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Chomsky, Avram Noam



In der Philosophie. Psvchologie und Linguistik verbindet sich eine gleichermaßen spektakuläre Wirkung mit den Schritten des Sprachwissenschaftlers Ch. In der Linguistik führten sie, um es mit einem Begntt Thomas S. Kuhns zu sagen, zu einem Paradigmenwechsel - eine neue Art von sprachwissenschaftlicher Forschung etablierte sich: in der Psvchologie erlangte Ch.s sprachnativistische Auffassung einen bestimmenden Einfluß: sein Restitutionsversuch der alten cartesianischen Lehre von den angeborenen Ideen erregte in der Philosophie besonderes Aufsehen. In den USA wurde Ch. vor allem durch seine radikale Kritik an der imperialistischen Kuba- und Vietnampolitik sowie den hiermit verbundenen opportunistischen Tendenzen der Intellektuellen populär. - Von 194.5 bis iyso studierte Ch. in Pennsylvania Linguistik, Mathematik und Philosophie. Das Handwerkszeug der klassischen Philologie vermittelte ihm sein Vater, der am Graz College 111 Philadelphia Hebräisch unterrichtete. Während des Studiums war es zunächst politische Sympathie, die ihn mit seinem Lehrer Zeckg Harris - neben Leonard Bloomfield der bedeutendste Repräsentant des amerikanischen Strukturalismus - verband. Seme philosophische Ausbildung erhielt er in erster Linie von dem neocmpinstischen Philosophen Nelson Goodman. In den frühen Publikationen [Syntactic Structitrcs. 19s": Strukturen der SyntaX) verband Ch. strukturalisti-sehe Grammatikkonzepte mit bestimmten Ãœberlegungen aus der Mathematik Im Strukturalismus war der Ausgangspunkt der Linguisten eine Sammlung sprachlicher Daten - ein sogenannter Korpus. Da ein Korpus immer nur endlich viele Elemente einer Sprache enthalten kann, ist er als Grundlage für die Konstruktion einer Grammatik ungeeignet. Mittels einer Datensammlung, so Ch.. kann die kreative Fähigkeit eines Sprechers, unendlich viele neue Sätze zu produzieren, nicht erfaßt werden. Also muß das sprachliehe Wissen der Sprecher Ausgangspunkt einer linguistischen Theorie werden. 2.) Im Strukturalismus war es das Ziel der Sprachwissenschaft, die Elemente in einem Korpus zu klassifizieren. Ch. hingegen möchte eine Theorie konzipieren, welche die Regeln angibt, die der Konstruktion von Sätzen zugrundeliegen. 3.! Das Verhältnis zwischen linguistischer Theorie und der Grammatik einer Sprache wurde im Strukturalismus so gedacht, daß eine Theorie dem Linguisten praktische Verfahren zur Verfügung stellen sollte, mittels welcher die richtige Grammatik für eine Sprache konstruiert werden konnte . AuifindungsvcriahreN). Ch. zufolge ist dieser Anspruch zu hoch, eine lmgui-stische Theorie kann allenfalls Kriterien vermitteln, die es ermöglichen. z.B. eine von zwei für eine Sprache vorgeschlagenen Grammatiken als die bessere auszuzeichnen .



