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Bürgerlicher realismus

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Theodor Storm (I8I7-I888)



Theodor Storm ist fast ausschließlich als Novellist bekannt geworden. Begonnen hat er seine literarische Arbeil mit Prosaminiaturen, wie etwa Marthe und ihre Uhr aus dem Jahr 1848, sowie mit kulturhistorischen Skizzen. Des Weiteren schrieb er Märchen, Gespenstergeschichten und phantastische Novellen, deren bedeutendster Vertreter er ist . Sein phantastischer Realismus wird gemeinhin als eine Erweiterung der Erkenntnis-möglichkeiten über die sinnlich wahrnehmbare Realität hinaus gewertet. Überzeugend führt er in form phantastischen Erzählens einen "Bewusst-seinsrealismus" vor, der das Innere der Menschen transparent macht.



      Sein eigentliches Melier jedoch fand Storm in der realistischen Novelle. Die Gründe für diese Vorliebe liegen zum einen in Storms resignativ-illusionsloser Haltung, zum anderen aber auch in seiner Einsicht in die politische und ökonomische Eingebundenheit des Menschen in eine Gesellschaft begründet. Diese Determiniertheit findet in der Form der Novelle ihren adäquaten Ausdruck. Grundthema des Stormschen novellistischen Werks ist die stete Gefahrdung des Individuellen, aber auch des Humanitären innerhalb einer sozialen Gemeinschaft. Storms Sujets sind die realpolitischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Menschen leben und zu leben haben. Dabei ist sein Blick primär auf die bürgerliche Gesellschaft gerichtet, mehrheitlich schildern seine Novellen das bürgerliche Individuum zwischen subjektivem Anspruch auf Entfaltung eigener Wünsche und Sehnsüchte hier ist auch ein Ausleben von Liebe und Kunst intendiert - und dem nüchternen Erwerbsleben und Erwerbsalltag einer bürgerlichen Gemeinschaft. Überhaupt ist die sieh zwischen einem bürgerlichen, auf materiellen Gewinn ausgerichteten Alltagsleben und der



Sehnsucht des Individuums nach einem Leben für die Kunst, nach einem auf Kunstgenuss abhebenden Leben auttuende Diskrepanz das Grundthema der Novellen Theodor Storms; zu nennen wären in diesem Zusammenhang vor allem Immensee , Auf dem Staatshof und Pole Poppenspäler . Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass auch Storms Kritik stets aus einem bürgerlichen Bewusstsein heraus und innerhalb eines bürgerlichen Wertehorizonts formuliert wird. Der angesprochene Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft wird auch bei ihm auf der Basis der Programmatik des Bürgerlichen Realismus und in Absetzung von der Romantik, die diesen Konflikt ebenfalls ausgetragen hatte, beantwortet. Storm klärt ihn als ein bürgerlicher Autor, was insbesondere seine Novelle Pole Poppenspäler aus dem Jahr 1874 deutlich macht. In ihr wird der Gegensatz zwischen Bürgerlichkeit und Künstlerlum diskutiert und ziemlich eindeutig zugunsten eines bürgerlichen Lebens, in dem Kunst als Handwerk, nicht aber als Basis einer Künstlerexistcnz möglich ist, entschieden.' Kunst wird zwar als ein Entwurf von Humanität, als ein sittlicher Impuls im Hinblick auf ein harmonisches und humanes Zusammenleben zitiert, nicht jedoch als reines Spiel und im Sinne einer exzentrischen Künstlerexistenz, die vornehmlich über ein soziales Außenseitertum zu leben wäre; vielmehr wird das Künstlerlum in der oben erwähnten form als Kunsthandwerk gedacht, das soziale Verantwortlichkeit mit individueller Selbstbestimmung zu vereinen in der Lage ist. Pole Poppenspäler verweist auf diese spezifisch