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Das Berchtesgadener Land



Lange überlegt ein Außenstehender, ob er das Recht hat, sich in einen Lokalstreit einzumischen, der im Berchtesgadener Land zeitweise hohe Wellen schlägt. Seit vier Jahren schon geht das Fingerhakeln um den schönsten Berg in dieser Gegend - den Watzmann. Wird nun auch in seine Kalkflanken, in denen früher der Junge aus dem Ruhrgebiet seine ersten Erlebnisse mit einer »richtigen« Landschaft hatte, eine »mechanische Aufstiegshilfe« hineingesprengt? So nennen ja wohl die Planer moderner Freizeit eine Seilbahn. »Aufstiegshilfen« für alle Formen von touristischer Betätigung hat das bayerische Gebirgsland im südöstlichen Zipfel der Bundesrepublik schon etliche. Bahnen am Jenner hoch über dem Königssee, auf den Predigtstuhl in Bad Reichenhall und auch am Schwarzeck begeistern sowohl »extreme« Skifahrer wie Genießer von Bergpanoramen in Straßenschuhen.



      Viel muß bedacht werden, bevor an die »Erschließung« des Watzmann und seiner drei markanten Gipfel gegangen wird, nicht zuletzt auch die wirtschaftlich-touristische Bedeutung derartiger Attraktionen. Das Land lebt in der Hauptsache vom Fremdenverkehr. Aber wäre auch mit einer Seilbahn auf den Watzmann eine gute Mischung von unberührt zu erhaltender Natur und erschlossener Landschaft erreicht? Knifflige Entscheidung für die Verantwortlichen im Berchtesgadener Land. Ich wüßt', was ich tat'. Aber in der Beziehung denkt man nur wie ein »Bergfex«, der sich davor fürchtet, wenn ihm die letzten Paradiese in der Natur von Würstchenbuden verstellt werden. Nie hat jemand davon Aufhebens gemacht: Aber tatsächlich ist der Watzmann der einzige Berg in Bayern und in Deutschland, dessen Massiv ganz ins Land gehört; obendrein ist er nicht viel niedriger als die Zugspitze. Wäre das nicht ein Grund, seine 2714 Meter ganz den Bergsteigern und Naturfreunden zu überlassen? Tatsächlich beglückt das Berchtesgadener Land durch die Harmonie und gute Mischung von erhabenem Naturreservat mit einer von Menschenhand geformten Kulturlandschaft. »Herr, wen Du lieb hast, den lassest Du fallen in dies Land«, läßt Ludwig Ganghofer eine seiner Romangestalten sagen. Gebirge und Menschenwerk trugen dieser von den Städtchen Berchtesgaden und Bad Reichenhall beherrschten Region den Ruf des wohl schönsten deutschen Alpenwinkels ein. Soviel Schönheit macht trunken. Ein bißchen helfen dabei die Altbayern in diesen Tälern wohl noch listig nach. Der von Schönheit Trunkene kann zudem den anheimelnden Akkord physischen Rausches erleben. Hervorragend verhilft dazu ein bitter-scharfer Schnaps, er wird aus den meterlangen Wurzeln der Enzianpflanzen gezogen. Ihn zu destillieren, zählt im Berchtesgadener Land neben dem Haupterwerbszweig Fremdenverkehrsindustrie zu den einträglichen Beschäftigungen der Einheimischen. Landwirtschaft in Form der Viehhaltung natürlich auch. Wie bei vielem anderen in diesem Land wird auch so etwas Profanes wie Viehzucht zu einem Anziehungspunkt für die Fremden: Denn malerischer als im Berchtesgadener Land, wo so manche Kuh prächtig geschmückt das Vergnügen einer Bootsfahrt über den Königssee hat, kann man sich nirgendwo im Gebirge den Almauftrieb vorstellen.
