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Philosophen biographisch

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Arendt, Hannah



Die Sprache ihrer philosophischen und poetischen Heimat blieb Deutsch. Französisch war die Sprache des ersten Exils wie später Englisch die ihrer zweiten Staatsbürgerschaft, während sie die Werke ihrer politischen Philosophen im griechischen und lateinischen Original las. Bereits ihre Sprachenviel-talt spiegelt die Privatperson A. - die 111 Menschen »nur darum zur Politik begabte Wesen« sah. »weil sie mit Sprache begabt sind» - in ihrem Leben und Werk als Exponentin und Medium geistig-gesellschaftlicher Konstellationen und Tendenzen des 20. Jahrhunderts. »Denken war ihre Leidenschaft« auch in dem konkreten Sinne, in den Schriften zur .Moralphilosophie. Geschichte, politischen Theorie. Literatur ihre Erfahrungen epochaler Krisen in einer zugleich ldentitätssichcrnden wie politisch folgenreichen Weise zu verarbeiten. Den engen Zusammenhang aber von persönlichen Erfahrungen und Denken im "Lebensweg dieses hebenden Vernunttwesens« stiftete das »Bedürfnis zu verstehen, das schon früh da war« , und meinte mit Verstehen die »nie endende Tätigkeit, die uns dazu dient, die Wirklichkeit zu begreifen, uns mit ihr zu versöhnen, d.h. mit deren Hilfe wir versuchen, zu Hause zu sein«. Angesichts der beispiellosen Schrecken, die das »Heraufkommen totalitärer Regierungen« zeitigte, nahm diese Aufgabe des Verstehens für A. nie gekannte Dimensionen an. weil sie »unsere Kategorien des politischen Denkens und unsere Maßstäbe für das moralische Urteil eindeutig gesprengt« haben. Als Philosophin und politische Theoretikerin suchte A. daher den Konsequenzen ihrer fundamentalen Einsicht gerecht zu werden: Ihr schien die Krise des Verstehens mit einer grundlegenden Krise des Urteilsvermögens identisch zu sein, das jedoch gerade seine eigentliche Autgabe erst im Verschwinden überkommener Maßstäbe erhält. Ihre Analysen ließen sie nicht nur die tiefe Verwurzelung der geistig-moralischen Krise, die der Totalitaris-mus ans Licht gebracht hatte, in der westlichen Kultur erkennen, sondern erschlossen auch »fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart« . Durch ihre Kritik der politischen und kulturellen Wert- und Ordnungsmaßstäbe gelangte sie schließlich zu einer Neubegründung des Politischen. Diese führte A. im Hinblick auf ein Handeln und Denken, das die Welt als gemeinsame von und für Menschen zu seinem Standort gemacht hat. zu einer systematischen Reflexion über das Wesen und Funktionieren der menschlichen Urteilskraft, in der sie die »Gestalt der weltlichen Vernunft« iE. VollratH) entdeckte, denn »das Urteilen ist eine bedeutende, wenn nicht die bedeutendste Tätigkeit, bei der dieses Die-Welt-mk-anderen-teilen stattfindet«.



