegelung = Verdoppelung - und ihren Umschlag in die Wiederholung des Todes - Spiegelung = blanc - vor. Es bedarf nur einer einzigen Differenz oder Leerstelle in der Spiegelung der Wirklichkeit - das Verschwinden eines Gegenstandes -, um die Ordnung zu zerstören. Die differentielle Wiederholung entfesselt das Ungeheuer17, wodurch die ecriture das Unheimliche freisetzt. Die mythecriture Tourniers erscheint hier einmal mehr autoreflexiv als Zersprengung der Ordnung durch Spiegelung und weist sich damit als Wiederholung des Todes aus.
      Die Geschichte Lucie ou La femme sans ombre zeigt am Beispiel der Titelgestalt, die in die Identität ihrer toten Schwester schlüpft, zu deren Double sie wird, die commemoration als identische Wiederholung in der Zeit. Indem Lucie die Puppe der toten Schwester nachahmt, wird auch sie gleichsam zum Phantom, zum Vampir, zur "femme sans ombre", die jenseits von Leben und Tod reines Gedächtnis ist. Verkörperte die Lucie der ersten Phase den Zustand der Form- und Gestaltlosigkeit, des Ungeschaffenen, mithin das Chaos, war sie in der Identitätslosigkeit befangen, die als Signatur des unbewußten Lebens erscheint, als Werden und Vergehen, als Fruchtbarkeit und Fäulnis, hier dargestellt als das Weiblicheschlechthin in seiner schöpferischen, aber zugleich vernichtenden Kraft, so ist demgegenüber die Lucie der zweiten Phase als Produkt der Psychotherapie, die die dunkle Vergangenheit ans Licht zerrt und in ihr das Gefühl der Identitätslosigkeit ausrottet, nichts anderes als die Flucht in die Erstarrung der leblosen und transparenten Welt der Ordnung, der Klarheit und des Lichts, dargestellt als die des Männlichen. Das Dunkel, das Lucie in sich zu bezähmen versuchte, erweist sich als die Differenz des Todes in ihr, als der Abstand, der sie von der toten Schwester trennte. Mit der identischen Wiederholung der Toten tritt an die Stelle der "bekleideten" die "nackte" Wiederholung als Schaffung einer künstlichen Identität, wie sie mit der Namenswiederholung durch die Eltern vorgezeichnet war. Es ist also hier die Verleugnung der Wiederholung des Todes, autoreflexiv gesehen des Schöpferischen, die durch die Exaltation der commemoration ein Simulakrum erzeugt.
      La legende de la peinture zeigt den Künstler als Nomaden am Beispiel des Griechen, der als 'Dieb' das Schöpferische bei einem anderen stiehlt, dem chinesischen Maler, dessen traditionelle Kunst aus der Seßhaftigkeit hervorgeht. Die Kunst des Griechen erschöpft sich darin, das Bild des Chinesen im Spiegel aufzufangen, ist also nur Spiegel von Diebesgut, in den sich mit dem Reflex der Betrachter bzw. Rezipienten die Differenz einschreibt. In dieser Geschichte steht der Spiegel als Metapher für eine Kunst, die als commemoration nomadisch ist. Das auf das mythische Modell des Konflikts von Kain und Abel anspielende Bild der Kunst als Gedächtnisfeier des Diebstahls des Nomaden am Seßhaften überkreuzt sich hier mit parodistischen Reminiszenzen an Piatons berühmte Bestimmung der nachahmenden Kunst des Malers. Während sich die Metapher des Spiegels bei Piaton jedoch auf die Kunst als Nachahmung der Wirklichkeit bezieht, so wie sie auch von Stendhal in Le rouge et le noir gebraucht wird, meint sie bei Tournier die Kunst als Spiegel der Kunst, verbildlicht mithin einmal mehr den Effekt der mise en abyme. Tournier bedient sich mit der Spiegel-Metapher eines traditionellen kunsttheoretischen Topos, dessen Bedeutung er unmerklich verschiebt, um seine Auffassung von einer radikal intertextuellen ecriture19, die zugleich kommemorativ und nomadisch ist, zum Ausdruck zu bringen.
