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Durkheim, Emile



»Kleine Hügel verschwinden bald, wenn man sich von ihnen entfernt: große Gebirgszüge lassen sich aus einigem Abstand in ihrer ganzen Ausdehnung ermessen«, so formulierte Rene König in bezug auf D.. den Gründervater der modernen Soziologie, dessen geistige Ziehväter neben Montesquieu Claude Henri de Sarnt-Simon und Auguste Comte sind. Die Liste seiner Studienkollegen, die ihn aufgrund seiner ernsten. alles Frivole ablehnenden Art den »Metaphysiker« nannten, seiner Schüler und Mitarbeiter, liest sich wie eine an Namen orientierte Geistesgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Henri Bergson unD )ean Jaures waren seine Mitschüler, und Mitglieder des sog. Durkheim-Kreises haben Wissenschaftsgeschichte gemacht: M. Granet als Sinologe. Antoine Meillet. Ferdinand de Saussure und Emile Benveniste als Gründerväter der modernen Sprachwissenschaft. Marcel Mauss. D.s Neffe. Claude Levi-Strauss und Roger Caülois zählen zu den großen französischen Anthropologen und sind Wegbereiter des Strukturalismus: der Historiker Lucien Febvre steht am Beginn der »nouvelle histoire« in Frankreich.



      D. entstammt einer orthodoxen jüdischen Familie: sein Großvater war- wie bereits der Urgroßvater — Rabbiner in Mutzig im Elsaß gewesen, sein Vater bekleidete seit 1830 dieses Amt und wurde zu einem späteren Zeitpunkt Oberrabbiner der Vogesen und des Departement Haute-Marne. Auch seine Mutter Melanie war gläubige Jüdin, und so wundert es nicht, daß die Familie auch D. zum Rabbiner machen wollte. Dieses puritanische, streng religiöse Milieu hat D. stark geprägt: zeitlebens zeichneten ihn ein ausgeprägtes Pflichtbewußtsein, hohe Wertschätzung der Moral, stete Suche nach der Wahrheit, harte Selbstdisziplin, geistige Strenge und Ernsthaftigkeit aus, wenn er sich auch bereits während der Schulzeit vom Judentum lossagte und dem Katholizismus zuwandte. Seine Schulausbildung erhält D. in Epinal. Er ist ein guter Schüler und schließt 1874/75 mit den beiden Baccalaureats in Lcttres et Sciences ab. Er möchte Lehrer werden, setzt seine Ausbildung in Paris tort. wo er sich auf die Aufnahme 111 die »Ecole Normale Superieure« vorbereitet, der Institution, der seit 1843 die Lehrerausbildung obliegt, die sich darüber hinaus aber zur Eliteschule entwickelt hat. auf der Wissenschaftler aller Bereiche großgezogen werden. Erst nach dreimaligem Anlauf und härtester Vorbereitungsarbeit wird D. 1S79 aufgenommen. Von den sog. »norma-liens« wurde strengste Disziplin gefordert: ihre Lebensbedingungen waren spartanisch, das geistige Klima jedoch offen, rege und kameradschaftlich. In den Diskussionen unter den Mitschülern konkretisiert sich für D. die Vorstellung von einer Philosophie, die sich von traditionellen Mustern löst und die Phänomene stets in einem sozialen und politischen Zusammenhang sieht. Seine große Ausstrahlung als Diskussionsteilnehmer und Redner hat er damals bereits besessen: seine Lehrer bescheinigen ihm große persönliche Reife und intellektuelle Tiefe. Es ist vor allem Charles Renouvier, halboffizieller Philosoph der I

