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Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart

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Varnhagen, Rahel



»es wird mir nie einkommen, daß ich ein Schlemihl und eine Jüdin bin; da es mir nach langen Jahren und dem vielen Denken drüber nicht bekannt wird, so werd ich s auch nie recht wissen.« Hellsichtig hat Rahel Levin in dieser Äußerung an ihren ersten Korrespondenten David Veit 1793 ihr Schicksal benannt. Schlemihl und Jüdin - diese Verbindung blieb ihr existentielles Trauma. Als Frau und Jüdin war sie doppelt ausgeschlossen, einem zwiefachen Paria-Dasein ausgeliefert: der Absonderung durch die Gesellschaft und der intellektuellen Entmündigung im Hause. Sie gehörte zu jener Generation romantischer Frauen, die nicht nur eine Emanzipation der Gefühle, sondern menschliche Gleichstellung für sich forderten, aber doch auch erfahren mußte, daß die Frau einzig auf dem »bürgerlichen Amboß« einer standesgemäßen Heirat gesellschaftlich anerkannt wurde.



      Als Tochter eines zu Wohlstand gekommenen jüdischen Kaufmanns und Bankiers wurde sie geboren. Ihre Bildung war selbsterworben; der anarchische, rebellische Zug ihres Denkens, Fühlens und Schreibens mag hier seine Wurzeln haben. Seit Anfang der 90er Jahre traf sich in ihrem Dachstübchen im elterlichen Haus die intellektuelle und literarische »jeunesse dorec« Berlins, ein Ort des freien und geselligen Miteinander, außerhalb der hierarchisch-ständischen Gesellschaft: »Statt mit wenigen über wenigeszu sprechen, spricht Rahel mit allen über alles« . Ihr Talent lag im Gespräch, in der Geselligkeit im umfassend frühromantischen Sinn. Sie wirkte allein durch die Faszination ihrer Person, durch ihr pädagogisch-erotisches Geschick, mit dem sie Männer der unterschiedlichsten Klassen und Begabungen weckte, eme »moralische Hebamme« nannte sie Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Dabei besaß sie ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein, einen scharfen, sondernden Intellekt: »Ich bin so einzig, als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen. Und der den andern ausschließen wollte, schließt nur sich aus. Mir aber war das Leben angewiesen« . Zweimal versuchte sie, den Makel ihrer »infamen Geburt« durch Liebesbeziehungen zu Angehörigen des Adels zu verdecken; zweimal wurde sie verlassen — »Schicksalsprügel, wovon die Flecke nicht vergehen«. 1808, zwei Jahre, nachdem durch Preußens Niederlage gegen Napoleon das Geschäft ihrer Brüder und damit auch das Leben der Geschwister in Bedrängnisse geraten war, lernte sie Karl August Varnhagen kennen. Der um vieles jüngere Diplomat im Dienste Preußens und Schriftsteller wurde ihr Kind, Schüler und Liebhaber, später der sie vergötternde Prophet, Chronist und Editor. Zugleich mit der 1814 erfolgten Heirat trat sie zum Christentum über und ließ sich auf den Namen Friederike taufen - und blieb doch unter aller Schminke der Anpassung bis an ihr Lebensende Schlemihl und Jüdin. Sie begleitete ihren Mann 1814/1815 zum Wiener Kongreß. Von 1816 bis 1819 lebte sie in Karlsruhe, wo Varnhagen preußischer Geschäftsträger am badischen Hof war. Nach seiner Abberufung - hinter der man den neu aufflammenden Antisemitismus vermuten darf- lebte sie seit Oktober 1819 wieder in Berlin. Jetzt erst entfaltete sie, als Gattin eines Mannes von Reputation, in ihrem Salon eine weithin ausstrahlende gesellschaftliche Wirksamkeit. Sie trat in Wort und Tat tür Johann Wolfgang von Goethe, aber auch für die Sozialrevolutionären Utopien des Saint-Simonismus ein, verkehrte freundschaftlich mit dem jungen Heinrich Heine, aber auch weiterhin mit dem ultramontanen Metternich-Vertrauten Friedrich von Gentz. Als

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starb, hatte sie kein Werk im Sinne der literarischen Ãœbereinkunft hinterlassen. Ihr Werk besteht aus Briefen, deren Zahl bis an die Zehntausendergrenze gehen dürfte und die nur zum Teil veröffentlicht wurden. Anders als im Falle Bettina von Arnims, die persönliche Zeugnisse zu Briefromanen komponiert und damit Uterarisch stilisiert hat, sind

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s Briefe ungezähmte private Äußerungen. »Mein Leben soll zu Briefen werden«, hat sie selbst einmal bekannt. Was und wie sie es schreibt, ist leidenschaftlich bis zum Schamlosen, ja Ordinären, lebendig und dabei voller Witz und Klatsch, immer aber originell und spontan — abgerissene Gedanken eines unendlichen Gesprächs.
     


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Varnhagen,  Rahel    





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