bürgerliche Auffassung, die Kunst nicht als romantisches Künstlertum begreift, sondern als eine dem Handwcrkertum angenäherte künstlerische Betätigung. Storm geht es um die Möglichkeiten sittlichen Handelns. Die moralischen Impulse erhält der Einzelne durch die Kunst, Kunst und ethisch-moralisches Handeln bleiben eng aufeinander bezogen. Im Sinne des Bürgerlichen Realismus entscheidet Storm den beschriebenen Konflikt zugunsten einer Lebensform, die im Dienste der Gemeinschaft steht. Die anerkannte bürgerliche Existenz setzt den Verzicht auf ein romantisch-exzentrisches Künstlertum voraus, da dieses in der Regel außerhalb des Kollektivs gelebt wird. Paul und Liseis Entscheidung, sich eine ebensolche Existenz aufzubauen, erzwingt die Aufgabe der künstlerischen Tätigkeit des Puppenspielers Joseph Tendier, des Vaters von Lisei. Joseph Tendier verkörpert den fahrenden Künstler, der aus der Sicht des Bürgertums einem brotlosen Gewerbe nachgeht. Paul Paulsen indes gehört dem Bürgertum an, er führt das Leben eines sesshaften

Handwerkers und damit eine solide kleinbürgerliche Existenz. In Paulsen porträtiert Storm das Musterbeispiel eines rechtschaffenen und ehrlichen Handwerkers, eines Vertreters des auf Reputation, Tüchtigkeit und Wissen bedachten Bürgertums. In seiner Jugend besuchte er eine höhere Schule und erbrachte dort, so erfährt der Leser, gute Leistungen. Lr ist fleißig und hilfsbereit, ehrbar und wirtschaftlich solide. Seiner bürgerlichen Karriere steht nichts im Wege. Der Kontakt mit der Puppenspielerfamilie scheint die vorgezeichnete bürgerliche llandwcrkerlauibahn vorübergehend zu gefährden; die Begegnung mit der ihm unbekannten, abenteuerlichen und geheimnisvollen Welt der fahrenden Leute bringt Pauls feste Lebensordnung und Lebenswelt zeitweise in Gefahr. Doch er überwindet die Faszination durch das KUnstlertum und gehl seinen bürgerlichen Lebensweg weiter. Indem er sich durch Fleiß, Arbeitswillen, Strebsamkeit, Tüchtigkeit und Ehrlichkeit auszeichnet, verkörpert Paul das Lebensprogramm des aufstrebenden Bürgertums.
      Aus seiner Sieht ist der alte Tendier ein Träumer, der mit der Realität des Lebens nicht fertig wird. Diese Perspektive wird innerhalb der Novelle nicht grundlegend revidiert oder abgeschwächt; durch Pauls Heirat mit Lisei und dem damit einhergehenden Lntschluss Pendlers zur Sesshaftigkeit wird eine solche Einschätzung vielmehr bestätigt. Storni knüpft die künstlerische Betätigung des alten Pendler an dessen Hilflosigkeit angesichts der Erfordernisse des Alltags, an ein fehlendes "Realitälsprinzip"."' Folgerichtig bedeutet der Verzicht auf seine Kunst zugleich sein Lebensende. Nur kurz nach dem Scheitern seiner letzten Theateraufführung, in der es ihm sinnbildlich den Kasperl aus der Hand sehlägt, stirbt er. Sein Tod markiert das Ende des Künstlertums innerhalb der Novellenhandlung und den Beginn der bürgerlichen Existenz von Paul Paulsen und Lisei Pendler. Sie entscheiden sich für ein bürgerliches Leben, Paul führt Lisei "für immer aus der stets gefährdeten Welt der Künstler" in die "gesicherte Welt des Bürgertums"." Sie wissen, dass die angestrebte gesicherte bürgerliche Existenz die Lösung von der Welt der Künstler voraussetzt. Grundlage dieses Vorhabens ist Pauls Entscheidung für das Handwerk, für einen bürgerlichen Beruf also. In diesem schafft er es bis zum Stadtrat seiner Heimatstadt, die solide ökonomische Existenz wird durch die Übernahme eines politischen und damit gemeinschaftsdienlichen Amtes ergänzt.