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Republik, der »republikanische Kant« , der ihn beeinflußt hat. indem er in der Philosophie einen Teil der politischen Kulturjener Zeit sah. dem Rationalismus und der Konzeption einer säkularen Moral verpflichtet war und stets die Würde und Autonomie des Individuums betonte. Auch Emile Boutroux. der Philosophiegeschichte lehrte, prägt D. in seinem rationalistischen und modernen Wissenschaftsverständnis. Größte Bedeutung hat für ihn jedoch der Kontakt mit dem Historiker Numa Denis Fustel de Coulanges, der von 1880 bis 1883 Leiter der »Ecole Normale Superieure« war. Er steht für die Neuorientierung der Geschichte als kritischer Wissenschaft, die jegliche Spekulation, auch die philosophische, ablehnt. In seinem Hauptwerk La Cite antique sieht er die Familie als Kernzelle der europäischen Kultur und die Religion als grundlegendes Element bei der Organisation der Gesellschaft. Er behandelt damit zwei Fragen, die zu D.s Zentralthemen werden sollten. Nach einer Krankheitspause besteht D. 1882 die Agregation und nimmt seine Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Gymnasien in Frankreich auf die bis 1887 andauert und lediglich von einem Studienaufenthalt in Deutschland unterbrochen wird: in Berlin. Marburg und Leipzig studiert er vor allem die neuen physiologischen Theorien und die Anfänge der Sozialwissenschaften. 1887 wird er nach Bordeaux beruten. um an der Universität an einem speziell für ihn geschaffenen Lehrstuhl als »Charge d un cours de Science sociale et de Pedagogie« Sozialwissenschaften zu lehren. Im gleichen Jahr heiratet er Louise Dreyfus, mit der er eine harmonische Ehe führt, aus der zwei Kinder, Marie und Andre, hervorgehen. In seinem privaten Leben hat die Familie für ihn ebenso große Bedeutung wie in seinem W erk. Die Jahre in Bordeaux bis 1902 sind eine Zeit harter und äußerst disziplinierter Arbeit, in der die bedeutendsten Publikationen entstehen: seine erste Dissertation handelt in lateinischer Sprache über Montesquieus Beitrag zur Gründung der Soziologie . seine zweite handelt De la dii ision du travail social, etude sur l Organisation des societes superieures , 1895 folgt sein Hauptwerk Les regles de la methode sociologique . Die berühmte Studie über den Selbstmord folgt 1897: Le suieide . 1898 gründet er die Zeitschritt LAnnee sociologique. deren Herausgeber er bis 1910 ist, die man als sein »methodisches Laboratorium« bezeichnet und aus deren Mitarbeitern sich der Durk-heim-Kreis konstituiert. D. selbst schreibt Artikel, so über den Ursprung des Inzestverbotes, zur Rekgions- und Verbrechenssoziologie, über den Totemismus, steuert aber vor allem eine fast unübersehbare Anzahl von Rezensionen über historische, ethnologische, juristische, anthropologische, pädagogische und nicht zuletzt über soziologische Studien bei. die meist weit über eine reine Buchbesprechung hinausgehen und in denen Wesentliches zur Begründung der Sozialwissenschatten, zur Formulierung der soziologischen Methode, geleistet wird.
      Im lahr 1902 erhält D. das Angebot, am Lehrstuhl für Pädagogik der Sorbonne den Lehrstuhlinhaber zu vertreten, um 1906 selbst diese Funktion zu übernehmen. Dies geschah nicht ohne Kritik, vor allem von Seiten katholischer Intellektueller, die sich an D.s Konzept der säkularen Erziehung stießen und »Soziologie« zu sehr in der Nähe des »Sozialismus« sahen. 1913 erfolgt die Umbenennung des Lehrstuhls in einen pädagogischen und soziologischen, was die Soziologie als akademische Disziplin erstmals offiziell beim Namen nennt. D.s Kurse jener Zeit handeln über die Geschichte des »Ensei-gnement secondaire» 111 Frankreich, die Entwicklung von Ehe und Familie, über pädagogische Doktrinen, über Saint-Simon und Comte. Seine Hauptaktivitäten in Jen letzten Lebensjahren sind weniger wissenschaftliche als politisch-patriotische. Er arbeitet in öffentlichen Gremien und Komitees mit. unterstützt Frankreichs Kriegspolitik, wie er schon immer die I

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Republik unterstützt hatte. 191s wird sein Sohn Andre, der auch sein Schüler und »normalien« war. im Serbienfeldzug verwundet und stirbt im Dezember des Jahres in einem bulgarischen Lazarett. Nach außen hin wirkt er gefaßt, doch spüren die engsten Vertrauten, daß er sich von diesem Schicksalsschlag nicht mehr erholen wird. D. schreibt Analvsen über den Pangermanismus. dessen pathologische Natur und Gewaltonennertheit er offenlegt. 1916 erscheint seine Lettre a tous les Fraticais, in der er seine Landsleute mit dem Motto »patience. confiance. effort« moralisch aufbauen und zum Durchhalten auffordern will, ohne dabei in einen aggressiven Nationalismus zu verfallen. Zeugen aus dem letzten Lebensjahr beschreiben ihn als von asketischer Magerheit, mit fiebrigen Augen und unsicherem Gang, der über den Tod seines Sohnes kaum reden kann. An seinem letzten Werk über die Ethik kann er nicht mehr konzentriert arbeiten. Im Herbst 1917 zieht er sich nach überstandener Krankheit nach Fontainebleau zurück. Er wirkt abgeklärt, sieht die Dinge, kurz vor seinem Tod, mit großer innerer Distanz.
      Welches sind die Einflüsse, die ihn geprägt haben, seine Hauptgedanken, welches ist die Wirkung seines Werkes? Seine Herkunft aus dem elsässischen Judentum ist von zentraler Wichtigkeit, denn die Bedeutung der Religion als norm- und wertestiftender Institution, als Faktor bei der Gruppenbildung innerhalb der Gesellschaft, hat er am eigenen Leib erfahren. Im Elsaß lebte bis 1S70 der größte Anteil der jüdischen Bevölkerung Frankreichs, und die elsässischen Juden zeichneten sich durch starke Assimilationstendenzen aus, waren meist patriotisch und republikanisch eingestellt. Für sie war die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg eine doppelte: der wachsende Antisemitismus gab ihnen die Schuld am nationalen Desaster, was deren patriotische Gefühle empfindlich traf, waren sie doch stets bereit, die I

