Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Beispiele der texthermeneutik

Index
» Beispiele der texthermeneutik
» Aporie christlich-höfischer Ritterkunst

Aporie christlich-höfischer Ritterkunst



Das Werk, das der Dichter durch die Vermittlung des Landgrafen Hermann von Thüringen, eines der mächtigsten Reichsfürsten und Mäzene zu Beginn des 13. Jahrhunderts, kennengelernt hat, macht im Prolog eine entscheidende Vorgabe: Willehalm wird dort im Legendenstil als Heiliger angerufen, als Nothelfer und Beistand aller Sünder. Da die Heiligpreisung im Prolog mit spürbarer Emphase vorgetragen wird, ist zu erwarten, daß das folgende Werk den Helden als Heiligen präsentiert oder zum mindesten zeigt, wie er zum Heiligen wird.



      Spätestens der Kampf Willehalms gegen Arofei nach der ersten Schlacht von Alischanz widerlegt solche Erwartung. Willehalm nutzt hier, entgegen den Regeln der Ritterlichkeit, eine momentane Blöße des anderen, um ihm ein Bein abzuschlagen und ihn kampfunfähig zu Boden zu strecken. Eine brutale Szene; denn von Willehalm, dem Heiligen des Prologs, heißt es, daß er sich über den Sturz des Verstümmel-ten freute. Dessen flehentliche Bitten um Schonung stoßen bei Willehalm, der sich für den Verlust seines Verwandten Vivianz rächen will, auf taube Ohren. Der lange Wortwechsel zeigt, daß genügend Zeit und Ãoberlegung bleibt, um dem Gegner die Schonung zu gewähren, die an sich eine höfische Selbstverständlichkeit ist. Willehalm erschlägt und enthauptet den Verstümmelten. Ein greller Bruch läßt dann den Blick jäh von der Szene fortwenden, die harte Fügung kappt die Wahrnehmung des Unvorstellbaren. Wolfram lenkt auf die höfische Vorstellung des Minnerittertums zurück, die die Szene eingeleitet hatte, die aber in ihr gerade außer Kraft gesetzt worden war.
      Nach seiner Rachetat legt Willehalm die Rüstung des Erschlagenen an und besteigt dessen Pferd Volatin. Der Mittelalterkundige wird sich hier an die Szene erinnern, in der Parzival seinen Verwandten Ither erschlägt und sich dessen Rüstung aneignet, die er, Zeichen unerkannter Versündigung, über das Narrenkleid der Mutter zieht. Es mag sein, daß Wolfram die eine Szene in der anderen spiegeln wollte - in der Szene selbst findet sich dafür kein Anhaltspunkt, eine Schuld Willehalms wird nicht einmal angedeutet. Das ethische System von Verfehlung und Bewährung, Schuld und Sühne bleibt in diesem Werk völlig ausgeblendet.
      Ulrich Wyss hat dies so kommentiert: Ein Held wird im Prolog als Heiliger angerufen, handelt aber « nicht als Heiliger - sondern wie ein Mensch. Heiligkeit ist bei Wolfram nicht einfach vorausgesetzt, sondern wird selber zum Problem; der epische Prozeß treibt die tragische Aporie eines Kriegerstandes hervor, der in Gottes Namen Gottes Geschöpfe töten soll.»
Man hat im Hinblick auf den «Willehalm» ganz allgemein von einer «Aporie christlicher Ritterkunst» gesprochen, die auch daran sich zeigt, daß dieser Text wie kein zweiter der höfischen Blütezeit «das Scheinhafte und Hohle einer nur höfischen Denkweise entlarvt». Es gibt aber auch keinen zweiten Text, der in solchem Ausmaß und in solcher Konsequenz von Gewalt bewegt wird, Gewalt zum Thema hat und Formen der Gewaltdarstellung entwickelt. Er beginnt bereits mit gewalthafter Willkür: Heimrich enterbt seine Söhne und schickt sie mittellos in die Welt. Die Folgen für den zur Herrschaft bestimmten erstgeborenen Willehalm sind einschneidend: Auf seiner Landsuche wird er gefangen, verliebt sich in die Heidin Arabele, die Frau Tybalts, entführt sie, bringt Länder Tybalts in seinen Besitz und provoziert damit den verheerenden Rachefeldzug Terra-mers mit seinem wilden Gemetzel, das Wolfram prononciert als mortbezeichnet. Der drohende Verlust von Frau und Land erzwingt weiteres gewalthaftes Handeln: Nur erpresserisches Auftrumpfen gegen den Lehensherrn, lebensgefährliche Bedrohung der Schwester, massives und rigoroses Ausspielen der Familienhausmacht führen Willehalm am Königshof von Munleun zum Erfolg. Mit der Erklärung des Kriegs zur Sache des Reiches sind dann die weiteren gewalthaften Auseinandersetzungen vorbereitet, Willehalms Ansprüche auf laut und wip sind in die große gemeinsame Aktion integriert.