      Die Gedächtnisfeier des mythischen Diebstahls verschiebt sich im Kaleidoskop des Buches zur noch radikaleren Metapher der Kunst alscommemoration des Mords. Dies zeigt die Geschichte Angus, vom Autor apostrophiert als Hommage Tourniers an Victor Hugo zu dessen lOOstem Geburtstag. In einer freien dekonstruktiven re-ecriture von L'aigle du casque, einem Teil aus der Legende des siecles, wird hier das schon aus Pyrotechnie ou La commemoration bekannte Motiv der Gedächtnisfeier des Todes als Mord variierend wiederaufgenommen und auf autoreflexiver Ebene fortgesetzt, so daß es als Metapher für die Kunst erkennbar wird. Tournier bedient sich als "pie voleuse" des Motivs des Zweikampfes zwischen David und Goliath, das bei Hugo in freilich dekonstruktiver Form als Sieg Goliaths über David dem biblischen Vorbild nachgestaltet ist, und reduziert es auf seine Essenz des Kampfes zwischen einem Starken und einem Schwachen. Tourniers Reverenz "au plus grand des poetes francais" vollzieht sich ironisch provokativ im Bild des Vatermords Angus —> Tiphaine, der gleichsam posthum durch das Vermächtnis des sterbenden Tiphaine an seinen Sohn mit der Meinung legitimiert wird, daß ein Sohn seinen Vater töten dürfe, aber nicht umgekehrt {MA 222). Tourniers Captatio benevolentiae an die Manen des Dichters, sie mögen ihm seine Freiheiten bei der Nacherzählung der Geschichte vergeben, klingt wie eine freilich ironische nachträgliche Abbitte für das Verbrechen des Sohnes in der Geschichte. Hierzu paßt, wenn in Ecrire debout der Ich-Erzähler, der in allem die autobiographischen Züge des Schriftstellers Michel Tournier trägt, eine Affinität zu den Verbrechern des Gefängnisses von Clericourt bekundet und seine Kunst gleichsam als Spiegel eines Verbrechens erscheinen läßt.
      Die umfassendste Metapher für die essence des Zyklus als Wiederholung des Todes bildet der intertextuelle Rekurs auf die Kunst des Chilenen Patricio Lagos in Les amants taciturnes. Sie symbolisiert mit den im Wechsel von Ebbe und Flut ständig neugeschaffenen Skulpturen aus dem Sand des Meeres die dynamische Wiederholung von Werden und Vergehen, deren kreisender Rhythmus und deren Flüchtigkeit durch den Tanz verbildlicht und akzentuiert werden. Die Wiederholung ist schöpferisch und zerstörerisch zugleich. Die Schönheit des Skulpturenpaares erinnert entfernt an die von Piaton im Symposion entwickelte Theorie vom Schönen als dem Unsterblichen so, wie es im Sterblichen sein kann, vom Schönen der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung als der Ahnung des überirdisch Schönen. Da es sich bei der Kunst von Lagos aber nicht um Abbilder handelt, die an einem Urbild teilhaben, sondern um flüchtige und veränder-liehe Trugbilder ohne Identität, wird Piatons Begriff der Schönheit hier dekonstruiert. Die Kunst von Lagos ist antimetaphysisch.
      Tourniers art de la nouvelle erscheint als eine ebenso flüchtige und vergängliche Kunst wie das Bilden und Tanzen von Lagos. In dekonstruktiver Reminiszenz an das platonische Gastmahl bilden die Geschichten des Medianoche eine mise en abyme der Sandskulpturen des Chilenen, die ein von Nietzsche wiederaufgegriffenes Wort des Heraklit zu inszenieren scheinen, wonach die "weltbildende Kraft" einem Kind gleicht, "das spielend Steine hin und her setzt und Sandhaufen aufbaut und wieder einwirft"22:
"Nadege et Oudalle ecoutaient, &onn6s par ces construetions imaginaires qu'ils voyaient s'edifier dans leur propre maison, et qui s'effacaient des le dernier mot prononcö pour faire place ä d'autres evocations tout aussi ephemeres. Ils songeaient aux statues de sable de Lagos."
