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Kross, Jaan - Leben und Biographie



Für sein umfangreiches literarisches Werk verdient Jaan Kross den Namen des modernen Chronisten Estlands. Im Mittelpunkt seiner historischen Romane stehen der steinige Weg einer kleinen Nation zur eigenen Identität und das in einzelnen Biografien personifizierte Schicksal eines jahrhundertelang unter fremdem Einfluss überlebenden Volkes.
      In der Randstellung der Esten innerhalb der europäischen Geschichte liegt der aufklärerische Anspruch von Kross begründet: »Diese blaue Leere im Bewusstsein Europas gilt es auszufüllen.«



Der Lebenslauf des Autors Kross ist für die Vertreter seiner Generation exemplarisch. Ge-boren im dritten Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes, studierte er Jura an der Universität Tartu . 1944 wurde Kross von den deutschen Besatzern verhaftet, um nach dem Machtwechsel im Land - inzwischen wieder auf freiem Fuß und Dozent in Tartu - 1946 von den Russen verhaftet und zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt zu werden. 1954 aus der Verbannung zurückgekehrt, begann er Kross schreiben und veröffentlichte zunächst Lyrik und Ãobersetzungen, seit Anfang der 1970er Jahre historische Novellen {Vier Monologe Anno Domini 1506, 1970) und Romane . Kross wurde mehrfach für den Nobelpreis nominiert und erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen.