      Neben dieser Kritik an den strukturalistischen Methoden und Zielen rindet sich in Ch.s Schritt Syutactic Structures die Diskussion einiger formaler und generativer Modelle, die sich für eine Beschreibung der Syntax natürlicher Sprachen anbieten. Unter einer generativen Grammatik versteht Ch. einen Mechanismus, der alle möglichen und nur die in einer natürlichen Sprache möglichen Sätze hervorbringen kann. Eine solche Grammatik muß explizit sein und die Eigenschaft der Rekursivität besitzen. Explizit ist eine Grammatik dann, wenn sie alle Regeln enthält, die der Konstruktion von Sätzen zugrundeliegen, und wenn sie die Bedingungen formuliert, unter denen diese Regeln anwendbar sind. Rekursiv ist die Grammatik, wenn sie mittels einer endlichen Menge von Regeln unendlich viele Sätze erzeugen kann. Ch. diskutiert »Grammatiken mit endlich vielen Zuständen« und eine Phra-senstrukturgrammatik - letztere ist eine kalkülisierte Version der bereits im Strukturalismus verwendeten Konstituentenstrukturgrammatiken. Beide Modelle erweisen sich für eine Beschreibung der Svntax natürlicher Sprachen als ungeeignet. Mittels des auf Markovprozessen basierenden Modells einer Grammatik mit endlich vielen Zuständen lassen sich zwar unendlich viele Sätze erzeugen, aber es gibt bestimmte Mechanismen der Satzbildung, die in einem solchen Modell nicht angemessen darstellbar sind. Die Regeln einer Phrasenstrukturgrammatik können mitunter nur sehr einlache Sätze erzeugen: Phänomene wie z.B. die Verwandtschalt von Aktiv- und Passivsätzen oder strukturelle Mehrdeutigkeiten werden von ihnen nicht erfaßt. Deshalb schlägt Ch. vor. die Regeln einer Phrasenstrukturgrammatik durch Transformationsregeln zu ergänzen, die dann z.B. in der Lage sind, einen mittels der Phrasenstrukturregeln erzeugten Aktivsatz in den entsprechenden Passivsatz umzuformen. Mit diesem Modell gelang es Ch.. die Svntax natürlicher Sprachen als formales System zu explizieren.
      In seiner zweiten großen Schrift Aspects or the Thecry of Syntax wird dieses auf die Svntax reduzierte Modell der Sprache - ein Erbe strukturalistischer Ideologie - ergänzt. In dem auch als »Standard Theory« bekannten Aspects-Modell unterscheidet Ch. zwischen der syntaktischen, phonologischen und semantischen Komponente einer Grammatik. Im Mittelpunkt dieses Modells stehen weiterhin syntaktische Analysen. Die syntaktische Komponente der Grammatik setzt sich zusammen aus einer Basis und einem Transformationstell: erstere besteht aus Phrasenstrukturregeln und einem Lexikon, welche dazu dienen, sogenannte Tiefenstrukturen von Sätzen zu erzeugen. Diese Tietenstrukturen dienen als Input für den Translormationsteil: mittels der Transformationsregeln werden die Tietenstrukturen umgebaut und in Oberflächenstrukturen - welche identisch sind mit den wohlge-lormten Sätzen einer Sprache - überführt. Da Ch. die semantische und phonologische Komponente rein interpretativ denkt, leidet dieses Modell immer noch an einer syntaktischen Engführung der Sprachtheorie. Erst Ch.s Schüler Ross, Lakoff und McCawley vertierten die semantischen Ãœberlegungen innerhalb der generativen Bewegung.
      Seit den 70er Jahren ist Ch. mit einer Revision und Modifikation des von ihm konzipierten Grammatikmodells beschäftigt. Diese Neuerungen betreffen vor allemdie Formulierung von Beschränkungen, welche die Anwendbarkeit und damit die generative Kraft der Transformanonsregeln einschränken sollen. Seine neueren Schriften zu diesem Thema sind Essays on Form and Interpretation und Lecturcs on Government and Binüing .
      Während Ch. zunächst an der Entwicklung einer formalen Syntaxtheorie interessiert war. führten ihn die Ergebnisse seiner sprachwissenschaftlichen Forschung dazu, mehr und mehr auch psychologische und philosophische Ãœberlegungen über die Beschaffenheit des menschlichen Geistes anzustellen. Schon in den Aspects ist es nicht mehr das Ziel Ch.s. mit der Grammatiktheorie die Sprache zu beschreiben, beschrieben werden soll die "Kompetenz" des Sprechers einer Sprache. Unter Kompetenz -Ch. unterscheidet sie von der -Performanz«. dem jeweils konkreten Gebrauch der Sprache - versteht er das intuitive sprachliche Wissen eines Sprechers, welches der Performanz zugrundeliegt. Eine Grammatik soll die diesem Wissen impliziten Regeln explizieren. Das Regelsystem der Grammatik wird hier begriffen als das Abbild eines psychologisch realen Regelsvstems, das angeblich die Grundlage der Sprachfähigkeit bildet. Mit dieser mentalistischen Position richtet sich Ch. gegen den Behaviourismus in der Psychologie. So hatte er schon 1959 eine kritische Rezension von B.F. Skinners I erbal Behaviour verfaßt. Ch. kritisierte vor allem die pseudowissenschaftlichen Begriffe der behaviounstischen Psychologie, die er als die Alltagssprache paraphrasie-rende Wendungen entlarvte. In den Folgejahren wurde seine Auffassung vom Erstspracherwerb eines der Hauptargumente gegen den Behaviourismus. Aut der Grundlage seiner grammatischen Forschungen formuliert er empirische Argumente dafür, daß die Sprachtahigkeit dem Menschen angeboren ist und nicht nach dem behaviounstischen Lernmodell von Reiz und Reaktion erklärt werden kann. In diesem Zusammenhang ist sein Begriff der »Universalgrammatik- zu nennen: Er ist der Ansicht, dal] es allen Sprachen gemeinsame Elemente gibt, die als linguistische Universalien bezeichnet werden können. So sollen insbesondere seine Analysen auf der tiefenstrukturellen Ebene diese Auffassung stützen — Ch.s Theorie will sich als cm Beitrag zur universalgrammatischen Forschung verstanden wissen. Die Annahme linguistischer Universalien und die These eines genetischen Fundaments des Sprachvermögens ergänzen sich wechselseitig.
      Mit diesen Ãœberlegungen reiht sich Ch. in eine von ihm als »eartesiamsche Linguistik« bezeichnete Tradition ein. Er entdeckt Präfiguratio-nen seiner eigenen Konzeption in der Tradition des philosophischen Rationalismus, so etwa bei Leibniz. Deseartes. den Grammatikern von Port Royal, Herder und W. v. Humboldt. E)ie Gemeinsamkeiten zwischen der rationalistischen Sprachphilosophie und der Theorie Ch.s lassen sich wie tolgt zusammentassen: Die Sprache wird als eine spezifisch menschliche Fähigkeit aufgefaßt. Die wichtigste Eigenschaft der menschlichen Sprache ist ihre Kreativität. Es handelt sich bei der Sprachtahigkeit um ein angeborenes Vermögen. Bestimmte Elemente sind allen menschlichen Sprachen gemeinsam. L3ie Unterscheidung zwischen Tiefenstruktur und Oberflächenstruktur findet sich 111 der rationalistischen Tradition als Unterscheidung zwischen einem inneren und äußeren Aspekt der Sprache.
      In der Schrift Rulcs and Reprcsctitations befaßt sich Ch. mit der Frage nach einer biologischen Fundierung seiner mentalistischen Position.