      Die Familie Tendier als Vertreterin des Künstlertums scheitert. Hartmut Vincon hat in diesem Zusammenhang vom Niedergang des fahrenden Künstlertums gesprochen."* Künstlertum und Bürgerlichkeit, die künstlerische Lebensform und die bürgerliche Existenz - sie sind, so die Grundaussage der


Novelle, nicht vereinbar. Die Bürgerexistenz überdauert die des Künstlers; Tendier muss zur Kenntnis nehmen, dass seine Kunst in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, die mit der partiellen Proletarisierung des Hand-werkertums einherging, an Anerkennung verloren hat.
      Zwar impliziert die überwiegend positive Charakterisierung der unbürgerlichen Figuren, der Tendlers also, eine latente Kritik der bürgerlichen Welt, die "nur die eigene Welt versteht und anerkennt, die andere Welt, die fremde, abenteuerliche, ungesicherte, unbürgerliche Welt des Puppenspielers aber verachtet und verspottet"."' Doch Storm bejahte die bürgerliche Welt ausdrücklich, auch wenn er selbst kritische Distanz, zu ihr hielt. Als ein Repräsentant des kritischen Realismus teilt er die Überzeugung, dass sich die Gesellschaft von den ursprünglichen Inhalten ihres bürgerlichen Programms doch zunehmend entfernt hatte.
      Pole Poppenspaler führt die positiven Möglichkeiten der bürgerlichen Existenz vor Augen; mit Blick auf das Gesamtwerk jedoch überwiegt bei Storm eine negative Sicht auf die bürgerliche Klasse, Novellen wie Carsten Curator oder Hans und Heinz Kirch belegen dies, doch auch schon die 1859 entstandene Novelle Auf dem Slaalshof. Storm behandelt hier den Konflikt zwischen Bürgertum und Künstlertum noch als eine Auseinandersetzung zwischen Patrizicrtum und aufstrebendem Erwerbsbürgertum; mit der weiblichen Hauptfigur, einer Adeligen, geht die feudale Kultur mit ihrem verfeinertem Kunstsinn und erlesenem Geschmack unter: An ihre Stelle treten der nüchterne Erwerbssinn und Erwcrbsalltag des Bürgers. Alles Denken und Handeln sind zweckorientiert, geistiger Genuss weicht dem Streben nach materiellem Gewinn. Bereits in der 1862 erschienenen Novelle Auf der Universität wird dieser Konflikt sodann zwischen Besitzbürgertum und Handwerkerstand ausgetragen. Abweichungen von der bürgerlichen Norm werden einem Regulierungsprozess unterworfen, individuelle Sehnsüchte aufgrund der sozialen Verhältnisse und der Übermacht der gesellschaftlichen Belange zurückgedrängt. Wie kaum ein anderer Autor des Bürgerlichen Realismus führt Storm diese Eingebundenheit des Individuums in die bürgerliehe Normen- und Wertegemeinschaft als eine Ohnmacht des Subjekts vor. Von Beginn an nimmt sich seine Novellistik jener historischen Prozesse und Entwicklungen an, die den bürgerlichen Menschen im 19. Jahrhundert bestimmten und sein Lebensmilieu prägten.
