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Protagoras



P. entstammte einer begüterten Familie. Um 455 mag er sein 40Jähnges Wanderleben als Sophist begonnen haben, kam nach 450 erstmals nach Athen, wo er die Freundschaft des Perikles gewann. Auf dessen Veranlassung erhielt er den Auftrag, für die neugegründete panhcllemsche Kolonie Thurioi in Unteritalien die Verfassung auszuarbeiten — sicheres Zeichen, daß sich P. zu dieser Zeit schon einen Namen als »Staatsphilosoph« gemacht hatte. Des P. Verfassung scheint eine gemäßigte Demokratie gewesen zu sein, die den Mittelstand durch gesetzliche Beschränkung des Grundbesitzes zu schützen suchte, für die Kinder aller Bürger eine allgemeine Schulpflicht verankerte und die Lehrerbesoldung der Bürgerschatt. der Poks. übertrug. Nach seinem Aufenthalt in Thurioi um 445/443 weilte P. in Sizilien. Vor Ausbruch des Peloponnesischen Kriegs war er wieder in Athen zurück. Ob er ständig dort blieb, ist unbekannt. Jedenfalls brachte ihn Eupolis 421 in seinen Schmeichlern zusammen mit Prodikos und Hippias als Schmarotzer im Hause des reichen Kalhas auf die Bühne —jene Komödie, aus der Piaton das Szenarium für seinen Dialog Protagoras übernahm. Und im Hause seines Freundes Euripides. in dessen Tragödien sich immer wieder Gedanken des »Erzsophisten« finden, soll P. seine Schritt Ãœber die Götter zuerst publik gemacht haben. Nach Traditionen, die sich allerdings nur bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. zurückverfolgen lassen, brachte ihm diese Schrift in Athen einen Prozeß wegen »Leugnung der Götter« ein; angeblich floh P. vor der Verurteilung oder wurde aus Attika verbannt, erlitt auf der Ãœberfahrt nach Sizilien Schiffbruch und ertrank, wurden seme Schriften in Athen aut der Agora verbrannt.