     
Er plädiert für eine Ãœbertragung naturwissenschaftlicher Verfahren aut die Linguistik und Psychologie. Der Neurophysiologie weist er die Aufgabe zu. physiologische Korrelate der Sprachfähigkeit des Menschen auszumachen. Untersuchungen über die Strukturen und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns sollen seine Hypothesen stützen. Insbesondere diese Position Ch.s wird in der Philosophie kontrovers diskutiert; auch in der Linguistik rückt man von dem psychologischen Anspruch der Granimatiktheone ab. Zudem kehrt man zu transformationslosen Modellen der Grammatikschreibung zurück, so etwa mit der »Generalisierten Phrasenstrukturgram-matik« von Gerald Gazdar und der »Functional Unification Grammar« von Martin Kay. Die Aufgabe der Transformationen wird in diesen Modellen oft von dem Lexikon übernommen.
      Newmeyer. Fredenck j.: Linguisdc Theorv in America. The First Quarter Century ot Transtor-matorial Generative Grammar. New York ly-So.
      Hermanns. Fritz: Die Kalkühsierung der Grammatik. Philologische Untersuchungen zu Ursprung, Entwicklung und Ertolg der sprachwissenschaftlichen Theorien Noam Chomskys. Heidelberg 1 y~y.

      Christoph Demmerliiig


Chomsky, noam

Noam Chomsky hat mit seinen Werken wie Aspekte der Syntaxtheorie und Reflexionen über die Sprache die Vorstellungen über Sprache und Denken revolutioniert. Chomsky ist seit 1955 Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology. In seinem ersten Buch Strukturender5yntax stellte er .....
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