      Der föderalistisch gesinnte Demokrat Storm hatte sieh am schleswigholsteinischen Aufstand gegen Dänemark im Jahr 1850 beteiligt und anschließend im Exil in Preußen gelebt. In den 1870er und 1880er Jahren entwickelte er sich zu einem zeitkritischen Novellisten. Im Mittelpunkt seiner Novellen steht die Kritik der sich ausbreitenden Industrialisierung und der diesem Prozess eng verbundene Übergang vom Handwerk und Kleingewerbe zum industriellen Großgewerbe; in diesem Zusammenhang wird Literatur die Aufgabe zugeschrieben, die Erinnerung an eine alte, untergehende, zum Teil bereits untergegangene Welt zu bewahren und das Bild einer versinkenden geistigen Kultur festzuhalten. Dieser Aufgabe ist die hinterfragende Bestandsaufnahme einer jeglichen Kunstsinn und emotionalen Umgang entbehrenden bürgerlichen Gesellschaft immanent. Diese war unter dem Zeichen der politischen Liberalisierung angetreten, im Zuge ihrer Ökonomisierung jedoch hatte sie sich zu einer materialistischen Interessengemeinschaft gewandelt. Dementsprechend wird das Positive zumeist am Vergangenen festgemacht, auch dominiert in Slorms Novellen in Übereinstimmung mit der gesamten Literatur des Bürgerlichen Realismus ein resig-nativer, politisch fundierter Grundzug.
      Dies liegt auch an der von Storni in vielen seiner Novellen aufgegriffenen Thematik der unerfüllt gebliebenen Liebe, wie beispielsweise in der 1849 erschienenen Novelle Immensee, lange Zeit das populärste Werk Slorms. In ihr diskutiert Storni ein zentrales Sujet des Bürgerlichen Realismus, den Wunsch des Menschen nach Entfaltung in der Liebe und in der Kunst; der jedoch kollidiert mit dem nüchternen bürgerlichen Erwerbsalltag. Was dem Individuum in der Realität versagt bleibt, wird in der Erinnerung und in der Suche nach dem verlorenen, nicht aufgegebenen Glück präsent gehalten. Darüber hinaus ist der illusionslose Zug der Stornischen Novellen ein Resultat der geschilderten Gefährdung von Ehe und Familie durch gesellschaftliche und erbbedingte Faktoren wie Krankheit, Alkoholismus und Spekulation, Themen, mit denen Storms Novellen auf den Naturalismus vorausweisen. Storni jedoch wäre kein bürgerlicher Realist, hielte er nicht an einem Konzept von Sozialität und Humanität fest. Viele seiner Novellen erzählen Lebensgeschichten als Glücksidyllen des bürgerlichen Lebens, so etwa sein Pole Poppcnspäler. Dabei handelt es sich aber zugleich um eine Perspektive, mit der nicht zuletzt die sentimentale Aufweichung der gesellschaftskritischen Ansätze seiner Werke einhergeht.
      Diese Gesellschaftskritik richtete sich in Storms frühen Novellen zunächst gegen den Adel. Storni war ein erbitterter Gegner dieser Schicht, wiederholt hat er seinem "Haß" auf die "feudale Canaille" Ausdruck gegeben; Adel und Klerus galten ihm als das "Gift in den Adern der Nation"40, ihm zufolge provozierten sie innerhalb der Bevölkerung eine "Furche des Hasses". An der Notwendigkeit der Ablösung des Adels durch ein liberales Bürgertum ließ er keinerlei Zweifel aufkommen. Seine Novelle Im Schloß z.B., entstanden 1862, stieß bei der auf Harmonie bedachten Redaktion der Gartenlaube,wo die Novelle im Vorabdruck erschien, auf Bedenken, und auch bei der mehrheitlich dem bürgerlich-konservativen Lager zuzurechnenden Leserschaft rief sie heftige Ablehnung hervor. Doch Storm hat in seinen späteren Novellen nur wenig von dieser Adelskritik zurückgenommen: So spricht er z.B. in Aquis submersus, 1876 im Vorabdruck in der Deutschen Rundschau erschienen von der "verfluchte[n] Junkerbrut" und vom "Uebermuth eines Bruchteils der Gesellschaft, welcher, ohne Verdienst auf die irgendwie von den Verfahren eroberte Ausnahmestellung pochend, sich besseren Blutes dünkt und so das menschlich Schöne u. Berechtigte mit der ererbten Gewalt zu Boden tritt."