      Von den Werken, die P. in seinem tast siebzigjährigen Leben verfaßte, sind außer einer Reihe von Titeln nur ein paar Fragmente erhalten. Für den Versuch, ein Bild von der Persönlichkeit, dem Wirken und der »praktischen Philosophie« des P. zu gewinnen, ist man weitgehend auf Piaton angewiesen - vor allem auf die zwei Dialoge Protagoras und Theaitetos —, der sich mit dem auch zu seiner Zeit noch hochangesehenen Sophisten immer wieder auseinandersetzte — auch dort, wo er ihn nicht nannte. So soll nach dem von Diogenes Laertios überlieferten Zeugnis des Aristoteles-Schülers Aristoxenos »fast die ganze Politeia« oder mindestens »der Anfang von Piatons Politeia tast ganz in den Ätiologien des P. gestanden sein«.
      P. scheint als erster die Bezeichnung »Sophist« für sich als Berutsbezeichnung in Anspruch genommen zu haben: Erzieher und Lehrer der bürgerlichen Tugend, die er mit menschlicher »Tugend« ebenso gleichsetzte wie mit der allen anderen »technai« übergeordneten politischen Handlungsanleitung. Für P. war der Mensch also grundlegend ein gesellschaftlich-politisches Wesen; er hielt die Tugend des so verstandenen Menschen tür lehr- und lembar - genauer: für eine Handlungstheorie ^>technc«). die gelehrt und gelernt werden muß: Der tugendhafte Mann ist ein guter Bürger und als solcher ein guter »Politiker«. Was er seinen Schülern in Piatons Protagoras als Lernerfolg verspricht, ist die eigene »Wohlberatenheit« im Handeln und Reden, aber auch die Fähigkeit, anderen zum Wohle zu raten, und zwar sowohl bei der Verwaltung des eigenen Hauswesens als auch in Angelegenheiten der Bürgerschatt. Vielfältige Kenntnisse und Fähigkeiten verlangte das, besonders auch die. als »weiser Mann« seine Mitbürger vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, sie dafür zu gewinnen: Rhetorik und Eristik. Dieses Selbstverständnis des P. hängt auts engste zusammen mit der ihm zugeschriebenen »Erfindung« des »rechne «-Bcgritts und seines Anspruchs, die Sophistik sei eine »rechne« — eben jene, die politische Handlungstheone und mit ihr die rhetorisch-eristische erfolgreich zu lehren. Umschrieben werden kann des P. »rechne« als lehr- und lernbare, auf Erfahrung gegründete und sachlich begründbare »Theorie«, verstanden als organisiertes Ganzes regelhatter Anweisungen für ein zielgerichtetes, richtiges, d.h. ertolgreiches Handeln, das sich als nützlich, lebensfordemd. unter Umständen lebenserhaltend erweist.
      Hinter des P. praktischer Tätigkeit als Erzieher und Lehrer, tür die er angeblich als erster Honorare forderte, wird ein »philosophisches« Gesamtkonzept vermutet, entworfen vielleicht in seiner »Programmschritt« Wahrheit oder Xiederwerfung — eine Kampfschritt gegen jene Philosophen, »die das Seiende als Eines einführten«, also gegen Pannenides und dessen Schüler. Sie soll mit dem berühmten »homo-mensura«-Satz begonnen haben: »Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, daß sie sind, der nicht seienden, daß sie nicht sind.« Hier entwickelte P. demnach seinen »ontologischen Nihilismus«. »Sensualismus« und »erkenntnistheoretischen Subjektivismus«: Es gibt nichts Feststehendes. Unveränderliches, nichts, das mit der Einheit eines Seins ausgestattet wäre. Die Wahrnehmung ist die Begegnung von etwas Aktivem mit etwas Passivem, dem beeinflußten Subjekt, wobei das Aktive, von außen kommend, einen Eindruck verursacht. Dieser Komplex ist das. was erscheint, und folglich kann es kerne talsehe Erkenntnis sein — talsch. weil mit dem Gegenstand nicht übereinstimmend, da es ja einen solchen Gegenstand, unabhängig davon, daß man ihn wahrnimmt, gar nicht gibt. - Was jemand sinnlich wahrnimmt - auch sittliche Qualitäten wie Gut und Böse — und was jemand geistig ertaßt. ist zwar von der momentanen körperlichen und seelischen Verfassung des jeweiligen Menschen abhängig, aber es ist für ihn immer »wahr«: Es gibt nur diese augenblickliche subjektive Wahrheit. Das gilt nicht nur für das Individuum, sondern auch tür die Gemeinschaft der Bürger.
      Hier fließt des P. Erkenntnistheorie in dessen Staats- und Kulturfheorie ein, faßbar im Mythos von den Anfängen des Menschen, den ihn Piaton im Protagoras erzählen läßt und als dessen Quelle eine Schritt des P. Ãœber den Urzustand angenommen wird: Der Mensch hat in der Natur einen bestimmten Platz, gekennzeichnet durch den Besitz der Vernunft und »dike« , um der menschlichen Gemeinschaft Bestand zu verleihen; Voraussetzung jeder »pölis« ist die »politike arete techne« . Der Mensch besitzt die natürliche Anlage zu dieser »Tugend«, wenn auch nicht jeder in gleichem Maße; erworben aber werden muß sie durch »Fleiß. Ãœbung und Belehrung«. Pflege und Erziehung, Gesetze und Vorschriften sind Mittel dieser Erziehung. Auch Strafe hat nur diesen einen Sinn und Zweck — eine der großen »Erfindungen« des P. Wer sich nicht erziehen, »heilen« läßt, muß aus der Bürgerschaft verbannt oder getötet werden. Das Maß für Gut und Schlecht. Gerecht und Ungerecht, Fromm und Unfromm setzt also die Bürgerschaft: Gesetze, Sitte und Brauch sind nicht Gaben der Götter oder naturgegeben, von universaler Geltung, sondern jeweils das Werk »trefflicher, alter Gesetzgeber« - Menschenwerk. Wandel unterworfen: »Kulturrelativismus«. Die primäre Leistung des Sophisten besteht dann darin, den jungen Menschen zu Kenntnis und Anerkennung der Gesetze. Vorschriften, Sittlichkeit seiner Bürgerschaft zu erziehen. Und der gute und weise Redner bringt die Bürgerschaft dazu, daß ihr trotz der unterschiedlichen Meinungen der einzelnen als Gemeinschaft »statt des Verderblichen das Heilsame gerecht erscheint«. Nicht um den »idealen Staat« ging es P. also, sondern um die Erziehung der Bürger als notwendiger Bedingung menschlichen Zusammenlebens im Staat.
      Frömmigkeit. Verehrung der Götter, religiöse Vorstellungen bilden für P. ein ebenso wesentliches Element menschlicher Natur wie artikulierte Sprache und Handlungsanleitung, auch einen wichtigen Faktor menschlicher Gemeinschaft. Andererseits soll seine Schrift Ãœber die Götter mit der Feststellung begonnen haben: »Hinsichtlich der Götter kann ich nichts erkennen, weder ob sie sind, noch ob sie nicht sind, noch von welcher Gestalt sie sind; denn vieles steht dem im Wege: sowohl die Dunkelheit der Sache als auch die Kürze des menschlichen Lebens.« Wagt man Rückschlüsse aus der Umgebung des P. auf den Inhalt dieser Schrift, so widerlegte er gängige »Beweise« für die Existenz der Götter, dafür, daß sie die Welt schufen, sie lenken, für die Menschen sorgen. Er kritisierte dem Mythos verhaftete Formen religiösen Lebens, besonders die Mantik; stattdessen wies er hinsichtlich der Vorstellungen von den Göttern und deren Verehrung durch den Menschen die soziale und politische Gemeinschaft als Maß dessen auf, was Gültigkeit besitzt . Ungewißheit über den Sachverhalt, trotzdem Anerkennung der Religion in ihrer Bedeutung für den Menschen als soziales Wesen: das dürfte die Position des »Agnostikers« P. zum Göttlichen gewesen sein.
      In den Antihgien des P. vermutet man ein Lehrbuch der Rhetorik und der Eristik, die für die Sophisten noch eine Einheit bildeten, gegründet auf die ihnen gemeinsame »techne« des Gegeneinanderredens und auf des P. Erkenntnis, daß über jedes und alles zwei einander widersprechende Urteile gefällt werden können, die gleichermaßen wahrscheinlich sind, gleichermaßen glaubwürdig gemacht werden können und müssen, soll sozialer Konsens hergestellt werden. Hierher gehört sein linguistisches Bemühen um die »Richtigkeit des Ausdrucks« : Unterscheidung der Genera des Substantivs, der Modi, wahrscheinlich auch Zeitstufen des Verbs, der Sprechakte Wunsch. Frage. Antwort. Befehl - Materiahen zugleich für des P. These von der Sprache als Leistung kultureller Gruppen und für die Erziehung zur »Wohlbereden-heit« als unverzichtbares Element der »Wohlberatenheit« des Bürgers.
     


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