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Klaus Buch



Der auf Helmut Halm bezogene Gegenspieler ist sein Klassenkamerad und Studienkommilitone Klaus Buch. Dessen Part in der Handlung ist, Halms innengerichtete Bewegung nach außen zu treiben, aufzureißen.
      Buchs Auftreten — natürlich immer aus der Perspektive Halms gesehen-macht von vorneherein bedenklich: die, forsche Jugendlichkeit in Aussehen und Benehmen, mit der sich der 46jährige gibt, als sei er gleich jung mit Helene, seiner 28jährigen zweiten Frau, die er Hei nennt und 'wie eine Trophäe" vorzeigt; die übertriebene Wiedersehensfreude und plumpe Kameraderie, mit der er Halm überrumpelt , obwohl man sich nach 23 Jahren fremd geworden sein muß ; die bald aufgetischten unappetitlichen Details gemeinsamer pubertärer Sexualität ; die unaufhörliche aufdringliche Fitness-Besorgtheit ; die Redeeuphorie ; das Renomiergehabe ; schließlich die protzige Sexideologie , die sexuelle Potenz mit Arbeit verwechselt und die sexuellen Knaben-Präliminarien ins Heilige pervertiert, als 'die heiligsten Momente unserer Kindheit" zum Heilsgeschehen erhebt.



      Beachtet man Buchs durchgängiges sentimentales Haschen nach verbaler Liebesbestätigung , sein exaltiert-künstliches Lachen oder seinen hinausgeschrieenen Ekel vor Hunden verstärkt sich der Verdacht, daß Mängel und Schwächen überkompensiert werden, daß Buch in Halm nicht nur den 'Zeugen" seiner besseren Vergangenheit, sondern auch einen Halt in der Gegenwart ergreifen und festhalten will. Er wird um so zudringlicher, je mehr sich der andere entzieht. Dennoch glaubt man ihn nicht so völlig am Ende, bevor Helene sein Scheitern preisgibt.
      Ãœberschwänglich bekennt Klaus Buch die Faszination des Lebens , sein Kult der Schönheit, des Körpers, hat etwas Heidnisches, etwas vom ästhetischen Immoralismus, dem man Heinse zuschrieb und mit dem sich Kierkegaard auseinandersetzte. In Walsers Selbstdeutung werden Ehebetten zu Sportplätzen . Ethizismus contra Ästhe-tizismus wäre ein mögliches Begriffspaar für Halm und Buch.
      Das Leben hat für Buch keinen Sinn außer im Leben selbst. Keine Transzendenz macht es durchlässig, fraglich. Das Ende, der Tod, ist undenkbar, weil dahinter nichts ist, alles aufhört. Leben muß intensiv ausgelebt werden, muß im Anraffen von Welt sich magisch vervielfachen. Es soll geradezu statisch auf dem Höhepunkt vollster Jugendlichkeit angehalten werden, in sich kreisende, sich selbst genießende Bewegung sein, auch der ständige Reiz und der fortwährende Stoß , beides durchaus sexuell gedacht. Das Alter, auch das Greisenalter, scheint so lange nicht sinnlos, solange es noch etwas bringt ; jedenfalls dürfte Sieger sein, der am längsten lebt. Darwins Kampf ums Dasein und materialisiertes Leistungsprinzip verschmelzen. Es gilt, sich durch permanente Höchstform sexueller Potenz als der Lebenstüchtigste zu erweisen, den fithaltenden Kampf um den Besitz der jüngeren Frau ständig zu gewinnen. Frauen dienen zur Verjüngung. Brutal wird Herta, die erste Frau, mit den Kindern, abgestoßen, angeblich weil sie eine fanatische, planende und sorgende Kleinbürgerin ohne Entwicklung gewesen sei. Helene, die zweite Frau, wird in spiegelbildlicher Abhängigkeit gehalten, ihr Eigenstes unterdrückt, ihr Bücherschreiben , aufgezwungen, das sie nicht leisten kann und dadurch kleiner macht .
      Buchs Pansexualismus ist die Spitze eines Panvitalismus, wie ihn Nietzsches 'Zarathustra" verkündete, dessen Lektüre er in Halms Jugend bewundert . Auch deswegen ist er vergangenheitsfixiert auf die Pubertät hin. Im Gegensatz zu Halm ist Buch bei Nietzsche stehengeblieben. Im Gefühl dessen sucht er Helmut Halm an sich zu fesseln, um geistig weiterzukommen , ihn als Challenge zur Lebenssteigerung zu benützen, wie er Helene dazu benützt . Dabei offenbart Buch brutalsten Egoismus: 'Ich bin ein Anbeter meiner selbst" , voll des 'puren
Egoismus" . Er macht Halm das 'totale Angebot" 'rücksichtslos hilfreicher" Freundschaft, um mit ihm in einem 'zweiten Stapellauf" auf die Bahamas aufzubrechen, in die lockende ungewisse Ferne. Als Klaus Buch aber viermal von Beute, dann von Größe — 'Großbleiben. Größer werden. Der Größte. Wir zwei sind die Größten" — phantasiert, als er sogleich im Orkan in einem Freudentaumel 'wie ein Rodeoreiter" unmäßig lachend das Boot führt, muß er dem belesenen Helmut Halm als Nietzsches entfesselte blonde Bestie erschienen sein, wahnsinnig und triumphierend im Untergangstaumel. In Todesangst stößt er ihm die Ruderpinne aus der Hand . Nun stößt Helmut Schreie aus, Schreie der Befreiung, Ur-schreie.
      Klaus Buch befindet sich auf der Flucht vor der Wahrheit menschlicher Endlichkeit. Alles was er tut, soll das Altern, die Vergänglichkeit, den Tod außer Kraft setzen. In der Erfahrung des Scheiterns kommt das Verdrängte über ihn. Eigentlich war er Helmut Halms Challenge. Nachdem er Wende und Tat ausgelöst hat, räumt er als Gescheiterter fast wortlos den Schauplatz, nimmt aber Helene mit .
     

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