      Die eigenständige und schartsinnige A. verbrachte als Tochter eines Ingenieurs ihre ]ugend in einem sozialdemokratisch orientierten Elternhaus assimilierter Juden in Königsberg, wo ihre im 19. Jahrhundert aus dem Osten ausgewanderten Vorfahren lebten. »Ich habe von Haus aus nicht gewußt, daß ich Jüdin bin.« Die liberale Erziehung und schützende Vormundschaft der Mutter nach dem frühen Tod des schwer-kranken Vaters stärkten das Selbstbewußtsein der intellektuell frühreifen A.. die bereits mit 16 Jahren Kants Kritik der reinen I crmuift und ]aspers Philosophie der Weltanschauungen las. Nach einem Schulverweis sorgte die Mutter dafür, daß die Tochter an der Universität Berlin Vorlesungen in klassischer Philologie und christlicher Theologie bei Romano Guardini hören und später als externe Schülerin ihre Reifeprüfung ablegen konnte. Das Studium der Philosophie. Theologie und des Griechischen begann die romantische, von Kierkegaard beeinflußte Studentin zunächst bei Heidegger und Bultmann in Marburg - wo sie auch Jonas kennenlernte -. um es in Freiburg bei Husserl und anschließend bei Jaspers in Heidelberg fortzusetzen. Heidegger vermittelte ihr »die Vorstellung von einem leidenschaftlichen Denken, in dem Denken und Lebendigsein eins werden«. Er wurde zugleich die große Liebe ihrer lugend, und obgleich sie Heideggers Verhalten im Nationalsozialismus scharf kritisierte, verhielt sie sich später dennoch persönlich loval zu ihm. Lebensbestimmenden Einfluß gewann allerdings auch Karl laspers durch seinen »Begriff von Freiheit gekoppelt mit Vernunft« vor allem deshalb, weil er für A. »diese Vernunft sozusagen in praxi« verkörperte. Bei Jaspers schloß A. ihr Studium mit einer Dissertation über den Liebesheorift bei Aitaustiu ab . Methodisch an Jaspers orientiert, weist die Sprache der Arbeit und ihre Deutung der Liebe als eines Phänomens zeitlicher Existenz aut Heidegger zurück. Beachtliche kritische Resonanz erlangte A.s Arbeit durch ihr Außerachtlassen des Theologen Augustin und der öffentlichen Fachdiskussion.
      Trotz ihres Erfolgs wehrte A.s »Instinkt. . . sich gegen die Universität: sie wollte trei sein« : sie entwickelte in der Folgezeit ein reges Interesse an der deutschen Romantik, nicht zuletzt angeregt durch den befreundeten Benno von Wiese. Ihre Forschungen konzentrierten sich in Berlin . Die durch ein Stipendium der »Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft« geförderte und »schon mit dem Bewußtsein des Untergangs des deutschen Judentums« bereits 1933 in wesentlichen Teilen fertiggestellte Untersuchung diente A. auch als Medium der Selbstverständigung. Ihre Analyse der Art und Weise, »in der das Sich-Assimiheren an das geistige und gesellschaftliche Leben der Umwelt sich konkret in einer Lebensgeschichte auswirkte und so zu einem persönlichen Schicksal werden konnte«, erschloß in den luden auch eine besonders markante Gruppe jener - in Anlehnung an Max Weber und Paul Lazare als Parias bezeichneten - Außenseiter, deren Position für A. allererst ein unabhängiges Denken und Handeln ermöglichte.
      Der Reichstagsbrand und die anschließenden Verfolgungen waren »ein unmittelbarer Schock, und von dem Moment an habe ich mich verantwortlich gefühlt«. Doch kam für die bis dahin eher unpolitische A.. die seit ihrer Heidelberger Zeit mit dem Zionistcn Kurt Blumenfeld befreundet war. der auch ihr polinscher Mentor wurde, nur die illegale Arbeit tür die zionistische Organisation in Frage, »denn jetzt war die Zugehörigkeit zum Judentum mein eigenes Problem geworden. Und mein Problem war politisch. Rem politisch«. Nach kurzer Haft floh sie 1933 über Karlsbad und Genf nach Paris, wo sie - stets im Konflikt mit der beschwichtigenden Haltung assimilierter Juden dort - zumeist für jüdische Organisationen arbeitete und tür die Jugend-Aliyah Kinder auf ihr Leben in Palästina vorbereitete. Nach der Niederlage Frankreichs undmehrwöchiger Internierung im berüchtigten Lager Gurs gelangte A., zu deren Freunden in Paris auch Walter Benjamin gehörte, zusammen mit ihrer Mutter und ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher, einem ehemaligen Kommunisten, der ihr die Idee der Rätedemokratie vermittelte, im Mai 1941 nach New York. Als Staatenlose, die erst 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, trat sie besonders durch ihre politischen Kolumnen in der deutsch-jüdischen Wochenzeitschrift Aufbau hervor. Erlolglos warb sie für die Aufstellung einer eigenen jüdischen Armee und brach darüber mit dem offiziellen Zionismus, wie sie dessen Politik bei der Staatsgründung Israels, die sie grundsätzlich bejahte, später kritisierte. Bereits 1949 beschrieb sie die Verdrängung der Vergangenheit in Deutschland, der sie bei ihrer ersten Deutschlandreise mit einem offiziellen Auttrag zur Rettung jüdischen Kulturguts begegnete.
