Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Das höfische gesellschaftsideal

Index
» Das höfische gesellschaftsideal
» Das Schönheitsideal

Das Schönheitsideal



»Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so hat es, nächst der Majestät Gottes, niemals etwas so Begnadetes gegeben wie die Frau und ihre Art. Diesen Ruhm hat Gott ihr verliehen, daß man sie als den höchsten Wert auf Erden ansehen und immer preisen soll.« So war noch niemals von Frauen gesprochen worden. Gegen die eingewurzelten Vorstellungen von der Minderwertigkeit und Schlechtigkeit des weiblichen Geschlechts setzten die höfischen Dichter ein neues Bild der Schönheit und Vollkommenheit. »Seht ihre Augen an und betrachtet ihr Kinn; seht die weiße Kehle an und merkt auf ihren Mund. Sie ist wirklich wie die Liebe gestaltet. Nie ist mir etwas so Liebenswürdigesunter den Damen bekannt geworden. « Der Schönheitspreis der Dichter zielte nicht auf individuelle Züge, sondern auf ein Ideal, das sich in einem festen Kanon von Schönheitsprädikaten manifestierte. Man folgte dabei meistens den Vorschriften der Rhetorik, die eine Beschreibung von oben nach unten empfahl, vom Kopf bis zu den Füßen. Das Gesicht bot die reichste Gelegenheit, Schönheitsmerkmale zu benennen: das blond gelockte Haar, die weiße Stirn, die wie ein Pinselstrich gezogenen Brauen, die herrlich strahlenden Augen, die kleinen Ohren, die gerade Nase, das Rot der Wangen lieblich gemischt mit dem Weiß der Haut, der rote Mund, die weißen Zähne, das runde Kinn, die weiße durchsichtige Kehle, der schöne Hals. Von dort sprang die Schönheitsbeschreibung auf die weißen Hände und die kleinen Füße; von der Form des Körpers erfuhr man nur in allgemeinen Wendungen. Arme und Beine waren, wenn sie überhaupt erwähnt wurden, weiß, rund und glatt, der Busen klein, die Taille schmal. Vielfach ging der Schönheitspreis schon am Hals in eine ausführliche Kleiderschilderung über.



      In der körperlichen Schönheit offenbarte sich die innere Tugendhaftigkeit der Frau. Die Minnesänger feierten »alle ihre guten Eigenschaften und ihre Schönheit«3, »ihre Schönheit und ihre Güte«4. Die Harmonie von Schönheit und moralischer Vollkommenheit war ein wesentlicher Aspekt des höfischen Frauenbildes. Nur wenn die Frage gestellt wurde, ob höfische Vorbildlichkeit sich mehr in den äußeren oder mehr in den inneren Werten manifestierte, geriet die Schönheit gegenüber der Tugendhaftigkeit in eine nachgeordnete Position. Solche Gesichtspunkte findet man vor allem bei den Didaktikern geistlichen Standes. »Schönheit ist nichts gegenüber Güte.« »Ein törichter Mann sieht an einer Frau nur den Liebreiz ihres Körpers; er sieht nicht, was an guten Tugenden und an Klugheit in ihr ist.« »So ist ihre äußere Schönheit ein Nichts, wenn sie nicht im Innern schön ist.« Auch von den Minnesängern wurde der Unterschied manchmal erstaunlich kraß formuliert.
     

»Nach der Schönheit der Damen soll niemand zuviel fragen. Wenn sie gut sind, soll man zufrieden sein.«
Als Inbegriff der Schönheit und der moralischen Vollkommenheit erfüllte die höfische Dame eine wichtige gesellschaftliche Funktion, indem sie die Werte, die sie repräsentierte, an den Mann vermittelte. »Frauen sind durchaus der Ursprung des Vollkommenen und des Guten, Frauen vermitteln tugendhafte Gesinnung, Frauen wecken hohe Freude, Frauen führen das verwundete Herz mit freundlicher Fürsorge auf den hohen Pfad geradeaus, Frauen brechen die Fesseln drückender Sorgen, Frauen geben süßen Trost, Frauen bewirken Kühnheit, Frauen lassen Feinde überwinden, Frauen sind das volle Maß der Güte, edle Frauen sind des Mannes Glück.« Die Frau konnte diese hohe Aufgabe erfüllen, weil sie durch ihre Schönheit und Vollkommenheit im Mann die Kraft der hohen Minne weckte. »Wer gibt den Rittern Heldenmut? Wer gibt ihnen gute Eigenschaften? Wer läßt sie zu höfischer Freude kommen, wenn nicht die Minnegewalt der Damen?« »Daß Ritter ritterlich leben, das haben sie von den Damen.«

   Das höfische Frauenbild war eine Erfindung der Dichter. Die Vorstellung, daß die adligen Herren zu den Frauen verehrungsvoll aufblickten, weil sie ihnen ihre ritterlichen Fähigkeiten und damit ihr gesellschaftliches Ansehen verdankten, verkehrte das Verhältnis der Geschlechter, wie es in Wirklichkeit bestand, ins Gegenteil. Gelegentlich haben die Dichter im poetischen Spiel und sicherlich zum Ergötzen des Publikums den Schleier der Fiktivität ein wenig gelüftet, so daß man sehen konnte, daß dahinter nichts war als die dichterische Phantasie. Ein Meister solchen Spiels war Walther von der Vogelweide, der in seinem Scheltlied >Lange zu schweigen hatte ich gedacht

 Tags:
Das  Schönheitsideal    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com