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Barthes, Roland



Zu Beginn der 6ocr Jahre wird in Paris das seit den 40er Jahren vorherrschende Denksvstem des Existentialismus vom Strukturalismus abgelöst. Die existentialistische Vorstellung einer Dialektik von Determination und Freiheit, eines innerhalb seiner Fremdbestimmtheit trei handelnden Subjekts der Geschichte weicht der Ãœberzeugung von der Determination des Menschen durch wissenschaftlich erforschbare Strukturen, denen des Unbewußten, der soziokulturellen Zeichen- und Kommunikationssysteme. Diese stnikturalistische Wende, die durch die Namen Claude Levi-Strauss. Michel Foucault und Jacques Lacan markiert wird und zum dominierenden Interesse an Linguistik und Semiologic führt, hat B. wie ein teilnehmender Ethnologe gleichzeitig praktiziert und kommentiert, ohne je bei den von ihm selbst mitentwik-kelten Theorien stehen zu bleiben. In seinem ersten Buch, Le degre zero de l ecriture , versucht er nachzuweisen, daß ein Text nicht in seiner Kommunikationsfunktion aufgeht, sondern noch von einer zweiten sprachlichen Schicht strukturiert ist. in der sich eine fälschlich als natürlich emptundene und daher als solche nicht mitteilbare Beziehung zum jeweiligen historischen Augenblick niederschlägt, in dem der Text entsteht. Diese Beziehung nennt B. »ecriture«. Da der zeitgenössische Schriftsteller die bürgerliche Gesellschaft nicht mehr als natürlichen Zustand empfinden kann, er aber nur über eine »ecriture" verfügt, die er von deren bürgerlicher Geschichte ererbt hat. befindet sich die Literatur zwangsläufig in einer Krise: »als Notwendigkeit bezeugt die Zerrissenheit der Sprachen, die untrennbar ist von der Zerrissenheit der Klassen: als Freiheit ist sie das Bewußtsein von dieser Zerrissenheit und die Anstrengung, die diese überschreiten will... Literatur wird zur Utopie der Sprache.« Um den Schein der Natürlichkeit historisch bedingter gesellschaftlicher Interessen zu entlarven, wendet B. in seinen Mythologie* Strukturalistische Methoden aut die Untersuchung sprachlicher und nicht-sprachlicher Produkte der Massenkommunikation und des Massenkonsums an und kommt zu dem Ergebnis, daß deren manipulatorische Mystifikation mittels Ãœberlagerung der Kommunikation durch mythenähnliche Metasprachen zustande kommt. Die subversive Funktion einer solchen Mythologie des Alltags wird von B. im Namen der Freiheit bejaht: »da für gewiß hält, daß der Mensch der bürgerlichen Gesellschaft in jedem Augenblick in falsche Natur getaucht ist. versucht sie. unter den Unschuldigkelten noch des naivsten Zusammenlebens die tiete Entfremdung aufzuspüren, die zusammen mit diesen Unschuldigkelten hingenommen werden soll. Die Entschleierung, die sie vornimmt, ist also ein politischer Akt.« Von i an setzt B.. der sein Leben - abgesehen von einigen Auslandsaufenthalten -als Gymnasiallehrer, Lektor. Zeitschriftenredakteur und Hochschullehrer verbringt, seine Forschungen als Leiter eines von ihm gegründeten Zentrums für Massenkommunikation an der »Ecole Pratique des Hautcs Etudes« in Paris und der von diesem Institut herausgegebenen Zeitschrift Communications tort. Dort entwickelt er seine Elements de setniologie , seine Grundlegungen für eine allgemeine Zeichentheone. Dennoch empfindet er ein tiefes Unbehagen bei dieser entlarvenden Tätigkeit des Mythologen: »wenn der Mythos die gesamte Gesellschaft befällt, muß man. wenn man den Mythos freilegen will, sich von der gesamten Gesellschaft entternen ... Und doch zeigt sich darin, was wir suchen müssen: eine Aussöhnung des Wirklichen und der Menschen.« Dieser Wunsch nach »Aussöhnung des Wirklichen und der Menschen« wird für B. zunehmend zum Stimulans seiner weiteren Untersuchungen: Warum ist der Mensch durch manipulatorische Mythen verführbar? Wegen seines Leidens unter entfremdenden Zwängen, wegen seines Wunsches nach Vermeiden von Angst und Schmerz. Wegen seiner Begierde nach Lust. Also verbirgt sich hinter den manipulatorischen Mythen, detormiert durch das alltägliche Angebot von Ersatzbefriedigungen, ein Diskurs der Lust. »Jeder etwas allgemeine Mythos ist effektiv zweideutig, weil er die Humanität selbst jener repräsentiert, die ihn. da sie nichts besitzen, entliehen haben.« Um das Aufspüren dieser Humanität geht es B.. um das, was sich der Logik und Kohärenz des kommunikativen Diskurses, der Repression der manipulatorischen Mythen entzieht und sich in Widersprüchen, Alogismen, unbeabsichtigten Assoziationen, unwillkürlichen Vermischungen inkommensurabler Zeichensysteme mamtestiert. Und da sich der Diskurs der Lust am ehesten an literarischen Texten autdecken läßt, widmet sich B. neben seinen Untersuchungen der Mythen der Massenkommunikation und des Massenkonsums, so La tour Eiffel von 1964 {Der EiffelturM). System de la inode von 1967 und L empire des signes von 1970 {Das Reich der ZeicheN), einem Buch über Japan, weiterhin der Literaturkritik, wie in liebelet par lui-meme von 1954 . in Sur Racine von 1963 und den Essais critiques von 1964 - eine deutsche Auswahl aus diesen beiden Schriften erschien unter dem Titel Literatur und Geschichte —, in Critique et verite von 1966 in S Z und in Sade, Fourier, Loyola . Bei diesen Untersuchungen entwickelt B. zunehmend einen von Wortneubildungen und Sprachspielen durchsetzten assoziativen, aphoristischen Stil, mit dem er den Diskurs der Lust einer Lektüre der Lust nachzubilden sucht. Diese Methode führt er in Le plaisir du texte 11973: Die Lust am TexT) vor: »Man denke sich einen Menschen ..., der alle Klassenbarrieren, alle Ausschließlichkeiten bei sich niederreißt.... der alle Sprachen miteinander vermengt, mögen sie auch als unvereinbar gelten, der stumm erträgt, daß man ihn des Illogismus... zeiht.... der sich nicht beirren läßt vom Gesetzesterror ... Ein solcher Mensch wäre der Abschaum unserer Gesellschaft: Gericht. Schule, Irrenhaus und Konversation würden ihn zum Außenseiter machen . .. dieser Antiheld existiert: es ist der Leser eines Textes in dem Moment, wo er Lust empfindet. Der alte biblische Mythos kehrt sich um. die Verwirrung der Sprachen ist keine Strafe mehr, das Subjekt gelangt zur Wollust durch die Kohabitation der Sprachen.« Dem nicht beschreibenden, sondern simulierenden Aufspüren des Diskurses der Verliebten, ist eines der ungewöhnlichsten Bücher B. gewidmet: Fragments d un discours amoureux . Aber auch eine solche assoziative Lektüre befriedigt ihn schließlich nicht mehr, denn »die vom Buchstaben des Textes erzeugten Assoziationen sind niemals anarchisch: sie sind immer in bestimmten Codes, in bestimmten Sprachen, in bestimmten Stereotypenlisten eingeiangen. Die subjektivste Lektüre... ist immer nur ein Spiel nach bestimmten Regeln.« Selbst spielerisch also bleibt man im System der Zeichen eingeschlossen, bei dem das »signihant«. der Zeichenträger, immer nur auf das »signitie«. das Bezeichnete, verweist, nie auf das »refcrent«. die unbezeich-nete Realität. In seinem letzten Buch. La chambre claire von 198c präsentiert er daher eine Ausdrucksform, der es gelingen kann, aus jedem Zeichensystem auszubrechen und das «refcrent« ohne Codes darzubieten: das nicht arrangierte Amateur- oder Dokumentartoto. Vom Gegenstand eines solchen Fotos kann man nur sagen, daß er unleugbar »da gewesen« ist. Diese Unmittelbarkeit bezieht ihre furchterregende Faszination aus der Erfahrung der Unwiederbringlichkeit der Realität. B. wagt die Behauptung, daß in unseren areligiöscn Kulturen, in denen der Tod keinen kulturellen Platz mehr hat. die Erschütterung vor einem Foto vielleicht diesen Platz einnehmen kann.