      Die Darstellung der Gewalt kulminiert in der zweiten Schlacht von Alischanz. Gewiß, Wolfram konnte hier literarische Muster wie offensichtlich auch eigene persönliche Kennerschaft nutzen, sich aber vor allem darauf verlassen, daß eine adlige Zuhörerschaft an solchen Beschreibungen interessiert war. Die subversiven Momente der Kampfdarstellungen, die um so deutlicher zutage treten, um so gewaltiger sich die Kämpfe gegen Ende des Werks massieren, werden seinen Zuhörern wohl eher nicht gefallen haben: daß z. B. die Beteiligten und auch der Erzähler offenbar den Ãoberblick über das Geschehen mehr und mehr verlieren und die erzählte Wirklichkeit um kein Haar übersichtlicher ist als ein wirklicher Krieg'° und daß, je dichter und verwirrender die Kämpfe werden, um so gewaltiger auch das Wissen um das Leid wächst, das die Erde mehr und mehr tränkt und das sich immer wieder Ausdruck schafft in der Form exzessiver Klage, die Christen und Heiden verbindet; «am erschütterndsten ist sie, wie sie über dem leer und still gewordenen Schlachtfeld liegt. Man fragt sich, ob da die Sonne wieder aufgehen kann.» "
Die letzte Schlacht ist auch deshalb so hoffnungslos, weil hier Verwandte aufeinanderstoßen: Willehalm kämpft gegen Gyburgs Vater; Rennewart erschlägt unwissentlich seinen Bruder; der schon unvermeidlich scheinende Kampf zwischen Vater und Sohn wird erst im letzten Moment vereitelt. War es in der ersten Alischanz-Schlacht noch neben dem Familien- und Territorialstreit vor allem um einen Glaubenskampf gegangen, so tritt dieser Gesichtspunkt im Kontext der zweiten Schlacht, der Auseinandersetzung zweier Weltmächte um die Weltherrschaft, gegenüber politischen Legitimationen zurück. Der Gedanke des Glaubenskampfes ist zwar auch hier nicht vergessen, tritt aber eher nebensächlich auf, und manchmal in abrupter Verschränkung von Diesseits und Jenseits, fast banalisiert oder lakoni-siert.
      Aber immer wieder wird das grausige Geschehen durch Reflexionen des Erzählers gebrochen; immer wieder stößt der Leser beim Er-
Zähler auf Zeichen des Unwillens, ja der Ratlosigkeit, und so werden auch die unzähligen skurrilen, oft makabren Einfälle, der grausige Humor, die bitteren Ironien, die ungewöhnlichen Bilder als Zeichen der Selbstdistanzierung zu verstehen sein, mit denen das Geschehen abgewiesen wird, mit denen der Erzähler eine Aggression gegen das Erzählen aufbaut, mit denen er sich jegliche Freude verbittet, mit denen er die eigene Trauer und Betroffenheit zurückweist, mit denen er die zutiefst schockierenden Vorgänge zu verdecken sucht, mit denen er die eigene Bedrohtheit markiert.
      Die Bluttaten enden mit dem Sieg der Christen. Das Schlachtfeld atmet Grauen, die Ãoberlebenden suchen im Fressen und Saufen schnelles Vergessen, Willehalm irrt übers Schlachtfeld und klagt um den tot-geglaubten Rennewart. Verzweifelt stellt er, hart an der Grenze des Blasphemischen, den Sinn des Erreichten, den Sieg, selbstzerstörerisch in Frage. Die Argumente, mit denen ihn sein Bruder auf seine Pflichten als Landesherren zurückbinden möchte, bringen das Mißverhältnis zwischen dem himmlischen und irdischen Ergebnis dieses Kriegs auf den Punkt. Unzählige Tote haben durch diesen Sieg die ewige Seligkeit erlangt; auf Erden, so zeigt sich dem schonungslosen Blick, schreibt sich der blutige Kontext der Gewalt weiter fort.
     

 Tags:
Aporie  christlich-höfischer  Ritterkunst    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com