Für die Auseinandersetzung mit den nicht-bürgerlichen Schichten Adel und Klerus wählt Storm in der Regel die historische Novelle, neben Aquis submersus wäre vor allem die Novelle Zur Chronik von Grishuus zu erwähnen. In beiden Werken diskutiert Storm die Überlegenheit einer bürgerlichen, sittlich-ethischen Handlungsweise und porträtiert ein dem eigennützigen Adel moralisch überlegenes Bürgertum; er problematisiert damit zugleich die Macht und Gewalt der Adeligen im 17. Jahrhundert: Der Vormachtstellung des Adels setzt Storni ein christlieh fundiertes bürgerliches Ethos entgegen.
      Diese aus einer bürgerlichen Perspektive heraus vorgenommene Adelskritik zielt letztlich aber auch auf die gründerzeitliche Gesellschaft, die durch die Symbiose von Adel und Großbürgertum gekennzeichnet war. Storms Vorbehalte gelten auch einer Klasse, deren wirtschaftliche Interessen die ehemaligen politischen und gesellschaftlichen Ideen und Ziele ad absurdum führten. Konsequent hält er an einem Begriff von Bürgerlichkeit fest, dessen Ideal die harmonische Verbindung der Einzelinteressen mit den Belangen der sozialen Gemeinschaft war. Die von ihm skizzierte zeitgenössische Gesellschaft der wilhelminischen Ära jedoch wird nur mehr als das verzerrte Bild einer ehemals humanen, dem Einzelnen wie dem Allgemeinen verpflichteten Wertegemeinschaft, die zur ökonomischen Zweckgemeinschaft verkommen ist, beschrieben. Storm wurde ebenso wie Keller, Raabe und Fontane -nicht müde, das Bürgertum der 1870er und 1880er Jahre an seine ehemaligen Ideale und Vorstellungen zu erinnern und die von ihm geschaffene Realität an den früheren Zielen zu messen; aus genau dieser Verbundenheit mit den ursprünglichen Inhalten heraus etablieren sie einen kritischen Realismus. Die bürgerliche Klasse entschädigte sich für ihre politische Ohnmacht mit einem ungehemmten, unkontrollierten und unkontrollierbaren Gebaren im ökonomischen Sektor, der Adel seinerseits mischte sich nicht in die wirtschaftlichen Geschäfte des Bürgertums ein. Normen, die vormals für das Bürgertum gegolten hatten, Werte wie Humanität, politischer Liberalismus und moralisches Handeln im Sinne der Gemeinschaft, wurden dabei von rein materialistischen Erwägungen verdrängt. Der Erwerbssinn ersetzte den Gemeinschaftssinn sowie das Bewusstsein für ein soziales Handeln. Grund- und Ausgangsthese des späten Realismus eines Storni ist sodann, wie bei Keller oder Fontane, die Überzeugung, dass das Bürgertum dem Adel gegenüber seinen Vorsprung eingebüßt und verspielt habe.
      Storni ist also keineswegs blind für die Fehler eines Bürgertums, das seine Überlegenheit im ökonomisch-wirtschaftlichen Bereich ausnutzt, darüber den Einzelnen vergisst und so letztlich gegen die Gemeinschaft handelt. In der Novelle Draußen im Heideüorf wählt ein junger Bauer den Freitod, weil er, um seinen Besitz zu erhalten, zur Ehe mit einer ungeliebten Frau gezwungen wird, aber auf die eigentlich geliebte Frau nicht verzichten möchte. Der geschilderte Konflikt entwickelt sich zwischen den nicht zu vereinbarenden Polen Nutzen und Neigung, Zweckrationalität und Emotiona-lität in der bürgerlichen Welt. Der Protagonist zerbricht an dieser Situation, während sich die Gesellschaft, ungeachtet der Konflikte des Einzelnen, in ihrem zweckgerichteten Handeln nicht beirren lässt. Werte wie Schönheit, Humanität und Sinnlichkeil sind in der von ihr geschaffenen Welt des platten Nutzens und der materiellen Orientierung wie auch der bürgerlichen finge und Verfluchung zweitrangig.