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Republik zu verteidigen. Auf diesem Hintergrund wird die Suche nach neuen geistigen und politischen Orientierungen, die aus der Gegenwartskrise herausführen sollten, für die französische Gesellschaft, besonders aber für die jüdischen Intellektuellen, verständlich. Die Soziologie, wie D. sie entwarf, sollte Werkzeug der Krisenbewältigung sein. Moralwissenschatt. die die angeschlagene Gesellschaft neu konstituieren sollte.
      Ebenso aber verstand D. sein Fach als Erziehungswissenschaft. Er ging dabei davon aus, daß Erziehung ein nicht endender Prozeß, eine soziale Tatsache ist. die das Bild des jeweiligen Ideals vom Menschen widerspiegelt und deren Ziel die Sozialisation, die »zweite Geburt« des Menschen, ist. D.s Ziel ist zweifelsohne, ein neues Svstem republikanischer und säkularer Erziehung im Dienst der I

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Republik zu schaffen. Die theoretischen Positionen, die D. entwickelt hat. haben die moderne Soziologie geprägt: Zuerst verdient eine zentrale methodische Forderung Beachtung, daß soziale Tatsachen nur durch soziale und nicht beispielsweise durch psychische Faktoren erklärt werden können, wie er es am Beispiel der Arbeitsteiligkeit, die immer aus sozialen Ursachen entsteht, erklärt. Damit wird der Soziologie ein spezifischer Untersuchungsgegenstand zugewiesen, der mit spezifischen Methoden und von Soziologen durchgeführt werden muß. Die Soziologie muß, so heißt es in den Regles. als rationale Wissenschaft dem Kausahtätsprinzip verpflichtet sein und sich jeglicher Spekulation enthalten. Notwendige Voraussetzung für die Existenz der »faits sociaux«ist für D. die des Kollektivbewußtseins. Es ist vom individuellen Bewußtsein unterschieden und wird als »Gesamtsystem von gemeinsamen Ãœberzeugungen und Gefühlen« verstanden, das in einer Gesellschaft repräsentiert ist, ein festes System und eigene Existenz hat. Auch sein Werk über den Selbstmord greift auf die Idee der »conscience collective« zurück; D. geht darin davon aus, daß das Individuum von einer kollektiven moralischen Realität beherrscht wird. Er diagnostiziert eine kollektive Krankheit der Gesellschaft - auf der Basis von statistischem Material - die nicht so sehr auf wirtschaftliche, sondern aut moralische Armut zurückgeht. Der Selbstmord ist ein Symptom dieser Krankheit und somit gesellschaftsbezogenes Faktum. D. legt die Lockerungen der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft offen und verweist auf nicht funktionierende Gruppenstrukturen. Persönliche Motive eines Selbstmordes leugnet D. indes nicht, ordnet diese doch stets den sozialen unter und fordert, die verlorengegangenen personalen Bindungen der Gesellschaft neu zu beleben.
      Fragt man nach Bedeutung oder Wirkung D.s. wird man Rene Königs Urteil zustimmen, der ihn als einen »großen Anreger« gewürdigt hat. als jemanden, der »unentwegt Fragen stellte, selbst wenn er keine Antworten oder nur ungenügende Antworten für sie wußte«. Hervorzuheben sind die enzyklopädische Breite seines Wissens und seine wissenschaftliche wie intellektuelle Integrität. Die Mitglieder des um ihn versammelten Kreises haben ein Stück europäischer Wissenschaftsgeschichte geschrieben. D. war - geprägt durch das streng religiöse Klima seiner Kindheit -sicherlich ein wertkonservativer Mensch, der Religion und Familie immer wieder untersucht hat. Ganz dem Rationalismus verpflichtet, glaubte er an eine moraUsche Erneuerung, an die Ãœberwindung der kollektiven gesellschaftlichen Krise durch die neue Wissenschaft: die Soziologie.
      König. Rene: Emile Durkheim zur Diskussion. Jenseits von Dogmatismus und Skepsis. München
19-S. König. Rene: Emile Durkheim. Der Soziologe als Moralist. In: Klassiker des soziologischen
Denkens. Bd. 1. Von Comte bis Durkheim. Herausgegeben von Dirk Käsler. München 1976,
S. 312-564. Lukes. Steven: Emile Durkheim. His Lite and Word. New York Evanston San Francisco London
19-2. Bierstedt. Robert: Emile Durkheim. London 1966.


Zola, emile

Emile Zola, der letzte der großen französischen Romanciers des 19. Jahrhunderts, ist der Begründer und wichtigste Theoretiker des literarischen Naturalismus, mit seinem Gesamtwerk auch der bedeutendste Autor dieser Richtung in der europäischen Literatur. Der Sohn eines aus Italien stammenden Bauing .....
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