Das Ende des Buches imitiert mit der identischen Wiederholung der deux banquets den Moment des Stillstands der Zeit zwischen Ebbe und Flut, in den die Schöpfungen von Lagos fallen. Es simuliert einen Augenblick der Entspannung und der mythischen Aufhebung der Zeit, der den traditionellen Märchenschluß nachahmt. Diese Mystifikation erscheint als Selbstbetrug des impliziten Autors, der mit der letzten Geschichte des Buches seiner eigenen Verführungskunst erlegen zu sein scheint. Für den Leser ergeben sich zwei Möglichkeiten der Lektüre: Er kann der Illusion unterliegen oder aber erkennen, daß das nur scheinbar symmetrische, auf der Identität basierende Gebäude auf Grund der mise en abyme aller Metaphern des Buches durch die zerstörerische Dynamik der Differenz aufgebrochen und zum Einsturz gebracht wird.
      Michel Tournier, der als Autor zur Avantgarde der 60er und 70er Jahre gehört, führt in den 80er Jahren sein Werk mit Le medianoche amoureux zu einer vorläufigen Vollendung. Die autoreflexive Dimension der Literatur, die bei den Schriftstellern des letzten Dezenniums einen breiten Konsens findet23, läßt sich bei Tournier schon in seinen ersten Werken Vendredi ou les limbes du Pacifique und Le Roi des Aulnes erkennen. Eine Weiterentwicklung zeigt sich in den 80er Jahren in der Vereinfachungund Verkürzung der Geschichten und der Zuspitzung auf die mise en abyme des künstlerischen Schaffensaktes. Von Gaspard, Melchior & Balthazar bis zu Le medianoche amoureux erscheinen die Toumierschen Geschichten zudem versöhnlicher, leichter und weniger schwarz. Neu ist auch der Gedanke der Kunst als commemoration, der freilich schon von Anfang an in dem Rückbezug der mythecriture auf intertextuelle Modelle latent vorhanden ist. Die beherrschende Rolle des Mythos und seiner verführerischen und bezaubernden Wirkung bildet zwar eine Konstante im Toumierschen Werk. Eine künstlerische Umsetzung erfährt Toumiers bereits in Le vent Paraclet theoretisch ausgeführter Gedanke von der 'beseelenden' Kraft mythischer Geschichten, die zur Ãœberwindung der Sprachlosigkeit führen, aber erst in der mise enfiction seines Novellenwerkes.
      In Nachahmung des monumentalen musikalischen Vorbilds der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach strebt Toumier, von der Vision eines art de la nouvelle geleitet, eine Exaltation des conte an, die zum einen höchste Affirmation der verführerisch-bezaubernden Wirkung des conte als mythische Gedächtnisfeier darstellt, die zugleich in einer schöpferischen, über sich selbst hinausweisenden Wiederholungsbewegung negiert wird. Die mythecriture Toumiers spitzt sich in den 80er Jahren auf ein Paradox zu: Einerseits wird die Wiederbelebung der Mythen als "l'oxygene de l'äme" in Szene gesetzt, zugleich wird ihre Trugbildhaftigkeit suggeriert, und es scheint auch hier durch die Maschen des Märchenschleiers der Abgrund hindurch, der den rire blanc provoziert. Die 'fröhliche Bejahung des Spiels' bleibt also Zynismus im Sinne Nietzsches.
     

 Tags:
Die  mythecriture  als  commemoration:  Von  der  Wiederholung  Gedächtnisses  zur  Wiederholung  Todes  Le  medianoche  amoureux.  Zum  Tournier  der  80er  Jahre    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com