      Der zentrale Themenbereich der Stormschen Novellen ist mithin die Kritik eines Besitzbürgertums, dessen ökonomische Zweckorientierung und Gesinnung sowie materialistische Ausrichtung eine humane, und das heißt individuelle Wünsche mit sozialen Belangen harmonisch vereinende Form des Zusammenlebens nicht mehr zulassen. Es sind zumeist die bürgerliche Welt und das in ihr herrschende Nützlichkeits- und Besitzdenken, die in Storms Novellen obsiegen, materialistisches Handeln und Abwägen sowie Egoismus vereiteln die individuelle Entfaltung und Verwirklichung subjektiver Vorstellungen. Damit ist gleichzeitig eine humane Form des Zusammenlebens in Frage gestellt, da ein ausgewogenes Verhältnis von Sozialität und Individualität nicht zustande kommt. Die humane Form des Lebens in der sozialen Gemeinschaft wird hierbei stets im Anschluss an den Einklang von Humanität und Bürgerlichkeit projiziert; beide Werte bleiben aufeinander bezogen, ungeachtet der Tatsache, dass man die bürgerliche Welt wegen ihrer zunehmend inhumanen Handlungsweise anklagt. Die Interessen der Gesellschaft durchkreuzen den Wunsch nach einem auf Liebe und Zuneigung basierenden Zusammenleben, so z.B. in Carsten Curalor aus dem Jahr 1878. Die Mehrheit der Stormschen Protagonisten passt sich an, nur wenige wagen den Aufstand. Diese werden sodann als Außenseiter der Gesellschaft vorgeführt, wie z.B. in der Novelle Ein Doppelgänger . Dem Protagonisten, einem Besitzlosen, gewährt die materialistische Ausrichtung der bürgerlichen Gesellschaft kaum Überlebenschancen. Ihre ökonomische Zweckorientierung durchkreuzt den Wunsch der Protagonistennach einem auf Zuneigung und Liebe basierenden Leben. Diese zerbrechen an der materialistischen Gesinnung einer bürgerlichen Gemeinschaft, die letztlich als eine unchristliche vorgeführt wird: Die Gesellschaft grenzt einen Mittellosen aus und treibt ihn schließlieh in den Abgrund; das Lebensrecht wird an den Besitz gebunden, nur der Besitzende darf Ansprüche formulieren. In der Darstellung der Determiniertheit des Einzelnen durch seine Lebensverhältnisse nähert sich Storni dem im Erscheinungsjahr der Novelle bereits wirkenden Naturalismus an.
      Man darf Storni jedoch nicht vorschnell als Negativisten oder Fatalisten abtun; vielmehr agiert der Novellist Storni als ein chronischer Realist, der die Lebensbedingungen des Individuums in einer bürgerlichen Welt beschreibt und dabei zugleich das Bürgertum an seine humanitären Aufgaben und Verpflichtungen dem Einzelnen gegenüber erinnert. Eine positive Ausrichtung haben seine Novellen dementsprechend immer dann, wenn die Bedingungen, unter denen humanitäres Handeln unmöglich wird, durchschaut werden, etwa in der 1881 erschienenen Novelle Die Söhne des Senators. In ihr schildert Storni einen Menschen, der seine eigene Borniertheit erkennt. Diese Fähigkeit zur Einsicht gehl bezeichnenderweise mit dem Wunsch nach einem Leben in der Gemeinschaft einher.