      Von der politischen Publizistin, die bewußt am Rande der Gesellschaft lebte und als Cheflektorin bei Schocken Books u.a. für die Tagebücher Kafkas verantwortlich war. wandelte sich A. zur auch ötfentlich anerkannten Theoretikerin der Politik, wie ihre zehn Ehrendoktorate und die Verleihung bedeutender Preise belegen. Ihren Wandel bezeugt vor allem der bedeutende, weil ihre Lebens-, Denk- und Arbeitsweise dokumentierende und die Nachkriegsertahrun-gen verarbeitende Briefwechsel 1926-ig6g mit Karl Jaspers, zu dem sie nach 1945 sofort Kontakt autnahm und ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. Anerkennung in Fachkreisen erhielt A. jedoch erst durch ihren wegen der These von der strukturellen Gleichheit von Faschismus und Stalinismus umstrittenen Versuch, aus dem Niedergang und Zerfall des Nationalstaats und dem anarchischen Auftreten der Massengeselischatr die Origins oj Totalitarianism autzudecken. Diese zeichnet sich für A. durch ihre Eigenart der Organisationsform des Terrors aus und unterscheidet sich durch die Konzentrationslager als Stätten des absoluten Terrors von anderen Herrschaftsformen. Wie A. in diesem Werk die Vernichtung polinscher Herrschaft untersucht, analysiert sie auch deren revolutionäre Begründung in ihren Studien zu den bürgerlichen Revolutionen . dem ungarischen Aufstand oder den Bewegungen studentischen Protests und zivilen Ungehorsams immer mit dem Blick auf ihre leitende Hypothese, daß Macht von keiner politischen Führung durch Gewalt zu ersetzen ist, da ihre legitime Macht sich einzig aus einer nichtdetormierten Ã-ffentlichkeit herleiten kann. »Macht besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.« Handeln aber als »die politische Tätigkeit par excellence« ist auf die ständige Anwesenheit einer Mitwelt angewiesen und gehört neben Arbeiten und Herstellen zu den elementaren Dimensionen »menschlichen Lebens, sofern es sich auf Tätigsein eingelassen hat« und von A. als l ita aaiva bestimmt wird. In der Klammer einer aristotelisch inspirierten Handlungstheorie rekonstruiert A. Handeln mit Blick auf jene neuzeitliche Umwertung menschlicher Tätigkeiten seit Descartes. die in den Massengesellschaften die Arbeit auf Kosten der politischen Handlungsfreiheit fetischisiert. In der Stilisierung ihres Bildes der griechischen Poiis zum Wesen des Politischen überhaupt ist die Untersuchung nur bedmgt aut das charakteristische Wcchselverhältnis von bürgerlichem Staat und Gesellschaft zu beziehen. Doch insistiert A. im Gegenzugzur abendländischen Philosophie, »die notgedrungen von dem Menschen sprach und die Tatsache der Pluraktät nebenbei behandelte«, folgeträchtig darauf, daß die politische Sicherung der öffentlichen Freiheit im »Erscheinungsraum« einer mtersubjeknv geteilten und durch das »Faktum menschlicher Pluralität» und Xatalität bestimmten Lebenswelt, die sich im Medium gemeinschaftlichen Handelns erst bildet, notwendig Sache jedes einzelnen ist.