      Ebenfalls zugleich touristische Attraktion ist die wirtschaftlich nicht unbedeutende Salzgewinnung. Schon der Tourist Wilhelm von Humboldt ergötzte sich im Jahre 1797 in Berchtesgaden bei »ein paar sehr interessanten Stunden in einem Salzbergwerk... Man geht trocken und geraden Fußes in die Gänge hinein, steigt inwendig nur einige bequeme Treppen und kann sich, wie die Li wirklich tat, sogar auf einem kleinen Wagen von Bergleuten ziehen lassen«. Es ist ein feines Vergnügen unter vielen anderen. Die Kumpels brauchen sich heute nicht mehr vorzuspannen; der Lokführer bewegt nur noch einen Hebel, und schon setzt sich der kleine Zug mit den »Hunten« und den vorher in der Bekleidungskammer als »Bergleute« ausstaffierten Touristen drauf- die Damen weiß behost - rumpelnd in Bewegung. Allerdings beschränkt sich ihre Rundfahrt auf den inzwischen ausgebeuteten Teil des Bergwerks. Eigentlich fahren, wandern und schwimmen sie durch ein Museum. Von hohen, von starken Scheinwerfern angestrahlten Wänden glitzert es tausendfach.
      Wo und wie das Salz tatsächlich abgebaut wird, bleibt freilich unsichtbar. Es geschieht in Sinkwerken, freigesprengten Hohlräumen, in die Wasser gepumpt wird. An der Decke leckt es das Salzgestein auf, unlösliche Stoffe wie Gips, Ton und Anhydrit sinken zu Boden. Einen weiten Weg hat die Sole vor sich. Durch eine unterirdische »Pipeline« fließt sie unter Druck über Berg und Tal nach Reichenhall, in die Siedepfannen, aber auch ins Badehaus, um Gesundheit zu spenden. Im 17. Jahrhundert hatte der bayerische Hof baumeister Simon von Reifenstuel mit einer Soleleitung aus Holz eine noch viel größere Entfernung zu überbrücken; über 30 Kilometer nach Traunstein mußte das salzgesättigte Wasser gepumpt werden, dorthin, wo Brennstoff war, Torf in reichlicher Menge aus dem Hochmoor. Das Salzburgische und auch das Berchtesgadener Land konnten nicht mehr so viel Holz hergeben. Auseinandersetzungen um den Wald waren nicht die einzigen Streitpunkte zwischen dem mächtigen Erzbischof auf der Hohensalzburg. »Willkommen, Bote des Heils, im friedlichen Tale.« Erst 181 o konnten die Berchtesgadener dergleichen aufschreiben. Die Worte standen auf dem Triumphbogen, durch den in jenem Jahr Graf Karl von Preysing als Königlicher Generalkommissar aus München im Marktflecken einzog. Schlußstrich unter ein wechselvolles Schicksal. Viele Jahrhunderte lang hatten sich die Pröpste im Rangeln mit Salzburg mal Hilfe bei den österreichischen Herzögen, bei den Witteisbachern, mal bei Kaiser und Papst holen müssen.i960, zur 150-Jahr-Feier der Zugehörigkeit des Berchtesgadener Landes zu Bayern, nahm der Landrat die Gelegenheit, auch ein Zeichen der Bewältigung jüngster Vergangenheit zu setzen. Der kluge Herr lud die Festgesellschaft zum Mahl auf das Kehlsteinhaus: Das Gebäude, das wie ein Falkenhorst als »Teehaus« für Hitler hoch über der Stadt in 1800 Meter Höhe errichtet worden war. Der böse Ruch sollte schwinden. Im Sommer reicht der Platz für die parkenden Omnibusse am Ufer des Königssees kaum. Solcher Anblick freut natürlich den Direktor des Verkehrsvereins. Da steht sie, die mächtig in die Höhe strebende Ostwand des Watzmann, vereist und bedrohlich, immer wieder Herausforderung für die Könner unter den Bergsteigern; und darunter schwebt wie ein zierliches Gespinst über dem grünen, kalten Wasser die kuppelgekrönte Kirche St. Bartholomä. Naturgewalt in äußerster Spannung mit einem Werk menschlichen Geistes. Selbst die einfachste Seele spürt die Heftigkeit des Kontrastes und fühlt sich betroffen.
     

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