      Trotz seiner zunehmenden Entfernung vom Diskurs der Wissenschaft, gerade auch von der von ihm selbst entwickelten Scmiologie. erhält B. 19— einen Lehrstuhl für Semiologie am »College de France«. In seiner Antrittsvorlesung schildert er die Entwicklung seiner Forschungen: »Ich müßte mich gewiß zunächst nach den Gründen fragen, die das College de France bewogen haben können, ein unsicheres Subjekt aufzunehmen ... wenn es auch zutrifft... . daß ich meine Forschung sehr früh mit der Entstehung und Entwicklung der Semiologie verknüpft habe, so trifft doch auch zu, daß ich wenig berechtigt bin. diese zu repräsentieren, so sehr war ich - kaum erschien sie mir konstituiert - geneigt, deren Definition zu verschieben und mich auf die exzentrischen Krätte der Modernität zu stützen.«


Barthes, roland

Roland Barthes ging es stets darum, den Blick der Gesellschaft für das alltägliche Leben zu schärfen. In seinen Untersuchungen entlarvte er die Wirklichkeiten des zeitgenössischen Films, der Musik, der Kleidung, der Literatur und der Werbung als ein gesellschaftlich konstruiertes Zeichensystem, das .....
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Roland barthes nietzscheanische Ästhetik des signifikanten

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