      Deshalb trat A. selbst in aktuellen Stellungnahmen Zur Zeit als Kritikerin der McCarthy-Ã"ra. des Vietnam-Krieges oder Watergate-Skandals hervor, wie sie auch die entpolitisierende Wirkung von Bürokratie und repräsentativer Massendemokratie anprangerte. Umstrittener Mittelpunkt einer jahrelangen Kontroverse, die tür A. »ein klassischer Fall von Rufmord« war. wurde sie durch ihren zunächst im .Wir Yorker, dann in Buchiorm erschienenen Prozeßbericht Eichmann in Jerusalem . Einen Sturm kontroverser Stellungnahmen entfachten neben ihrem Angriff der politisch zweckgebundenen Prozeßführung durch den Ankläger und ihrer Kritik am Verhalten der Judenräte, die diese als mitschuldig am Holocaust erscheinen ließ, auch ihre Darstellung Eichmanns selbst. »Weit davon entfernt, irgendwelche Sympathie für Eichmann zu hegen« , zeigte A. die »Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das Denken scheitert«, die es dem Täter jedoch unmöglich machte, sich semer Untaten bewußt zu werden. Die gleichwohl unabdingbare Notwendigkeit des Urteils im Falle Eichmanns, der sich selbst eines verantwortlichen Urteils enthalten hatte, sowie die in der öffentlichen Debatte sich abzeichnende »Abneigung zu urteilen und das Ausweichen vor der Verantwortlichkeit. die man einzelnen zuschreiben und zumuten kann«, lösten bei A. weitausgreiiende Reflexionen aus. Nach Gastvorlesungen u.a. in Princeton und Harvard wirkte A. von 1963 an zunächst als Professorin an der Chicago Umversity. ab 1967 an der New School tor Social Research in New York. Stets der Meinung, »daß nur Selbst-Denken iett macht«, konzentrierte sich A. auf die Frage des Urteilens. in der sie den philosophischen Kern der Eichmann-Kontroverse und »eine der zentralen morahschcn Fragen aller Zeiten« sah. Aus Vorträgen in Schottland , dessen 3. Band Das Urteilen Fragment blieb. 111 dem sie das Denken. Wollen und Urteilen in ihrer Autonomie untereinander und im Verhältnis zur Verstandestätigkeit zu erlassen bestrebt war. um den Stellenwert der Urteilskraft für das Politische zu erschließen, in dem wir »es mit einer Form des Zusammenlebens zu tun , wo niemand regiert und niemand gehorcht. Wo die Menschen einander überzeugen.« Persönlich mit einem untrüglichen Gespür tür Integrität begabt, suchte sie im kritischen Bezug auf Kant, in dessen Werk sie ihre Konzeption der Ottentlichkeit vorgebildet sah. den Akt des Urteilens als den höchsten zu erweisen, »weil er einerseits den Kontakt zur Welt der Erscheinungen, der das Wollen kennzeichnet, aufrechterhält und andererseits das Verlangen nach Sinn, das das Denken beflügelt, befriedigt« . Das Wagnis der Ã-ffentlichkeit im Urteilen und Handeln, das sie bis zu ihrem plötzlichen Tod durch einen zweiten Herzinfarkt beschäftigte, erschien A.. die sich extremen Konservativismus wie umgekehrt Abkehr von der Tradition vorhalten lassen mußte, auch angesichts ihrer Erfahrungen als
»deutsche Jüdin im Zeitalter des Totalitarismus« nur möglich »in einem - schwer genau zu fassenden, aber grundsätzlichen - Vertrauen auf das Menschliche im Menschen. Anders geht es nicht.«
Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt. Leben und Werk. Frankfurt am Main 1986. Reif, Adelbert : Hannah Arendt. Materialien zu ihrem Werk. Wien München Zürich 1979.
     


Arendt, hannah

Sie wolle nicht wirken, sondern verstehen, äußerte Hannah Arendt 1964 in einem Gespräch mit dem Journalisten Günter Gaus. Dennoch war sie keineswegs nur eine politische Philosophin, sondern auch Prototyp einer engagierten und couragierten Intellektuellen. Hannah Arendt studierte nach der Schulzeit .....
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Als A. als schon alter Mann einmal darüber nachdachte, wie eine Sammlung seiner Lieblingsgedichte aussehen könne, da war er sich dessen sicher, daß in ihr ein Schlachtgedicht von August Stramm und Johann Wolfgang von Goethes Willkommen und Abschied stehen müßten. Damit sind Energien bezeichnet, die .....
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aber-und-aber-mundig Domdey, Horst. In: Erich Arendt. 1984, S. 82 - 89. Aus dem Schweigen De Nil, Lieve. In: Lesen, 1986, S. 51 - 61. Danach ... Bück, Theo. In: Celan-Jb 4, 1991, S. 151 - 184. Der Tänzer Naaijkens, Ton. In: Erich Arendt, 1984, S. 123 - 133. Die Schrecken des .....
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