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La Rochefoucauld, Frangois de - Leben und Biographie



Francois de La Rochefoucauld war ein Gelegenheitsschriftsteller, dessen Werke anonym erschienen, da sich literarische Aktivität für einen Adligen zu seinen Lebzeiten nicht geziemte. Er zählt zu den Moralisten, die Friedrich -* Nietzsche als »Menschenprüfer« bezeichnete, und ist der bedeutendste Vertreter dieser Literaturform in der französischen Klassik.
      La Rochefoucauld, der einer alten Adelsfamilie entstammte, war bereits mit 17 Jahren Offizier und nahm früh an politischen Auseinandersetzungen teil. Nach einer Verschwörung gegen Kardinal Armand Jean du Plessis Richelieu in der Bastille inhaftiert, wurde er als Anführer der Fronde , der Revolte des Hochadels gegen den Machtanspruch der absoluten Monarchie, schwer verwundet und zog sich 1652 auf seine Ländereien zurück.



      Ab 1656 lebte La Rochefoucauld wieder in Paris, wo LudwigX

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ihn 1659 rehabilitierte. Am politischen Leben nahm der Adlige nicht mehr teil, umso mehr jedoch am literarischen Leben der mondänen Salons. Die Marquise de Sable und die Herzogin von Montpensier empfingen ihn; er gehörtezum Freundeskreis der Madame de Montespan, der Mätresse des Königs. Mit der Schriftstellerin Marie Madeleine de -> La Fayette, in deren Haus er seit 1665 lebte und an deren Roman Die Prinzessin von Cleves er mitarbeitete, verband ihn eine enge Freundschaft. Seine Memoiren , die das Scheitern seiner politischen Karriere dokumentieren, sind von unschätzbarem Wert für die Kenntnis der Fronde. 1675 lehnte La Rochefoucauld die Aufnahme in die Academie Francaise ab.
      Reflexionen oder Sentenzen und moralische Maximen
Mit Reflexionen oder Sentenzen und moralische Maximen, einer Sammlung von über 500 Maximen, schuf Francois de La Rochefoucauld die französische Variante des Aphorismus nach antiken und spanischen Vorbildern. Entstehung: Schon ab 1658 arbeitete La Rochefoucauld an seinem Hauptwerk, das 1665 anonym erschien und bis 1678 mehrere überarbeitete Neuauflagen erlebte. Sie gingen aus einer Art Gesellschaftsspiel hervor: Im Salon der Marquise de Sable erarbeiteten und diskutierten die Gäste so genannten Sentenzen bzw. Reflexionen, die das Wesen des Menschen und sein Verhalten in der Gesellschaft erfassen und sich zu einem »Porträt des menschlichen Herzens« zusammenfügen sollten. Inhalt: In einem analytisch-beschreibenden, moralistischen Verfahren wird der Idealtyp der höfischen Gesellschaft, der »honnete homme«, erfasst, den La Rochefoucauld durch zwei Wesenszüge bestimmt sieht: Eigenliebe und Heuchelei. In der Eigenliebe sieht er den eigentlichen Impuls allen menschlichen Handelns; sie ist ein alles durchdringender Lebenstrieb, der auch vermeintlichen Tugenden zu Grunde liegt: Liebe, Freundschaft, Treue, Tapferkeit, Opferbereitschaft und Güte sind daher nichts anderes als die täuschende Außenseite eines allgegenwärtigen Selbsterhaltungstriebs, der in der streng hierarchisierten höfischen Gesellschaft jedoch verborgen werden muss und so zur Heuchelei führt. Als Motto stellt der Autor seinem Buch daher die Maxime voran: »Unsere Tugenden sind meist nur verkappte Laster.« »Meist nur« und »nichts anderes als« sind die sprachlichen Stereotypen eines pessimistischen Menschen-und Weltbildes, das gesellschaftlichen Schein stets auf das dahinter verborgene Sein reduziert.
      Bedeutung: Die Arbeit des Moralisten besteht darin, naiven Schein oder bewusste Heuchelei als solche zu entlarven und dahinter den Egoismus bloßzulegen. La Rochefoucauld stellt die Ergebnisse seiner Entlarvungspsychologie jedoch nicht in Form eines logisch argumentierenden Traktats vor, sondern in einer Fülle unverbundener Einzelbeobachtungen. Das bedeutet jedoch nicht etwa den Verzicht auf ästhetische Durchformung. La Rochefoucauld bedient sich vorzugsweise der Maxime , die auf kleinstem Raum ein Maximum an Erfahrung komprimiert, wobei die sprachliche Verknappung der Intensivierung der Aussage dient. Anfänglich lag der Beschäftigung mit der Maxime das Ziel zu Grunde, durch eine Kritik der menschlichen Tugenden zu zeigen, dass der Mensch ohne Gottes Gnade schwach ist und unfähig, »irgendeine Tat zu vollbringen, die nicht mit Unvollkommenheit untermischt ist«.
      La Rochefoucaulds Maximen ist indes jede theologisch begründete Hoffnung fremd; sie sind die illusionslose literarische Zerstörung jenes Helden, der historisch in der Fronde untergegangen war, eine Erfahrung, die La Rochefoucauld am eigenen Leib gemacht hatte. Als einzige positive Werte anerkennt er die Wahrheit und Authentizität als die Agenten der Analyse des »menschlichen Herzens«. Die literarische Kleinform des Aphorismus entspricht dem Verfall eines geschlossenen Welt- und Menschenbildes. Andererseits mildert ihr Kunst- und Spielcharakter zumindest teilweise ihre pessimistische Analyse . Stilistische Brillanz und ironische Distanz zur eigenen Aussage unterscheiden denn auch La Rochefoucaulds Maximen von den 1678 postum erschienenen der Marquise de Sable, aus denen ein noch größerer Pessimismus spricht. Wirkung: Das Werk La Rochefoucaulds ist das Ergebnis einer intensiven Stilarbeit. Ein Vergleich der fünf zu Lebzeiten erschienenen Ausgaben veranschaulicht sein Ringen um eine möglichst präzise Formulierung des Gedankens, von Nietzsche als »Kunst der Sentenzenschleiferei« bezeichnet. Durch diese stilistische Perfektion hat La Rochefoucauld nicht nur Nietzsche selbst, sondern die europäische Aphorismusliteratur insgesamt nachhaltig be-einflusst.
     


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