      Der Verrückte des Zaren
Die Handlung des Romans spielt in den baltischen Provinzen des Russischen Reichs in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bietet zugleich Parallelen zur sowjetischen Wirklichkeit, in der dieser Roman entstand. Inhalt: In Form eines Tagebuchs erzählt der Roman die Geschichte des livländischen Adeligen Timotheus von Bock , der sich der Willkür des Zaren Alexander 1. widersetzt. 1818 für neun Jahre eingekerkert wird, um später den Rest seines Lebens unter ständiger Aufsicht auf dem Familiengut Woiseck zu verbringen.
      Als Offizier der russischen Armee beteiligt sich von Bock unter anderem an den Feldzügen gegen Napoleon und erwirbt in dieser Zeit die Gunst des Zaren Alexander, der ihm als seinem Freund und Vertrauten folgenden Eid abnimmt, stets nur die Wahrheit seinem Souverän gegenüber zu sagen. Sein Versprechen hält von Bock dem Eid getreu ein und offenbart dem Zaren in einem Memorandum seine Gedanken über die Missstände im Russischen Reich und seinen baltischen Provinzen, ohne dabei die Person des Zaren selbst zu verschonen. Von Bock schreckt auch vor dem Vorschlag nicht zurück, die absolutistische Monarchie abzuschaffen, und verlangt die Einführung einer Konstitution.
      Mit seiner Kühnheit erreicht er jedoch das genaue Gegenteil und muss eine harte Strafe hinnehmen, die ihn körperlich und geistig ruiniert. Nachdem von Bock 1827 für verrückt erklärt und aus der Festung Schlüsselburg entlassen wurde, plant seine Gattin Katharina die Flucht ins Ausland, die im letzten Momentmisslingt. Ihr Mann beschließt wie »ein eiserner Nagel im Leibe des Imperiums« zu bleiben. Aufbau: In dem Buch versteckt sich der Autor Kross hinter der Figur des Tagebuchverfassers. Sein Alter Ego, Jakob Mättik, Bruder von Katharina von Bock, ist beinahe die einzige fiktive Gestalt in dem Roman, dessen Handlung auf historischen Fakten basiert. Die meisten Hauptfiguren verkörpern tatsächliche Biografien. In die fiktiven Tagebuchseiten sind reale Briefe und Fragmente des tatsächlich existierenden Memorandums von Timotheus von Bock eingeflochten. Die Spannung steigert Kross, indem er die genaue Geschichte der Verhaftung von Bocks und der Inhalt seines Memorandums erst allmählich durch Mättiks Entdeckungen und Nachforschungen offenbart.
      Während am Anfang die Aufmerksamkeit des Tagebuchs den Ereignissen um Timotheus und Katharina gilt, wird der Blick des Lesers allmählich auf den zurückhaltenden Erzähler Jakob gerichtet, dessen Figur sich als eine Art Gegenpol zu dem Rebellen und tragischen Helden von Bock präsentiert und zugleich eine andere Lebensphilosophie verkörpert. Dem offenen, akti-ven Widerstand steht der Widerstand durch Un-beteiligung gegenüber. So wird der Handlung ihre Eindeutigkeit genommen und eine offene, subjektive Perspektive etabliert. Wirkung: Kross entlarvt die Mechanismen und Mittel der staatlichen Unterdrückung und betreibt eine gewagte Kritik an dem totalitären System, indem er unter anderem das Thema der inneren Emigration und des Exils in der Heimat aufnimmt. Gleichzeitig behandelt er das Thema der individuellen und kollektiven Selbstfindung durch Bildung und die Entdeckung der eigenen Geschichte. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und trug wesentlich zum Ruf des Autors bei, einer der bedeutendsten estnischen Erzähler des 20. Jahrhunderts zu sein.
      Hauptfiguren in »Der Verrückte des Zaren« von Jaan Kross
Timotheus von Bock: Der Adelige - es handelt sich um eine historische Figur - ist der Nachkomme eines alten deutsch-baltischen Geschlechts und von der Gleichheit aller Menschen überzeugt; es ist nicht klar, ob sein Wahnsinnszustand nach der Entlassung aus Schlüsselburg gespielt oder etwa echt ist. Von Spitzeln umgeben, kann er allein seiner Frau vertrauen; daher ist alles ihn Betreffende auch für den Verfasser des Tagebuchs nur andeutungsweise klar. Sein Tod bleibt geheimnisvoll. Katharina von Bock: Die Frau von Timotheus ist schön, klug und vielseitig gebildet, obwohl sie einer Bauernfamilie entstammt. Sie unterstützt ihren Mann, wird jedoch vom Zaren von der Strafe verschont und unternimmt unermüdliche Anstrengungen, um ihrem Gatten zu helfen; durch ihre Herkunft stößt sie bei der konservativen Mehrheit auf Ablehnung. Georg von Bock: Der Sohn von Timotheus und Katharina lernt seinen Vater erst nach dessen Entlassung kennen. Vom Zaren für das imperatorische Lyzeum bestimmt, wird er dem väterlichen Einfluss entzogen und macht eine glänzende Karriere bei der Marine.
Jacob Mättik: Der Bruder von Katharina und Autor des Tagebuchs erhält ebenso wie seine Schwester eine für seinen Stand außergewöhnliche Bildung. Im Gegensatz zu ihr fühlt er sich nirgendwo zugehörig. Durch Zufall entdeckt er in einem Versteck Bocks Memorandum und rekonstruiert in seinem Tagebuch das Geschehene. Pastor Masing: Der Gelehrte und Enzyklopädist ist Lehrer von Katharina-Eeva und Jakob. Er verfasst das erste umfangreiche deutsch-estnische Wörterbuch, das an seinem Todestag auf unerklärliche Weise verschwindet und nie wieder aufgefunden wird . Laming: Der Verwalter auf Gut Woiseck bespitzelt von Bock nach seiner Freilassung und benutzt die eigene Tochter, um Jakob Mättik zu verhängnisvollen Aussagen zu bewegen. Die Tochter verliebt sich jedoch in Jakob, beide müssen sich trennen. Peeter von Mannteuffel: Der Schwager von Timotheus von Bock bemächtigt sich des Gutes Woisek als Vormund des vermeintlich Verrückten. Er ist der Obrigkeit restlos treu, überwacht jeden Schritt der Familie von Bock und verfasst darüber genaueste Berichte.


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Kross,  Jaan    





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