      Doch in keiner anderen Novelle hat Storni seine Kritik am Bürgertum seiner Zeit und der von diesem geschaffenen zeitgenössischen Lebenswelt deutlicher zum Ausdruck gebracht als in seinem letzten Werk Der Sehimmelreiter. Noch in seiner historischen Chroniknovclle Zur Chronik von Grieshuus die Novelle spielt im 17. Jahrhundert -hatte er den Anachronismus des Machtanspruchs von Adel und Klerus thematisiert. Als Chronist schildert der Erzähler adlige Macht und ihre Folgen, Gewalt, Brudermord, Unversöhnlichkeit und Hass. Die brutale adelige Herrschergewalt lässt ein friedliches Zusammenleben nicht zu. Erst ein bürgerlich-christliches Ethos kann, so die der Novelle zugrunde liegende Überzeugung, den Grundstein für eine befriedete, humanitäre Gemeinschaft legen: Der Abstieg des Adels verläuft parallel zum Aufstieg der bürgerlichen Klasse. War Storni in der Chronik von Grieshuus noch von einer sittlich-moralischen Überlegenheit des Bürgertums ausgegangen, so ist die zentrale Aussage des Schimmelreiters die Erkenntnis, dass das Bürgertum diese Überlegenheit verspielt hat. Und zwar primär durch die Tatsache, dass es im wirtschaftlichen Bereich jene Machtposition imitiert, die der Adel im politischen Bereich ausübt. Dadurch jedoch werden bürgerliche Grundwerte und ein gemeinsames, humanitäres Zusammenleben im Keim erstickt. Bürgerliches Geltungsbedürfnis und -streben drängt den Menschen in seinen subjektiven, individuellen Bedürfnissen an den Rand, Adel und Besitzbürgertum, die Macht der Politik und des Geldes - etwa mit Blick auf die 1878 entstandene Novelle Renate wäre die Macht des Klerus einzubeziehen - drängen den Menschen an den Rand, verhindern letztlich menschliches Glück und Glückserfahrung. Storni setzte seine Hoffnungen auf das Bürgertum, doch er wurde enttäuscht: Genau dieser Enttäuschung hat er im Schimmelreiter, seiner letzten Arbeit aus dem Jahr 1888, unverhohlen Ausdruck gegeben.
      Die Novelle entstand im nationalistischen Klima der wilhelminischen Ära. Sie bildet den folgerichtigen Abschluss eines Novellenwerks, das den Menschen im Sog der zumeist bürgerliehen Gemeinschaft zeigt, die sich infolge ihrer materialistischen Ausrichtung letztlich gegen den Einzelnen wendet. Storni geht es in seinen Novellen immer um das, was der bürgerlichen Welt, der Bürgerwelt fehlt: die humanitäre Ausrichtung sowie das ausgewogene Verhältnis zwischen den Bedürfnissen und Wünschen des Individuums und den Belangen einer zunehmend nach ökonomischen Erwägungen handelnden Gesellschaft. In der Figur des Deichgrafen hat Storni den bürgerlichen Machlmenschen porträtiert, der sich zum Führer berufen fühlt und den Adeligen des 17. Jahrhunderts beerbt. Sein Handeln resultiert dabei aus rein eigennützigen Motiven, der von ihm geplante neue Deich ist nicht für die Bürger, zum Nutzen der Gemeinschaft, sondern für den persönlichen Ruhm erbaut; so dient er nicht dem Gemeinwohl, sondern ist als eine Zementierung des bürgerlichen Machtanspruchs über den Tod des Protagonisten hinaus gedacht. So ist das Bürgertum hier seiner ehemals durch eine human-sittliche Ausrichtung seines Handelns und Denkens begründete Überlegenheit beraubt; den Anspruch auf eine gesellschaftliehe Vormachtstellung hat es damit verspielt. Der Bürger, einst die Verkörperung des human gesonnenen und handelnden Menschen, versucht nun, aufgrund seiner ökonomischen Macht auch die politische Führung an sieh zu reißen. Die Belange der Gemeinschaft sind dabei nur mehr sekundär, was zählt, ist ein ausschließlich individuelles Geltungsbedürfnis. Die Rücksichtslosigkeit, mit der er seine eigenen Interessen wie auch seinen Machtanspruch im Schimmelreiter im Bild des neu zu errichtenden Deiches zum Ausdruck gebracht gegen die des Gemeinschaftswohles durchsetzen möchte, nimmt obsessive Züge an. Die Novelle wird so zum Spiegel der zunehmenden Materialisierung und Ökonomisierung der realen Bürgerwelt, die ihren eigenen Untergang durch den Verlust von Werten vorbereitet.
     

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